Von news.de-Redakteurin Anja Guhlan
Immer mehr Menschen googeln ihren Gesundheitszustand im Netz. Für die meisten ist die Internetsuche ein Schritt zum mündigen Patienten, für andere endet die Suche in der Cyberchondrie, der digitalen Form der Hypochondrie.
«Herr Doktor, ich habe Refluxösophagitis und brauche eine Magenspiegelung» - wenn der Patient mehr weiß als der Arzt, ist womöglich ein Netdoktor oder Doktor Google am Werk gewesen. Immer mehr Patienten googeln ihre Symptome selbst im Internet und basteln sich aus zahlreichen medizinischen Internetseiten ihre mögliche Diagnose zusammen.
Durch die immer größer werdende Informationsbeschaffung aus dem Internet könnten manche Patienten eine regelrechte Angstspirale entwickeln - die Cyberchondrie. Bei Kopfschmerzen diagnostizieren manche Betroffene bei ihrer Selbstsuche nach Informationen im Netz gleich einen Hirntumor. Das lediglich ein Flüssigkeits- oder Schlafmangel den Kopfschmerz verursacht, daran denken die Patienten nicht. «Das Informationsverhalten des Patienten kann sich mitunter schon ändern und zu einer Sucht oder zu Cyberchondrie führen», erklärt Professor Roland Trill, der an der FH Flensburg im Studiengang E-Health lehrt. In diesem Fall sollten Betroffene psychologische Hilfe aufsuchen.
Jedoch leiden nicht alle Internetnutzer gleich an einer Cyberchondrie. «Solange die Patienten nicht auf ihrer Selbstdiagnose beharren und keine Selbsttherapie anwenden, können zertifizierte medizinische Internetseiten eine informierende Hilfe neben dem tatsächlichen Arzt sein», erklärt Roland Trill.
Er bestätigt, dass sich die Krankheitssuche im Internet mittlerweile auf tendenziell alle Altersgruppen ausgeweitet hat. Nach Trills Einschätzung sind jedoch vor allem Senioren und chronisch Kranke im Netz aktiv. Hauptgrund für den Boom: Patienten möchten bei medizinischen Entscheidungen eine aktivere Rolle spielen. Auch Roland Trill meint: «Die Patienten haben mehr Verantwortungsbewusstsein für ihre Gesundheit bekommen und wollen nun zum mündigen und kooperierenden Patienten aufsteigen.» Aber auch Frustration über ausbleibende Behandlungserfolge, Vertrauensverluste in medizinische Einrichtungen und Behandlungsmethoden sowie mangelnde Aufklärung durch unter Zeitdruck stehende Ärzte lassen die Surfer beim Netdoktor um Rat fragen.
Die vorab beschafften medizinischen Informationen aus dem Internet, zum Beispiel über Krankheitssymptome, Behandlungswege oder Präventionsmaßnahmen, können beim nächsten Arztbesuch und ärztlichem Beratungsgespräch umso hilfreicher sein. «Der Patient versteht mitunter medizinische Zusammenhänge besser, kann mitreden und vielleicht den Arzt auf das Gelesene hinweisen und im besten Fall selbst zu seiner Genesung beitragen», erklärt Trill.
Der Professor rät die zunehmende Online-Informationsbeschaffung der Patienten als Lerninhalt in der Ausbildung von Ärtzen mit zu berücksichtigen. «Jeder Arzt sollte lernen, gemeinsam mit dem Patienten Wege aus der Krankheit zu finden. Ein mündiger Patient und medizinische Internetseiten sollten daher als Unterstützung wahrgenommen werden.»
Krankenkassen und Ärzte sehen die Veränderung des Rollenverständnisses der Patienten jedoch mitunter mit gemischten Gefühlen. Einerseits wünschen sie sich den mündigen und kooperierenden Patienten, andererseits lassen Onlineangebote häufig zu wünschen übrig. Informationen sind teilweise falsch oder veraltet, vielfach ist nicht ersichtlich, wer hinter den Internetseiten steht, oder es stecken kommerzielle Angebote hinter den vermeintlich objektiven Auskünften. Auch Professor Trill betont, dass Patienten immer darauf achten sollten, ihre Informationen stets von zertifizierten Medizinseiten zu beschaffen.
Bei der Suche nach tauglichen Medizinseiten, kann das Portal Health on the Net helfen. Die gemeinnützige Stiftung aus der Schweiz zertifiziert seit über zehn Jahren Medizinseiten im Netz mit dem HON-Siegel. In enger Zusammenarbeit mit Universitätskrankenhäusern in Genf und dem Schweizer Institut für Bioinformatik will die Stiftung sicherstellen, dass Privatnutzer, aber auch Ärzte und Medizinstudenten verlässliche Informationen aus dem Netz erhalten. Die Health on the Net Stiftung prüft medizinische und gesundheitsbezogene Internetseiten nach den acht Prinzipien des HON-Verhaltenskodex. So werden die Seiten mitunter auf die Einhaltung des Datenschutzes, auf Transparenz oder die Qualifikationen der Verfasser hin überprüft.
Den HON-Code befolgen zum Beispiel die beiden deutschen Portale netdoktor.de und gesundheitpro.de. Auch in einem Test der Europäischen Verbraucherzentrale schnitten diese beiden Medizinportale mit Bestnoten ab. Roland Trill setzt bei der Nützlichkeit von Medizinseiten vor allem auf die Ansprache und die Bebilderung: «Die Sprache auf den Portalen sollte bürgergerecht sein. Fachsimpeln mit medizinischen Fachbegriffen nützt dem Surfer gar nichts. Auch sollten bestimmte Sachverhalte mit Abbildungen den Nutzern verständlicher gemacht werden.»
Zum Abschluss, rät Trill, müssten Patienten lernen, kompetente Gesundheitsseiten von unseriösen zu unterscheiden. Vielleicht sollten die seriösen Webseiten auch einfach nur einen Hinweis darauf geben, dass das Auftreten einzelner Symptome noch lange keine schlimme Krankheit bedeuten muss.
Habe jetzt mit http://www.tomsbay.de eine neue Suchmaschinen ausfindig gemacht, mit der man gleich mehrere Gesundheitsportale (wie Onmeda, Netdoktor, Sanego, Unikliniken, etc.) nach einer Krankheit oder einem Symptom durchsuchen kann... Seitdem fühle ich mich noch kränker... es stimmt schon: internet züchtet Hypochoncer. Früher war ich nicht so...
jetzt antwortenKommentar meldenDas tue ich mir nicht an und gucke da rein. Ich gehe zu einem Artzt , wenn ich Beschwerden habe und beschäftige mich ertst dann , wenn ich es habe . Lese ich soviel davon , daß macht mich krank.
jetzt antwortenKommentar meldenDanke erst einmal für ihre Frage zu meinem Artikel. Sicher gibt es auch schlechte Gesundheitsportale, die man meiden sollte. Das Europäische Verbraucherzentrum (www.evz.de)hat diesbezüglich Medizin-Seiten verglichen. Deutliche Schwächen und lediglich mit einem "durchschnittlich" bewertet wurden beispielsweise gesundheit-aktuell.de, meine-gesundheit.de und 50plus.at. Ich hoffe Ihre Frage damit beantwortet zu haben.
jetzt antwortenKommentar meldenGibt es denn auch Beispiele für schlechte Gesundheitsportale, die man meiden sollte?
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