Von news.de-Redakteur Tobias Köberlein
Die Kinofilme «Twilight - Biss zum Morgengrauen» (Start: 15.1.) und «So finster die Nacht» wirken auf das Genre Vampirfilm wie eine Bluttransfusion bei Graf Dracula. Beide entwickeln eine Dynamik des Morbiden. Und sind doch völlig unterschiedlich.
Die Teenie-Vampire sind los. Vier Twilight-Romane hat die Amerikanerin Stephenie Meyer verfasst, vier Geschichten um die die 17-jährige Bella, die sich nach einem Umzug in eine andere Stadt in den Vampir Edward verliebt. Stephenie Meyer hat sich weltweit eine riesige Fangemeinde erschrieben. Schon 17 Millionen Leser zog ihre Blutsauger-Romanze in den Bann. Manch einer fühlt sich bereits an den Hype um Joanne K. Rowlings Zauberlehrling Harry Potter erinnert.
Der erste Teil der Twilight-Reihe ist nun von Catherine Hardwicke verfilmt worden - in bewährter Hollywood-Manier. Bella und Edward sind die idealen Projektonsfiguren für von der ersten Liebe geplagte Teenager. Hier das Durschschnittsmädel, dort der süße Typ mit der eigentümlichen Vorliebe für Blut. Ein bisschen Grusel, eine große Portion Romantik - fertig ist der Kassenschlager.
Wie ähnlich und doch auch wie anders ist die Welt von So finster ist die Nacht. Schweden kann kalt sein, sehr kalt. Die wie ausgewaschen wirkenden Bilder des Films sind allerdings derart unterkühlt, dass der Frost von der Leinwand in den Zuschauerraum zu kriechen scheint. Regisseur Thomas Alfredson hat jede Farbe, jedes Licht vertrieben.
Die Gestalten, die sich matt aus dem ewigen Dunkel des skandinavischen Winters abheben, könnten sich aus einem Film von Aki Kaurismäki verlaufen haben. In der Tristezza einer Stockholmer Vorstadt schwatzen und trinken sie sich die Sorgen vom Leib. Ein Hauch Krimidunst aus den Romanen von Maj Sjöwall und Per Wahlöö liegt in der Luft.
Mittendrin: ein blasser Junge mit hellblondem Haar. Oskar (Kare Hedebrandt) sieht so aus wie der depressive Bruder des Kinderserienlieblings Michel aus Lönneberga. Von seinen Klassenkameraden schwer gemobbt, sticht er in einer der ersten Szenen mit einem Messer auf eine unschuldige Birke ein. «Was glotzt du denn so? Glotzt du etwa mich an?», raunt er wie ein juveniler Travis Bickle in Martin Scorseses Taxi Driver in die eiskalte Nacht.
Wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch. Oskars Erlöserin heißt Eli (Lina Leandersson). Das Mädchen ist mit einem älteren Mann in die Nachbarwohnung gezogen. Trotz der Kälte trägt sie weder Socken noch Schuhe. «Frierst du nicht?», fragt Oskar. «Ich habe vergessen, wie das geht», kommt die Antwort.
Dass Eli ein Vampir ist, eine Horror-Pippi Langstrumpf mit wächserner Haut, kann Oskar nicht wissen. Nicht einmal, als um ihn herum Menschen verschwinden. Ein junger Mann hängt kopfüber an einem Baum. Jemand hat ihn ausbluten lassen - wie ein Schwein beim Schlachter. Ein anderer wird aus einem See geborgen. Auch in ihm ist kein Tropfen Blut mehr.
Genauso anämisch wie die Leichen ist die Geschichte. Thomas Alfredson hat auf schmückendes Beiwerk verzichtet und konzentriert sich ganz auf die beiden Außenseiter - wie sie sich erst belauern, umkreisen und dann eine scheue Zuneigung zueinander fassen.
So finster die Nacht erzählt vom Unbehagen am Erwachsenwerden mit den Mitteln des Vampirfilms. In langen, manchmal bis zur extremen Künstlichkeit gesteigerten Kameraeinstellungen wird die Isolation zweier junger Menschen in einer feindseligen Welt vor Augen geführt. Die Kamera bleibt auf Distzanz, verzichtet auf Empathie. Sie lässt Eli und Oskar selbst dann im Stich, als sie zum ersten Mal unbeholfen den Körper des anderen erkunden.
Alfredson nimmt immer wieder das Tempo heraus, verlangsamt den Film bis zum gefühlten Stillstand. Die Schockelemente wirken daher umso eindringlicher. Sie kommen gleichsam aus der Leere des Raums. Gegen Ende sinkt ein abgeschlagener Kopf auf den Grund eines Swimmingpools. Die Szene ist drastisch und überzeichnet zugleich. Der Zuschauer lacht. Doch es ist ein Lachen, das in der Dunkelheit verhallt.
Titel: So finster die Nacht
Originaltitel: Lat den rätte komma in
Regisseur: Thomas Alfredson
Produktionsjahr: 2008
Spielzeit: 114 Minuten
FSK: ab 16 Jahre
Kinostart: 23. Dezember