Von news.de-Redakteur Christian Vock
Zweifellos gab es im vergangenen Jahr eine Menge interessanter Bücher. Gäbe es aber so etwas wie einen Bücherthron, dann würde mit Sicherheit Charlotte Roche darauf sitzen - ihre «Feuchtgebiete» als Insignien des Erfolgs in der Hand.
Mit dem Tabubruch ist es so eine Sache. Ein Tabu ist etwas Verbotenes. Manchmal so verboten, dass man noch nicht einmal darüber sprechen darf. Bestenfalls handelt es sich dabei um etwas wirklich Wichtiges. Nach dem Bruch sollte es dann vielen besser gehen.
2008 wurde wieder ein Tabu gebrochen. Die Brecherin heißt Charlotte Roche, und das Tabu war der menschliche Körper. Seitenlang beschrieb sie, was wo raus kommt und was wo rein. Offenbar war Roche mit diesen wenigen Zutaten des Romans schon so zufrieden, dass sie für eine sinnvolle Handlung keine Verwendung mehr hatte.
Aber welchen Zweck sollte der Tabubruch denn nun haben? Dass man mit dem Nebenmann offener über Analfissuren und Intimrasur spricht? Dass man den eigenen Körper stärker wahrnimmt? Jeder Dauerlauf taugt dafür besser, den Rest erledigt das Altern.
Wir haben es längst durchschaut: Hier war der Tabubruch nur der Steigbügel, um inhaltlicher Leere und literarischer Mittelmäßigkeit in den Sattel gesellschaftlicher Relevanz zu helfen. Was da schlussendlich gebrochen wurde und ob überhaupt, spielte keine Rolle. Es ging nicht um das Tabu, sondern allein ums Provozieren, ums mediale Getrommel, um die Show. Wäre es um die Sache gegangen, hätte eine gesellschaftliche Diskussion eingesetzt. Diese blieb aber aus und somit die Frage unbeantwortet, ob es einer Gesellschaft besser ginge, würde nur mehr über Körperöffnungen und deren Verwendungsmöglichkeiten gesprochen. Der Einzelne möge es im persönlichen Freundeskreis ausprobieren.
Nein, alles, was zählte, war der Schein, etwas Bedeutendes öffentlich gemacht zu haben. In diesem Schein strahlte Charlotte Roche auf allen Kanälen, bis sie von den selbst aufgestellten Scheinwerfern geblendet wurde und man das Gefühl hatte, je länger die Inszenierung dauerte, desto unwohler fühlte sie sich. Ein Haken, den ein Tabubruch mit sich bringt.
Natürlich gab der Buchmarkt 2008 Relevanteres her. Aber Roches Tabubruchmarktschreiergefolge war so laut, dass es jeder vernehmen musste. In den Straßenbahnen und Bussen der Nation sprachen Menschen über Feuchtgebiete, die Literatur sonst nur vom Hörensagen kannten. Damit das ganze Geschrei auch bis zuletzt genutzt wird, entschied man sich, den Tabubruch auch noch auf die Theaterbühne zu bringen, eine Verfilmung ist zu befürchten. Das Dumme ist nur, und das ist noch so ein Haken am Tabubruch: Er funktioniert nur einmal. Dementsprechend lau waren nicht nur die Erwartungen, sondern auch das Stück an sich.
Was kann man sich für 2009 also wünschen? Vielleicht einfach nur ein Tabu, das zu brechen sich wirklich lohnt.