Wahlkampf im Netz Obamas Politik 2.0

Barack Obama ist Präsident. Viele meinen, dass damit für Amerika ein neues Zeitalter anbricht. Im Wahlkampf ist das schon längst der Fall, wie ein aktuelles Buch zeigt. Auch im deutschen Superwahljahr wird das Internet immer wichtiger werden.

Jeffersons Erben (Foto)
Tobias Moorstedt beleuchtet in seinem Buch vor allem Barack Obamas Online-Wahlkampf. Bild: news.de

Der Journalist Tobias Moorstedt zeigt in Jeffersons Erben. Wie die digitalen Medien die Politik verändern eindrucksvoll, wie insbesondere Barack Obama im Internet Themen setzen, Wähler mobilisieren und Spenden sammeln konnte. Und der als Speerspitze der Politik 2.0 gefeierte Obama ist bei weitem nicht der einzige, der auf Homepages, Blogs und Twitter setzt.

Besonders lesenswert ist das Buch, weil es voraus schaut und wichtige Fragen zur Zukunft der politischen Prozesse stellt, zugleich aber auch die Intentionen der Politiker und die Möglichkeiten des Netzes historisch einordnet. Obama hat seine Anhänger über das Internet direkt erreichen können, sie haben sich selbst organisiert, untereinander vernetzt und ihren Kandidaten damit unterstützt.

Umgekehrt können die Wähler durch das Internet direkt mit den Machthabern kommunizieren und das Geschehen viel besser kontrollieren. Beide Ansätze verfolgte schon Thomas Jefferson, der dritte Präsident der USA, als er sein Ideal einer Demokratie formulierte. Obamas innovative Methoden rühren also aus einer uramerikanischen Idee.

Moorstedt gerät durchaus ins Schwärmen, wenn er von der digitalen Dynamik spricht, von sozialer Energie und völlig neuen Dimensionen von Offenheit, Transparenz und Partizipation. Damit fängt er gut die Aufbruchstimmung in den Vereinigten Staaten ein, die sich während des Wahlkampfes auch und gerade im Netz ausgebreitet hat. Das Internet, so hofft er, könne eine «Einstiegsdroge in die Sucht Demokratie» werden.

Allerdings wirft er damit auch wichtige Fragen auf. Zum einen ist sich Moorstedt durchaus bewusst, dass die Online-Dynamik auch zu Hetze und Gehetztsein führen kann. Politik droht zum Videospiel zu werden, umgekehrt verwandelt sich der online engagierte Bürger zum gläsernen Wähler. Zum anderen erstaunt, welche Möglichkeiten sich dem Wähler, dem Volk als Opposition, nach Ansicht des Autors erst durch die neuen Medien erschließen - und wie undemokratisch das politische System also im Umkehrschluss bisher gewesen ist.

Lesen Sie auf Seite 2, welche Rolle das Internet im deutschen Superwahljahr 2009 spielen wird

Vor allem aber muss man sich fragen, wie weit Moorstedts Beobachtungen und Schlussfolgerungen sich auf Deutschland übertragen lassen. In einem Land, in dem offensichtlich selbst eine die Grundfesten des Systems erschütternde Wirtschaftskrise nicht ausreicht, um einen bedeutenden Teil der Bevölkerung zu politisieren, muss man bezweifeln, ob eine ähnliche Euphorie entfacht werden kann wie in den USA. Der Mitgliederschwund der Parteien, die viel beschworene Politikverdrossenheit und zuletzt die geringe Wahlbeteiligung in Hessen deuten nicht darauf hin.

Das ist durchaus ein Anlass zur Besorgnis. Denn Jeffersons Erben führt vor Augen, dass das Internet nicht nur den Bürgern neue Möglichkeiten bietet, sondern auch den Politikern, Parteien und Spindoctors. Und die werden von den neuen Werkzeugen definitiv Gebrauch machen. Die neuen Medien könnten sich also keineswegs nur als ein Mittel zur Demokratisierung entpuppen, sondern auch als das perfekte Medium zur Manipulation.

Moorstedts Begeisterung ist deshalb nicht uneingeschränkt zu teilen. Auch an anderer Stelle verwundern die Schlussfolgerungen des Autors, etwa wenn er mehr blog-ähnliche Meinungsmache in den Medien fordert und den klassischen Journalismus für überholt hält. Diese Unbedingtheit in seinen Thesen und seinem Optimismus ist das Problem an dem Buch. Nirgends findet sich die Suche nach dem Kompromiss, die in der Politik so wichtig ist - und die sich schließlich auch Obama auf die Fahnen geschrieben hat.

Nützliche Links zum Online-Wahlkampf in den USA:

Obamas offizielle Homepage
www.barackobama.com/index.php

Das Obameter der St. Petersburg Times beobachtet Obamas Wahlversprechen
www.politifact.com/truth-o-meter/promises/

Die offizielle Webseite des Weißen Hauses erscheint in neuem Gewand, seit Obama dort wohnt
www.whitehouse.gov

Fotos von Barack Obama bei Flickr
www.flickr.com/photos/barackobamadotcom


Auf Twitter sind Obama und sein Wahlkomitee auch vertreten
twitter.com/BarackObama
twitter.com/obamainaugural

Obama bei Myspace
www.myspace.com/barackobama


Autor: Tobias Moorstedt
Titel: Jeffersons Erben. Wie die digitalen Medien die Politik verändern
Verlag: Edition Suhrkamp
Umfang: 165 Seiten
Preis: 9 Euro
Erscheinungsmonat: September 2008

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