Wir befinden uns im Wahljahr 2009. Die Parteien arbeiten schon eifrig an ihren Strategien für den Bundestagswahlkampf, der ein Online-Wahlkampf werden könnte. Denn immer mehr Parteien und Spitzenpolitiker entdecken das Internet für sich.
«Über allem weht ein Hauch von Obamania», heißt es in einer Studie mit Blick auf den Internet-Wahlkampf des künftigen US-Präsidenten Barack Obama. Denn deutsche Parteien und Spitzenpolitiker nehmen laut der Studie der Online-Agentur Newthinking Communications auch im Internet Kurs auf die Bundestagswahl im Herbst. Ihre Präsenz sowohl mit einem eigenen Internetauftritt als auch in sozialen Netzwerken wie StudiVZ und Facebook nahm in den vergangenen Monaten zu, liegt jedoch noch auf einem eher niedrigen Niveau.
Untersucht wurden in der Studie, die am Mittwoch in Berlin veröffentlicht wurde, die Präsenz von Parteien, Jugendorganisationen sowie Spitzenpolitikern in den in Deutschland relevantesten sozialen Netzwerken (Xing, MySpace, Facebook) sowie auf YouTube und Twitter.
Das Ergebnis zeigt, dass Aktivitäten deutscher Parteien und Spitzenpolitiker im sozialen Netz zunehmen, noch sei aber nicht abzusehen, ob ähnlich wie in den USA das Superwahljahr 2009 zu einem Online-Spektakel wird. Das Superwahljahr erreicht am 27. September mit der Bundestagswahl seinen Höhepunkt. Zudem finden in diesem Jahr noch verschiedene Landtags- und wichtige Kommunalwahlen, die Europawahl sowie die Wahl des Bundespräsidenten statt. Die Zahlen der Studie spiegeln jedoch schon deutliche Tendenzen zur Online-Wahlkampftauglichkeit wider.
Zum einen ist die Rolle von Facebook als Leitplattform für den Onlinewahlkampf nach Ansicht der Studie absehbar. Ein kurzer Blick genügt, und es finden sich Profilseiten von einigen Parteien wie der FDP, der Linken oder der SPD, aber auch von Spitzenpolitikern.
Unter anderem haben Guido Westerwelle (FDP), Gerhard Schröder (SPD), Kurt Beck (SPD), Angela Merkel (CDU) und der neue Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier (SPD) ein Nutzerkonto bei Facebook. Jedoch haben die deutschen Politiker noch recht wenige Unterstützer: Frank-Walter Steinmeier mit derzeit 799 Unterstützern kann längst noch nicht an den künftigen US-Präsidenten Barack Obama mit 3,7 Millionen Unterstützern heran reichen.
Auf der anderen Seite wird auch das Videoportal YouTube eine immense Rolle im Online-Wahlkampf spielen. Im vergangenen Jahr hat sich die Anzahl der Partei-Videos bei YouTube weiter erhöht. Sämtliche Parteien wie CDU, CSU, SPD, FDP, die Grünen und die Linken haben bereits Online-Übertragungen von Sitzungen oder Wahlwerbespots ins Netz gestellt. Die CDU besitzt sogar einen eigenen YouTube-Kanal und überträgt auf diesem «CDU TV».
Der Microblogging-Dienst Twitter wird von Politikern bisher noch sehr wenig genutzt. Die Grünen haben einen eigenen Twitter-Kanal und kommen mittlerweile auf 1459 „Follower“. Bei den Grünen twittern sogar Landesfraktionen wie die nordrhein-westfälische. Auch die FDP-Bundestagsfraktion twittert. Dort gibt es wenig Interaktion und mit 254 auch deutlich wenig „Follower“. Ebenfalls twittern auch einige Politiker wie SPD-Generalsekretär Hubertus Heil oder Hessens SPD-Spitzenkandidat für die Landtagswahl, Thorsten Schäfer-Gümbel. Bei den anderen Parteien oder Politikern ist damit zu rechnen, dass offizielle Twitter-Kanäle in den nächsten Monaten gestartet werden.
Die Studie der Online-Agentur Newthinking Communication hat auch die Verlinkungszahlen der Partei-Domains untersucht. Das Ergebnis: Alle Parteien haben an Verlinkungen verloren. Die Seite der SPD wird mit 1382 Verweisen immer noch am Besten verlinkt. Im Juni 2008 waren es allerdings noch 2206 Verweise. Knapp hinter spd.de kommt cdu.de mit 1271 Links (Juni: 1478). Auf den hinteren Plätzen folgen gruene.de (Aktuell 674/Juni 2008: 934), die-linke.de (616 /745) , liberale.de (277/328)/fdp.de (157/185) und csu.de (200/349).
Allen anderen voran ist die SPD mit einer Überarbeitung der Webseite in den virtuellen Wahlkampf gestartet. Zahlreiche Änderungen wurden vorgenommen: Die neue Grundfarbe der Webseite ist jetzt hellblau statt rot. Beim ersten Klick wird man zum Beispiel nicht mehr von Parteichef Franz Müntefering empfangen, sondern von Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier. Auch der Slogan ist anders: «Anpacken. Für unser Land.» Bisher hieß es auf der ersten Seite: «Das soziale Deutschland. SPD.» Zudem sind nun Online-Spenden möglich.
Die Online-Kampagne soll nach den Worten von SPD- Bundesgeschäftsführer Kajo Wasserhövel in den kommenden Monaten das «Herzstück» der sozialdemokratischen Wahlkämpfe sein. Auch die anderen Parteien wollen in diesem Jahr verstärkt auf Internet-Kampagnen setzen.
«Eine eigene Facebook-Seite, ab und an bei YouTube ins Internet sprechen und vielleicht ein eigenes Blog oder ein Twitter-Account werden zur Standardausstattung aller halbwegs motivierten Kandidatinnen und Kandidaten für politische Mandate gehören», prophezeit Markus Beckedahl, einer der Autoren der Studie.
Beckedahl zählt mit netzpolitik.org zu den bekanntesten Bloggern in Deutschland. Er rechnet damit, dass das Internet erst in der heißen Phase vor der Bundestagswahl intensiv als Wahlkampfinstrument genutzt wird - zu spät, um sich eine kritische Masse an Anhängern aufzubauen. «Das ist ein langfristiger Prozess», erläutert Beckedahl. In den USA hätten die Kandidaten zwei Jahre vor der Wahl damit begonnen.
gua