Von news.de-Redakteur Tobias Köberlein
Dinge müssen sich ändern, damit alles bleibt, wie es ist. Franz Ferdinand räumen die Gitarren nach hinten und rollen die Synthesizer ins Studio. Mit ihrem dritten Album befreien sich die Schotten von der Vergangenheit und erfinden sich auf Höhe der Gegenwart neu.
Einfach mal von hinten anfangen: Track neun, Lucid Dreams. Die Stimme von Alex Kapranos, brüchig und leicht falsettierend. «I Woke with Wings from Lucid Dreams.» Klingt wie der Beginn eines typischen Franz Ferdinand Songs, Version '04 oder '05. Könnte auch vom Vorgänger-Album You Could Have It So Much Better sein. Doch dann, nach 30 Sekunden, treibt der Song plötzlich in eine völlig neue Richtung. Crescendo, blubbernde Synthies - und dann schlägt Lucid Dreams um.
Es fiept, es kracht, der Bass wummert, bis sich fast der Magen ausstülpt. Aus der musikalischen Ursuppe schält sich ein Gitarrenriff heraus, das sich wieder im Unendlichen verliert. Lucid Dreams ist ein Song, für den man die Kopfhörer auspacken sollte, der aber auch als Disconummer perfekt funktioniert.
An Lucid Dreams scheiden sich die Geister. Spätestens hier werden konservative Franz Ferdinand-Fans aussteigen und das Album in die Ecke stellen. Die Band hätte es sich auch leichter machen und einfach eine weitere Platte im Stil von You Could Have It So Much Better nachlegen können. Den Fans wäre es recht gewesen, die Kritiker hätten es ihnen verziehen. Doch Franz Ferdinand sind nicht AC/DC, nicht Oasis.
Es sei nicht so sehr darum gegangen, etwas Neues zu schaffen, sondern «das Alte zu vermeiden», hat Bassist Bob Hardy über Tonight gesagt. Besser kann man es nicht ausdrücken. Es ist ja nicht so, dass Franz Ferdinand Bewährtes über Bord geworfen hätten. Man höre sich Ulysses an. Oder Turn It On. Elektro-Gefrickel und Synthie-Blubbern mischen sich mit treibenden Gitarren. Die Nacht hat gerade begonnen. «You're not going home, you're not Ulysses», heißt es programmatisch.
Irgendwie ist Tonight fast so etwas wie ein Konzeptalbum geworden, der Soundtrack für eine durchfeierte Nacht samt ihrer Exzesse. Das Album-Cover sieht aus wie ein Paparazzo-Foto: vier Männer in dunklen Anzügen im Schutze der Dunkelheit. Einer liegt wie bewusstlos am Boden, einer hebt die Hand abwehrend vor die Kamera. Die Party ist zu Ende, doch bis es soweit ist, schicken uns Franz Ferdinand auf eine Reise durch die Nacht und durch die vielfältigsten musikalischen Stile.
Das grandiose Twilight Omens hätte mit seiner Kombination aus Synthie-Georgel, Gitarren und Harmoniegesang auch einen würdigen Platz auf dem Soundtrack zu einem französischen Teenie-Film der 80er Jahre gefunden. Bite Hard beginnt mit verhaltenen Pianoklängen und endet als brachiale Rückkopplungsorgie. What She Came For groovt funky zu einem Discobeat, und das sphärische Dream Again würde auch den Elektro-Fricklern von Simian gut zu Gesicht stehen. Als Rausschmeißer gibt's noch eine Ballade: das nur von einer Akkustikgitarre begleitete Katherine Kiss Me. «Come On, Let's Get High», hat Alex Kapranos zu Beginn auf Ulysses versprochen. Die Nacht ist zu Ende, der Morgen graut. Durchatmen und träumen - vom nächsten Trip durch die Nacht mit Franz Ferdinand.
Interpret: Franz Ferdinand
Titel: Tonight: Franz Ferdinand
Plattenfirma: Domino/Indigo
Spielzeit: 45 Minuten
Erscheinungsdatum: 23. Januar