Von news.de-Redakteur Tobias Köberlein
Luigi Falornis Kriegsdrama «Feuerherz» war der politische Aufreger bei der letztjährigen Berlinale. Nun läuft die frei adaptierte Filmfassung des umstrittenen Bestsellers von Senait Mehari in den Kinos. Und enttäuscht auf der ganzen Linie.
Bisweilen ist die Entstehungsgeschichte eines Films interessanter als das Ergebnis selbst. Prozesse, Proteste, Pressehype - drei große «P» lasten bleischwer auf Luigi Falornis Verfilmung des Bestsellers Feuerherz von Senait Mehari. 2004 kam das Buch auf den Markt. Die Autorin schildert darin ihre bedrückenden Erfahrungen als Kindersoldatin in der Eritrean Liberation Front (ELF) zu Beginn der 1980er-Jahre. In einem von der Welt kaum wahrgenommenen Krieg erkämpfte sich Eritrea seinerzeit die Unabbhängigkeit von Äthiopien, die das Land 1993 auch tatsächlich erreichte.
600.000 Mal hat sich Feuerherz allein in Deutschland verkauft. Schon kurz nach Erscheinen des Buches meldeten sich Kritiker und ehemalige Mitkämpfer der mittlerweile in Deutschland lebenden Senait Mehari zu Wort, die den Wahrheitsgehalt erheblich in Zweifel zogen. Almaz Yohannes, von Mehari, als unbarmherzige Kommandantin der Kindersoldatentruppe porträtiert, klagte gegen das Buch. Die Autorin tingelte derweil durch Talkshows und verteidigte ihre Sicht der Dinge.
Erdrückt von den Skandalmeldungen in der Presse lief Feuerherz 2008 bei der Berlinale. Vor den Kinos hielten Demonstranten Pappschilder gegen die Autorin und den Film hoch. Drinnen rührte sich nach der Pressevorführung keine einzige Hand zum Beifall. Gespenstische Stille erfüllte den Saal. Selbst alte Berlinale-Hasen hatten so etwas noch nicht erlebt.
Die durch den Medienrummel verursachten ungünstigen Umstände haben sicherlich dazu beigetragen, dass Feuerherz - gelinde gesagt - kein guter Film geworden ist. Falorni, der mit Die Geschichte vom weinenden Kamel noch einen der bewegendsten Dokumentarfilme der letzten Jahre gedreht hat, ist sowohl mit der Dramaturgie als auch mit der Führung der Schauspieler sichtlich überfordert. All dies wäre schon schlimm genug, doch das noch größere Manko von Feuerherz besteht darin, das Falorni über den gesamten Film keinen eigenen Standpunkt findet.
Brav reiht er Szene an Szene, erzählt von der kleinen Awet (Letekidan Micael), die in einem katholischen Waisenhaus im eritreischen Asmara aufwächst. Als sie alt genug zum Arbeiten ist, holt sie ihr Vater zu sich. Zum Abschied drücken ihr die italienischen Schwestern ein flammendes Herz in die Hand. Das Feuerherz wird zum Symbol für Awets Widerstandsgeist, den sie früher unter Beweis stellen muss, als ihr lieb sein kann.
Mit ihrer älteren Schwester Freweyni (Solomie Micael) schuftet Awet für ihren phlegmatischen Vater, einen Nichtsnutz, der in erfundenen Erinnerungen an seine Zeit als Bürgerkriegsrebell schwelgt. Irgendwann verkauft er seine Kinder an die eritreische Befreiungsarmee. Während Freweyni im Lager Schießen lernt, drücken die Rebellen Awet erst einmal ein Holzgewehr in die Hand. Doch die Umstände erfordern es, dass sich auch Awet bald im Kampf bewähren muss.
Mit erschreckender Naivität schildert Regisseur Luigi Falorni die Geschehnisse im Lager, die politische Indoktrination der Neuzgänge, die Scharmützel mit dem Feind. Über die politischen Hintergründe erfährt der Zuschauer hingegen so gut wie nichts. Schuld daran ist eine immerhin konsequent zu nennende Verengung der Perspektive. Falorni zeigt die Ereignisse aus Sicht der jungen Awet, die mit der Zeit ihre anfängliche Begeisterung für den Kampf verliert und zur entschiedenen Kriegsgegnerin wird. Einmal nimmt sie sogar die Patronen aus den Gewehren, was ihren Mitstreitern beinahe das Leben kostet.
Die Motivation für diese Wandlung macht der Film allerdings an keiner Stelle deutlich. Begründet wird sie fast ausschließlich durch den in Awet angelegten Widerspruchsgeist. Das Trotzköpchen, das für einige Zeit Gefallen am Kriegsspiel fand, wendet sich schließlich gegen die Kommandantin Ma'aza (Seble Tilahun), eine Hardlinerin, die den Dienst an einer vage formulierten Idee über jede Form der Menschlichkeit stellt.
Gräueltaten, Massenvergewaltigungen, das Elend des Krieges - all dies klammert Feuerherz aus. Stattdessen zeigt Falorni den Kampf als eine Art Abenteuerspielplatz, romantisiert ihn geradezu in fast schon schwelgerischen Bildern. Einmal sitzt Awet auf einem Baumstamm und blickt in die untergehende Sonne. Unten baumelt ihre Waffe - ein Bild so naiv wie der gesamte Film. Feuerherz rührt nicht, bewegt nicht, löst beim Betrachter keine Emotionen aus. Etwas Schlimmeres kann man über einen Film eigentlich nicht sagen.
Titel: Feuerherz
Regie: Luigi Falorni
Deutschland/Österreich 2007
Darsteller: Letekidan Micael, Solomie Micael, Daniel Seyoum
FSK: ab 12 Jahren
Länge: 92 Minuten
Starttermin: 29. Januar