Von news.de-Redakteur Michael Kraft
Knapp, kompetent und kritisch: Im Blätterrauschen rund um den 90. Geburtstag von Helmut Schmidt ist «Helmut Schmidt. Die Biographie» von Hans-Joachim Noack eine gewichtige, klare Stimme.
«Ein Jahrhundertleben», heißt es auf dem Klappentext. Das ist nur minimal übertrieben. Denn in nur wenigen Biographien spiegelt sich deutsche Zeitgeschichte so sehr wider wie im Leben Helmut Schmidts.
Das ist das große Plus an diesem Buch: Allein die Fülle der Ereignisse sorgt für eine packende Lektüre. Der faszinierende Werdegang vom Lehrersohn aus Hamburg zur Leitfigur der deutschen Sozialdemokratie braucht kaum lyrische Finesse, um zu beeindrucken. Die unpolitische Kindheit in der Weimarer Republik, Schmidts Wehrmachts-Karriere im Zweiten Weltkrieg, sein hoch gelobtes Krisenmanagement als Innensenator nach der Flut in Hamburg, die Reaktion auf die Ölkrise, Schmidts Dilemma im Deutschen Herbst, das Ende seiner Kanzlerschaft und schließlich sein Umgang mit der unverhofften deutschen Einheit stehen quasi stellvertretend für die Geschichte der Bundesrepublik.
Dieses Übermaß an Historischem und Historisiertem ist aber zugleich auch die Schwäche von Helmut Schmidt. Die Biographie: 90 Lebensjahre auf 300 Seiten zu packen, ist sehr ambitioniert und zwingt den Autor zu einem Parforceritt durch das 20. Jahrhundert. Noack, als Journalist bei Süddeutscher Zeitung, Frankfurter Rundschau und Spiegel ein jahrelanger Wegbegleiter Schmidts, muss entsprechende Abstriche hinsichtlich Tiefgang und Detailreichtum machen. Etwa die Rolle von Schmidts Jugendliebe und Ehefrau Loki kommt so deutlich zu kurz.
Dennoch gelingt Noack ein sehr gelungenes Porträt des Altkanzlers. Er fördert keine neuen Ansichten und spektakulären Aussagen des Mannes zutage, der noch immer einer der beliebtesten Politiker des Landes ist. Aber er liefert eine sehr treffsichere Auswahl von Zitaten anderer und bestechend präzise Einschätzungen.
Dabei sticht vor allem eins ins Auge: Schmidts sagenhafte Sachkompetenz etwa in der Sicherheits- und Wirtschaftspolitik, seine mitunter an Ignoranz gegenüber den Wünschen der eigenen Partei grenzende Entschlusskraft und sein fast selbstzerstörerischer Arbeitseifer werfen mit Blick auf die heutige Politikerriege die Frage auf, was eigentlich aus der guten alten Richtlinienkompetenz geworden ist.
«Nicht Geschichte machen wollte er, sondern weitermachen, und das war schwierig genug», hat Golo Mann einmal über Schmidt gesagt. Wenn man betrachtet, was Schmidt mit dieser Mischung aus Programmatik und Pragmatik alles erreicht hat, dann muss Angela Merkel im Vergleich dazu wie eine Getriebene wirken, die den Problemchen der Zeit regelmäßig so ratlos gegenübersteht, dass sie dies nur noch als «Politik der ruhigen Hand» verkaufen kann.
Nicht zuletzt widersteht Noack, obwohl er mit dem Altkanzler immerhin so vertraut ist, dass er für dieses Buch in dessen Privatarchiv recherchieren durfte, der Versuchung, eine Lobhudelei zu verfassen. Auch Schmidt-Gegner kommen zu Wort, Fehler werden benannt und auch die nach der aktiven politischen Laufbahn Schmidts einsetzende Überhöhung - und sein eigener Beitrag dabei - werden thematisiert.
An mancher Stelle hätte man sich freilich mehr Mut zur Kritik erhofft. Etwa bei Schmidts Rolle im Nationalsozialismus und der eifrigen Wandlung zum engagierten Demokraten in den ersten Nachkriegsjahren. Oder bei Schmidts Ignoranz hinsichtlich der Friedens- und Umweltbewegung in den 1980er Jahren.
Anderswo wünscht man sich schlicht eine eingehendere Betrachtung und Analyse. Etwa in Hinblick auf Schmidts spannungsgeladenes Verhältnis zum SPD-Übervater Willy Brandt oder hinsichtlich der Hintergründe seiner Sturheit beim Kampf um den Nato-Doppelbeschluss. Aber an Material zu solchen Themen ist in diesen Festtagen des Über-Schmidts ja nun wahrlich kein Mangel.
Autor: Hans-Joachim Noack
Titel: Helmut Schmidt. Die Biographie
Verlag: Rowohlt
Seitenzahl: 320
Preis: 19,90 Euro
Erscheinungsmonat: September 2008