Von news.de-Redakteur Tobias Köberlein
Rebecca Martin ist 18 und hat mit «Frühling und so» ihren ersten Roman geschrieben. Weil die sexuellen Erfahrungen ihrer Hauptfigur darin einigen Platz einnehmen, wird das Buch mit Charlotte Roches «Feuchtgebiete» verglichen. Ein Missverständnis, doch eines, das auch Vorteile hat.
Skalitzer Straße, Berlin-Kreuzberg. Ein Szenecafé, plüschige Sofas, guter Milchkaffee. Rebecca Martin schleicht in den Raum, unauffällig, kaum hörbar. Ihre Augen sind groß, die Stimme dunkel. Obwohl: Könnte auch die Erkältung sein, die sie gerade peinigt.
Weit hat sie es nicht gehabt. Sie wohnt nur ein paar Straßen entfernt, am Schlesischen Tor, zusammen mit ihrer Schwester. Die Eltern leben gleich nebenan. Familienbande eben – wie in ihrem Buch. Raquel, die Romanfigur, und Rebecca, die schwer verschnupfte junge Frau, die mit dem Löffel im Kaffee rührt - sie sind identisch, könnte man glauben. Doch das wäre ein Fehler.
Seit Raquel von Noa verlassen wurde, nagt der Frust an ihr. «Manche Mädchen sind von der Sorte, über die Rockstars Lieder schreiben, ich gehöre irgendwie nicht dazu, glaube ich.» So heißt es im Roman. Im Café verströmt sich melodischer Indiepop. Er verliert den Kampf gegen Tassengeklapper und Gästelachen.
«Eigentlich bin ich gar nicht musikalisch», sagt Rebecca Martin, als sie auf den Sound von Frühling und so angesprochen wird. Sie mag Belle and Sebastian. Zum Beispiel. So wie viele andere Mädchen auch. Anders als Raquel, die auf der Suche nach der großen Liebe ist, sich aber geniert, ihren süßen Nachbarn Julian anzusprechen, lebt Rebecca Martin gerade in einer festen Beziehung. Und anders als ihre Romanfigur, die immer gehörig Appetit hat, besonders auf Süßes, verschmäht Rebecca Martin Kuchen. Sie mag es lieber herzhaft.
Frühling und so fühlt sich an wie Berlin. Im Prinzip könnte Raquels Geschichte überall spielen, sagt Rebecca Martin, aber die Art, wie die Menschen im Roman miteinander umgehen sei schon typisch Kreuzberg. Es ist der Sound der Gegend zwischen Oranienstraße und Oberbaumbrücke. Partys, durchtanzte Nächte, Sex mit Typen, die irgendwie süß sind.
Rebecca Martin scheut nicht davor zurück, diesen drastisch zu beschreiben: «Schlicht und sachlich zieht er mich aus ... Ich knöpfe das Designerhemd auf, das er trägt, küsse seine unbehaarte jugendliche Brust ... Wir schlafen miteinander, schlicht und sachlich, sein Schwanz ist hart, ich finde, ungewöhnlich hart, aber er fühlt sich angenehm in mir an, irgendwie männlich und potent.»
Sätze wie diese haben dazu geführt, dass Frühling und so mit Feuchtgebiete verglichen wurde. Keine schlechte Idee aus der Sicht der Marketing-Strategen. Im Kielwasser des Roche-Romans hat es Rebecca Martins Erstling auf die Spiegel-Bestsellerliste geschafft. Ein literarisches Frollein-Wunder, Sex ohne Schere im Kopf, unverblümt, geradeaus. Das passt. Und es nervt. Zum Beispiel Rebecca Martin, die sofort die Augenbrauen hochzieht, sobald sie auf Charlotte Roche angesprochen wird. Nein, sie sehe keine Ähnlichkeiten mit Feuchtgebiete. Und nein, mit den Sexszenen habe sie nicht provozieren wollen. «Raquel hat doch gar nicht so viel Sex», sagt sie.
Dass sich viele Leserinnen mit Raquel identifizieren können, hat seinen Grund. Raquel verkörpert einen Zwiespalt, glaubt Rebecca Martin. Sie ist eine Träumerin – hin und hergerissen zwischen dem Bedürfnis, einfach in den Tag hineinzuleben und dem Zwang, mit seinem Leben etwas Sinnvolles anzustellen. Sex könnte eine Möglichkeit sein, mit dem Druck fertig zu werden.
«Raquel ist eine Collage aus Eindrücken, die ich gesammelt habe», sagt die Autorin. Beobachten, aufschreiben – das ist Rebecca Martins Stärke. Die besten Ideen seien ihr beim Einkaufen gekommen, sagt sie. Im Laufe der Zeit habe sich ihre Hauptfigur verselbstständigt. Irgendwann wurde sie ihr fremd. «Wenn ich Raquel auf der Straße treffen würde, fände ich sie zu aufgedreht.»
Interviews hier, eine Lesung dort – den momentanen Trubel um ihre Person nimmt Rebecca Martin gelassen. Sie geht noch zur Schule, macht dieses Jahr Abitur. Danach möchte sie erst mal weg aus Berlin. Weg aus ihrem Kiez. Australien wäre schön. Sie hat Verwandte dort. Nur nicht zu früh festlegen lassen. Vielleicht spielt Rebecca Martin wieder einmal in einem Film mit. Hat sie auch schon getan – eine Nebenrolle in dem ARD-Schuldrama Guten Morgen, Herr Grothe.
Ein weiterer Roman steht momentan nicht an. Doch wer weiß! Vielleicht schreibt sie irgendwann wieder über Raquel. Die Figur zehn Jahre später, Raquel reloaded. Wäre interessant zu sehen, wie es ihr dann ginge. «Raquel hätte es sicher zu etwas gebracht, wäre weiter kreativ», glaubt die Autorin. Klingt gut. Klingt irgendwie nach Rebecca Martin.
Frühling und so
Anais-Verlag
9,90 Euro