Von news.de-Redakteur Herbert Mackert
«Harry, fahr schon mal den Wagen vor» - dieser Satz aus dem Mund von Horst Tappert ist längst legendär - und die Rolle seines Lebens als Oberinspektor Stephan Derrick ist es auch. Im Alter von 85 Jahren starb der Schauspieler nach kurzer Krankheit in einer Münchner Klinik.
Seine Ehefrau Ursula sagte der Bunten, «es ist traurig, aber jetzt hat er seine Ruhe. Mein Mann hatte ein erfülltes Leben». Laut der Illustrierten starb Tappert bereits am Samstag nach einer kurzen Krankheit. Näheres zu der Erkrankung wollte sie nicht sagen. «Bis vor kurzem ging es meinem Mann noch gut, er war voller Zuversicht. Doch in den letzten Tagen verschlimmerte sich sein Zustand zusehends», zitiert das Magazin Ursula Tappert.
Lange wurde von Tappert sogar bestritten, dass die kultige Aufforderung an Harry Klein wirklich von ihm stammt. Tappert löste das Rätsel schließlich selbst auf, als er in einer Wiederholung sah, dass er den Satz tatäschlich aussprach.
Der ZDF-Krimireihe verlieh der Mann mit dem ernsten, aber nie kalten Blick und den mächtigen Tränensäcken sein markantes Profil - bieder, aber stets korrekt und mit therapeutischem Einfühlungsvermögen für Opfer und Täter gleichermaßen schrieb er über zwei Jahrzehnte Fernsehgeschichte. Derrick wurde in 108 Ländern ausgestrahlt. In 281 Folgen, von 1973 bis 1997, ging der lange schlacksige Tappert zusammen mit Fritz Wepper als Assistent Harry Klein auf Mördersuche.
Mit seiner väterlich-souveränen Aura eroberte er freitagabends Millionen bundesrepublikanischer Wohnzimmer und machte Derrick zu dem Exportschlager des ZDF. Weil er so maßgeblich zum Ansehen Deutschlands im Ausland beitrug, wurde ihm neben zahlreichen anderen Auszeichnungen 1988 das Bundesverdienstkreuz verliehen. Der italienische Schriftsteller und Soziologe Umberto Eco erklärte den Erfolg mit der Durchschnittlichkeit Derricks und seiner Berechenbarkeit. «Derrick ist ein Fels in der neuen Unübersichtlichkeit, ein stiller Protest gegen Euro und Globalisierung», urteilte einmal die Neue Zürcher Zeitung.
Im Mai 2008 hatte Horst Tappert der Bunten zu seinem 85. Geburtstag sein letztes Interview gegeben. Damals sagte er: «Ich lebe sehr zurückgezogen. Mag sein, dass ich mich seltsam anstelle, aber ich schätze die Ruhe mit meiner Frau. Kontakt mit alten Kollegen pflege ich auch nicht mehr, die meisten sind ohnehin schon tot. Ich will noch einige Zeit da sein.» Seit Jahren litt Tappert an Diabetes und klagte über Wassereinlagerungen in den Beinen.
Bereits vor seiner Karriere als TV-Kommissar war Tappert ein erfolgreicher Schauspieler. Nach einer kaufmännischen Lehre und Kriegsgefangenschaft stellte sich der Beamtensohn zunächst als Buchhalter am Theater der Altmark in Stendal (Sachsen-Anhalt) vor und wurde für einige Zeit Aushilfsarbeiter. Ohne Schauspielausbildung wurde er auf die Bühne geholt und debütierte in der Spielzeit 1945/1946 als Dr. Striebel in Helwigs Die Flitterwochen. Es folgten zahlreiche Engagements an Theatern in Köthen, Göttingen, Kassel, Bonn, Wuppertal und München sowie Theatertourneen unter anderem als Loman in Millers Tod des Handlungsreisenden, seiner Lieblingsrolle, wie er einmal bekannte, oder als Theobald Maske in Sternheims Die Hose.
Ende der 1950er Jahre trat er erstmals in Kino- und Fernsehfilmen auf, etwa in Die Trapp-Familie in Amerika (1958), Der Hund von Blackwood Castle (1968) oder Und Jimmy ging zum Regenbogen (1970, nach einem Roman von Johannes Mario Simmel). 1966 gelang sein Durchbruch im Fernsehen mit dem Krimi-Dreiteiler Die Gentlemen bitten zur Kasse, in dem er die Rolle des englischen Posträuberchefs Michael Donegan spielte.
Nach dem Drehschluss der 281. Folge von Derrick bilanzierte er seinen TV-Polizeidienst 1998 in seiner Autobiograohie Derrick und Ich. Meine zwei Leben. Zuletzt war Tappert 2000 in dem Fernsehfilm Der Kardinal und noch einmal 2004 vor die Kameras gegangen, um für einen Derrick-Zeichentrickfilm gemeinsam mit seinem Weggefährten Fritz Wepper zu werben.
Tappert wurde am 26. Mai 1923 in Elberfeld bei Wuppertal geboren und war seit 1957 in dritter Ehe mit seiner Kollegin Ursula Pistor verheiratet, mit der er in Gräfelfing bei München lebte. Aus seinen ersten beiden Ehen hatte er drei Kinder, die Tochter Karin und die Söhne Ralph und Gary. Letzterer verstarb 2001 an plötzlichem Organversagen.
mac