Von news.de-Redakteur Tobias Köberlein
In die Geschichtsbücher wird das TV-Jahr 2008 wohl eher nicht eingehen. Denn irgendwie war alles wie immer - Fremdschämen mit C-Klasse-Promis bei den Privaten, bräsige Einheitskost in ARD und ZDF. Doch dann kam ein schlecht gelaunter älterer Herr und mischte die Medien-Mischpoke ordentlich auf.
Marcel Reich-Ranickis Wutrede bei der Verleihung des Deutschen Fernsehpreises im Oktober war unbestritten der Aufreger eines eher langweiligen Fernsehjahres. Der Literaturpapst empörte sich über zu viel Schund in der Glotze und stieß mal wieder eine Debatte über Qualität im Fernsehen an. Die Philippika des Büchernörglers bescherte den Feuilletons der großen Tageszeitungen endlich ein breitenwirksames Thema, das auch gleich bis zum allgemeinen Überdruss ausgewalzt wurde.
Si tacuisses ... - Wenn du geschwiegen hättest, wird sich Elke Heidenreich gedacht haben. Die Vorleserin der Nation sekundierte Reich-Ranicki in einem schrillen Beitrag in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und hieb dabei auch noch kräftg auf ihren Arbeitgeber, das ZDF, ein. Dreister als Heidenreich hat selten ein Arbeitnehmer um seine Entlassung gebettelt, die das ZDF auch sogleich aussprach. Ihre Sendung Lesen! präsentiert Reich-Ranickis Famula nunmehr im Internet.
Bei den Öffentlich-Rechtlichen lief 2008 ohnehin nicht alles rund - und das trotz zweier sportlicher Großereignisse wie der Fußball-EM und den Olympischen Spielen in Peking. Beim EM-Halbfinale zwischen Deutschland und der Türkei fieberten beinahe 30 Millionen Menschen mit, als plötzlich die Mattscheibe schwarz wurde. Ein Stromausfall im Sendezentrum in Wien hatte für den dunklen Bildschirm gesorgt. Kommentator Bela Rethy machte auf Radioreporter, bis gewiefte Techniker kurzerhand die Leitung des Schweizer Fernsehens anzapften.
Nach schwarz sah ZDF-Sportchef Dieter Gruschwitz rot und verklagte das International Broadcast Centre. Schließlich zahlte die Uefa eine hohe sechsstellige Summe, weil der Bildausfall dem ZDF angeblich die beste Quote aller Zeiten vermasselt hatte.
Ein paar schöne Patzer leistete sich auch die ARD. Vor dem Halbfinale moderierte Tom Buhrow einen Beitrag der Tagesthemen vor einer Deutschlandflagge mit falscher Farbreihenfolge an. Statt Schwarz-Rot-Gold leuchtete Rot-Schwarz-Gold. Die Grafikabteilung hatte geschlampt und zeigte sich «zerknirscht».
Ein paar Wochen später ging schon wieder etwas schief. In einer Sendung zu den Olympischen Spielen wurde das Sternenbanner verhunzt. Die US-Fahne verunzierte ein weißer Streifen zu viel. Die Reaktion der ARD-Grafiker: Zerknirschung. Und wieder ein paar Tage danach verrutschte in einem Tagesthemen-Beitrag die Münchner Frauenkirche um ein paar hundert Meter. Die Grafiker hatten falsch gespiegelt . Anschließend waren sie - richtig geraten! - «zerknirscht».
Pro Sieben und RTL bemühten 2008 erneut die Zugkraft publicitygieriger B- und C-Promis. Nach der Quälshow Ich bin ein Star, holt mich hier raus hetzte RTL auch noch ehemalige Profi-Kicker und eine zerknitterte Sylvester-Stallone-Gespielin über die Mattscheibe. In Effenbergs Heimspiel spielten die Kölner Kanal banal und filmten Stefan und Linsenfutter Claudia bei der Wohnungssuche in München. Weil das sonntagabends kaum jemand sehen wollte, zeigte der Sender Effenberg schnell den Stinkefinger und schob das Promi-Pärchen auf die Mittagsschiene ab.
Noch peinlicher wurde es für eine unvorteilhaft gealterte Brigitte Nielsen. Das ehemalige Dänen-Model wurde in der Schnippel-Show Aus Alt macht neu einer Generalsanierung unterzogen. Das abgesaugte Po-Fett spritzte der Schönheitsdoktor der atombrüstigen Blondine gleich wieder unter die Lider. Nielsens Kommentar zu ihrem 15 Jahre jüngeren Mann: «Kein Sex, sonst explodiert mein Gesicht!» - ein Satz, der das Fernsehjahr überdauern dürfte.
Was RTL recht war, ist Pro Sieben nur billig. Auch die Münchner setzten voll auf den Fremdschäm-Faktor und schickten Plapper-Barbie Gülcan Kamps nebst Gucci-Genossin Collien Fernandes auf einen Bauernhof, beobachteten die letzten Liebeszuckungen von Sarah Connor und Marc Terenzi und waren ein bisschen schwanger mit Ex-BrosSis-Sänger Giovanni und Gattin Jana Ina Zarrella.
Zur Lachnummer gerieten die beiden Shows von Besteck-Schreck Uri Geller. Der Löffelbieger suchte erst einen Nachfolger und dann den Kontakt zu Aliens, die sich bis auf Nina Hagen jeder Antwort verweigerten. Ein schöner Beweis für die Existenz intelligenten Lebens im All.
Neben Trash gedieh im Feuchtbiotop Fernsehen natürlich auch die eine oder andere schöne Blume. Zu nennen sind Fernsehfilme wie der Contergan-Zweiteiler Eine einzige Tablette in der ARD, der nach langem Rechtsstreit endlich gesendet werden durfte. Weitere Highlights: das Terrordrama Mogadischu (ARD), Das Wunder von Berlin (ZDF), Wir sind das Volk (Sat.1) und die Actionkomödie Die Suche nach dem Schatz der Nibelungen (RTL).
Fiktionale Unterhaltung dürfte auch 2009 das Aushängeschild der TV-Sender bleiben. Bei den Öffentlich-Rechtlichen sollte zumindest genügend Geld für aufwändige Produktionen vorhanden sein. Im neuen Jahr steigen die Rundfunkgebühren um satte 95 Cent auf 17,98 Euro.