Von news.de-Redakteur Tobias Köberlein
Eigentlich sollte es bei Anne Will um die Hessen-Wahl gehen. Doch die Moderatorin hatte ihre eigene Talkshow nicht im Griff. Mitten in einer chaotischen Diskussion schwang sich stattdessen NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers zum Zampano auf.
Lange hatte sich Rüttgers zurückgehalten. Zu seinen Erregungshöhepunkten zählte bereits das süffisante Lächeln, mit dem er die Ausführungen seines Sitznachbarn Klaus Wowereit über die Selbstständigkeit der SPD-Landesverbände quittierte. Als sich Linke-Politikerin Sahra Wagenknecht allerdings über die vermeintliche Gier der Bankmanager und ihre 25-Prozent-Rendite-Ziele empörte, fuhr Rüttgers barsch dazwischen. «Beenden Sie das Verstaatlichungsgequatsche», herrschte der CDU-Politiker Will an. Es war der negative Höhepunkt in einer Sendung, in der Will die Zügel von Minute zu Minute mehr entglitten.
Vielleicht hatte die Moderatorin aber einfach nur die falschen Gäste eingeladen. «Schlussakt im Hessen-Theater - Vorhang auf fürs Superwahljahr» - darum sollte es in der Gesprächsrunde gehen. Neben Rüttgers und Berlins Regierendem Bürgermeister Klaus Wowereit ereiferten sich N24-Moderator Michel Friedman, die Publizistin Brigitte Seebacher, Witwe von Willy Brandt, sowie Sahra Wagenknecht, Europaabgeordnete der Linken und mit hessischen Verhältnissen wenig vertraut.
In einem Einspielfilm konfrontierte Will Wagenknecht mit den chaotischen Vorgängen bei einer Delegiertenkonferenz der Partei Die Linke in Hessen. Ob denn ein solcher Haufen reif fürs Parlament sei, fragte die Moderatorin. Die Sprecherin der Kommunistischen Plattform blieb ruhig, relativierte das Beinahe-Handgemenge als «normale Prozesse in einer jungen Partei». Auch auf Wills Frage nach massenhaften Parteiaustritten und der Auflösung ganzer kommunaler Parteiverbände konterte die Linke-Politikerin gelassen. Statt nachzuhaken, ließ Will die Sache auf sich beruhen und ging auch dann nicht dazwischen, als Wagenknecht zu einem längeren Exkurs über die Rolle der Banken in der Finanzkrise ausholte.
Das besorgte dann Rüttgers. Der Einstieg des Bundes bei Unternehmen sei keineswegs als Verstaatlichung misszuverstehen, so Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident. Der Staat wolle «Firmen retten». Es gehe nicht darum, «sich in die operative Führung einzumischen», wie es die Linke anstrebe, kanzelte er Wagenknecht ab, die zuvor nicht ganz zu Unrecht die Auswüchse des Turbokapitalismus gegeißelt und der SPD das soziale Profil abgesprochen hatte.
Nach Rüttgers' Rüffel bemühte sich Anne Will darum, die Diskusson auf das eigentliche Thema Hessen-Wahl zurückzubringen. Michel Friedman, der bereits vorher mit seinem oberlehrerhaften Duktus die Diskussion dominiert hatte, erhöhte nun noch einmal die Schlagzahl. Nach der Spendenaffäre um Roland Koch aus der hessischen CDU ausgetreten, hieb Friedman kräftig auf den «Wahlsieger» ein. Mit der Wiederwahl Kochs sei die politische Kultur in Hessen «keinesfalls verbessert worden», erklärte der ehemalige stellvertretende Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland gewohnt apodiktisch. Ob Koch eine zweite Chance verdient habe, wollte Will von Friedman wissen. «Es ist doch schon seine dritte», erwiderte der gewitzt und hatte damit die Lacher auf seiner Seite.
Friedmans Anspielung auf Kochs kontroversen Wahlkampf im letzten Jahr nahm Brigitte Seebacher auf. Zur allgemeinen Überraschung gerierte sie sich als die eifrigste Verteidigerin des (noch) geschäftsführenden Ministerpräsidenten des Landes Hessen. Seebacher bezeichnete Koch als «tüchtigen Ministerpräsidenten», der sich wohltuend von blassen Erscheinungen wie Merkel und Steinmeier unterscheide. Die Lobhudelei veranlasste nun wiederum Friedman zu einer Verschärfung des Tons. Kochs Wahlkampf sei ausländerfeindlich und in Teilen auch rassistisch gewesen, erregte sich Friedman und ließ dabei offen, ob Koch nur zum Zwecke des Machterhalts Kreide gefressen habe.
Roland Kochs vermeintliche Wandlungsfähigkeit beherrschte schließlich das letzte Viertel der Diskussion. Er sei sich nicht sicher, ob der zahme Koch der wahre Koch sei, gab Klaus Wowereit zu bedenken. Auch Rüttgers wollte seinen Parteifreund nur halbherzig verteidigen. Er schätze ihn als «fähigen und auch nachdenklichen» Ministerpräsidenten, der in seinem Land eine ordentliche Integrationspolitik betreibe. Da widersprach auch Friedman nicht.
Für einen letzten Schmunzler sorgte dann noch einmal Klaus Wowereit. Was das Hessen-Ergebnis für die Bundes-SPD und die anstehenden Bundestagswahlen bedeute, wollte Anne Will von Berlins Regierendem wissen. Die SPD verfüge über «gutes Personal» und sei mit ihren Themen, etwa Bildung, gut aufgestellt, erkärte Wowereit. Rüttgers grinste, Anne Will nicht. Das Lachen dürfte ihr nach dieser Sendung vergangen sein. Die ARD will bald darüber entscheiden, wer vor der Bundestagswahl im September das TV-Duell zwischen Angela Merkel und Frank Walter Steinmeier moderieren darf. Zur Auswahl stehen Anne Will und Frank Plasberg. Wills Chancen sind seit gestern sicher nicht besser geworden.
Auch ich war sehr erschrocken über den unqualifizierten Wutausbruch von Rüttgers. Frau Wagenknecht hatte nun einmal bedeutend mehr Sachverstand als Rüttgers, was er nicht ertragen konnte. Ebenso die Frau Seebacher-Kopper hätte man wohl besser unter den Zuschauern plazieren sollen. Es war doch alles Unsin, was sie vorgebracht hat. Man sollte hier nicht immer Frau Will für pöbelhaftes Verhalten bestimmter Gäste verantwortlich machen. Herr Rüttgers hat es immerhin der Gutmütigkeit von Frau Will zu verdanken, dass er keinen Platzverweis erhalten hat.
jetzt antwortenKommentar meldenEs war wie in manchen Kindergärten. Alle quatschten wild durcheinander. Auf Fragen von Frau Will wurde kaum eingegangen. Schuld an diesem Chaos war nicht nur die Moderaterin, sondern vor allem das Gehabe des Herrn Rüttgers dessen unmögliches Gegrinse ich recht unpassend fand.
jetzt antwortenKommentar meldenDie Gesprächsrunde bei Anne Will ist immer wieder vom Thema abgewichen und Anne Will, von der ich normalerweise ein Fan bin, hat die Diskussionspartner nicht zum Sachverhalt zurück führen können, die Leute nicht ausreden lassen und mit der Anmoderation des Filmes "Der Gewinner Guido Westerwelle" sich völlig im Ton, Kommentar und Mimik vergriffen. Es fehlten Vertreter der eigentlichen Gewinner der Hessenwahl -Die Grünen und FDP-! Rundum eine schlechte Sende - leider zurück zuführen auf die Moderation und die Zusammensetzung der Gesprächspartner.
jetzt antwortenKommentar meldenIch weiß gar nicht, was die Leute alle haben. Verläuft die Sendung ruhig, dann wird gemotzt, daß nichts los ist bei Anne Will. Ist mal was los, dann ists auch wieder nicht recht. Es ist schlimm, wenn alle immer nur einem Leithammel nachrennen und sich nicht ihre eigene Meinung bilden. Ich für meinen Teil fand Anne Will am Sonntag so richtig gut!
jetzt antwortenKommentar meldenAnne Will war so schlecht wie nie zuvor! Sie sollte zumindest mit dieser Sendung endlich aufhören! Anne Will sollte ihren Namen ändern..................in Anne Wollte.
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