So., 27.05.12

Funkes Bestseller im Kino 10.12.2008 Tintenherz verliert viel Blut

Tintenherz (Foto)
In Elinors Haus wird Mo (Brendan Fraser) von Capricorns Männern überfallen, die ihm das Buch Tintenherz wieder abnehmen. Bild: news.de

Von news.de-Redakteurin Claudia Arthen

Ach, wäre das schön, wenn Romanfiguren zum Leben erwachen würden. Dann kämen Romantikerinnen zu einem Mann wie Mr. Darcy und Abenteurer könnten mit Gulliver auf Reisen gehen. Aber so ein Denkspiel hat auch Schattenseiten. Davon erzählt der Roman Tintenherz, der nun im Kino zu sehen ist.

Der erste Teil der Bestseller-TrilogieDie Trilogie besteht aus den Teilen Tintenherz, Tintenblut und Tintentod. von Cornelia Funke ist mit großem Aufwand und unter Funkes Beteiligung als Kinofilm produziert worden. Und zwar nicht irgendwo, sondern in Hollywood, das sich damit erstmals an einen deutschen Bestseller als Weihnachtsblockbuster gewagt hat. Und wie das so ist, wenn Romane für die große Leinwand verfilmt werden: Ein Hauch von Entmachtung des Autors ist immer dabei, wenn sich ein Regisseur eines Romans annimmt.

Iain Softley und Drehbuchautor David Lindsay-Abaire haben das rund 570 Seiten dicke Buch Tintenherz zu einem gut zweistündigen Film gestrafft. Dabei ging natürlich viel verloren von den wortgewaltigen und detailreichen Beschreibungen der Autorin, von den literarischen Nuancen und den einfühlsamen Szenen.

Trotzdem kann der Zuschauer an der hervorragend besetzten Verfilmung seinen Spaß haben. Vor allem an dem Rein-Raus-Spiel, das Buchrestaurator Mo mit seiner Zauberzunge auslöst. Er besitzt nämlich die außergewöhnliche Gabe, Figuren aus einem Buch herauszulesen. Leider verhalf er damit einst Bösewicht Capricorn und dessen Bande zum Wechsel aus der Welt des Romans Tintenherz in die wirkliche Welt, während Resa, Mos Frau, auf wundersame Weise verschwand.

Töchterchen Meggie musste deshalb als Halbwaise aufwachsen. Sie teilt Mos Leidenschaft für Bücher und auch seine Gabe, Romanzeilen zum Leben zu erwecken. Dass ihr Vater jahrelang nach einem Exemplar des Romans Tintenherz sucht, um seine Frau daraus zu befreien, erfährt sie erst später. Das schützt sie jedoch nicht vor dem Bösewicht Capricorn, der alle Exemplare vernichten möchte, kann er seine Schurkereien in der wahren Welt doch wesentlich besser ausleben als in der Tintenwelt. Nur eine Figur soll ihm Mo noch aus dem Roman herauslesen: den berüchtigten Schatten, Capricorns bösen Verbündeten.

Lesen Sie auf Seite 2, was der Mumienheld in der Tintenwelt verloren hat

Und noch jemand kann es kaum erwarten, dass Mo wieder zu lesen anfängt: ein Gaukler und Feuerschlucker namens Staubfinger, der im Gegensatz zu Capricorn voll Nostalgie nach seiner Buchwelt ist.

Paul Bettany spielt diesen Staubfinger. Ihm ist es zu verdanken, dass der Film jene melancholisch-zwiespältige Atmosphäre entwickelt, die den Reiz des Fantasy-Genres ausmacht. Wann immer Bettany auftritt, steht eine unbestimmte, große Sehnsucht im Raum, kombiniert mit depressivem Größenwahn und endloser Zögerlichkeit. So viel Tragik zielt direkt ins Herz des Zuschauers.

Da kann Brendan Fraser nicht mithalten. Er, dem Funke die Figur des Mo quasi auf den Leib geschneidert hat, spielt den unfreiwilligen Helden zwar in sympathischer Routine, wie er ihn schon in den Mumien-Filmen gegeben hat. Und das funktioniert auch nicht schlecht, aber exzellent ist es nicht.

Die blonde Britin Eliza Hope Bennett wurde Fraser als Tochter Meggie zur Seite gestellt. Dazu ist sie mit ihren 16 Jahren zwar ein wenig zu alt (die Buch-Meggie ist 12), aber dafür kann sie mit Farid (Rafi Gavron) flirten, worüber wir wohl mehr erfahren werden, falls der Film eine Fortsetzung findet.

Markanter sind die Nebenrollen besetzt: Andy Serkis vermittelt als Capricorn die diebische Freude, die ein skrupelloser Schuft aus einem Roman wohl in unserer Realität haben kann. Jim Broadbent ist ein herrlich skurriler Tintenherz-Autor Fenoglio. Auch Helen Mirren gibt sich die Ehre; sie mimt die in Bücher vernarrte Tante Elinor aristokratisch-knurrig. So war es im Roman zwar nicht vorgesehen, im Film sorgt diese Interpretation aber für eine zusätzliche komische Komponente, zumal Mirren mal wieder glänzend spielt.

Lesen Sie auf Seite 3, was nicht stimmt an der filmischen Tintenherz-Welt

Wenn da nur nicht die überflüssigen Spezialeffekte wären. Zu viele Einhörner, zu finstere Gassen und zu schiefe Gaunervisagen muten uns die Macher zu, als dass man sich aus vollem Herzen einlassen möchte auf diese martialisch-düstere Tintenherz-Welt. Wie im Zauberer von Oz fliegt ein Haus durch die Luft oder ein Ring in eine Ecke. Wenn am Ende ein gewaltiges Schattenmonster mit glühenden Augen und grauen Spinnenfingern den Fiesling Capricorn in Staub verwandelt, könnte man denken: «Aha, noch so ein typisches Fantasy-Ding, das nicht im Buch ist.» Es ist aber dort.

Nicht aus dem Buch stammt eine Idee, die im Film durchaus Sinn macht: Softley verpasste den Figuren aus der Romanwelt verräterische Buchzeilen auf Gesicht und Körper. So muss der Zuschauer nicht lange rätseln, wo die merkwürdigen Gestalten herkommen. Eine andere Veränderung macht dagegen überhaupt keinen Sinn: Zum temporeichen Showdown ritzt sich Meggie mit einem magischen Füller eine Geschichte in den Arm und liest sie laut vor, um Capricorn und den unheimlichen Schatten endgültig zu vertreiben. Im Buch sind nur Schriftsteller in der Lage, den Verlauf einer Geschichte zu verändern. Warum Meggie oder auch Mo dieser Trick nicht früher eingefallen ist, darauf bleiben die Filmemacher eine Antwort schuldig.

Und als ob dies noch nicht genug wäre, geben sie Tintenherz einen süßlich-kitschigen Schluss - nach Funkes Aussagen das Ergebnis von Testvorführungen. Die kleinen Probezuschauer seien über das ursprüngliche Ende des Films so enttäuscht gewesen, dass man ein anderes, positiveres gedreht habe. Für die Autorin ist das kein Problem: In der Welt des Films gelten eben andere Regeln als in der Tintenwelt.

Titel: Tintenherz
Regisseur: Iain Softley
Darsteller: Brendan Fraser, Paul Bettany, Helen Mirren, Jim Broadbent
Spielzeit: 106 Minuten
Produktionsland: USA
FSK: 12 Jahre
Kinostart: 11. Dezember 2008

Leserkommentare (1) Jetzt Kommentar zum Artikel schreiben
  • Kommentar 1
  • 01.01.2009 17:52
 

Ich hab den Film gesehen und bin schwer enttäuscht worden. So viele Details auf der Leinwand waren frei erfunden, dass man das deutliche Gefühl hatte, der Regisseur hätte eine ganz eigene Geschichte geschrieben. Mit dem Zauber aus Funkes Buch hattes das überhaupt nichts mehr zu tun. Manchmal frage ich mich allen Ernstes, ob die Regisseure von heute nicht mehr in der Lage sind, den Zauber eine solchen Geschichte einzufangen ohne alles mit Paukenschlägen, überzogenen Effekten und Krachbumm aufzublasen.

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