Von news.de-Redakteur Michael Kraft
Wenn es um Integration in Deutschland geht, ist Cem Özdemir immer zur Stelle. In seinem neuen Buch «Die Türkei» zeigt der Parteichef der Grünen aber, dass auch die Heimat seiner Eltern in diesem Punkt Nachholbedarf hat.
«Die Türkei von innen» steht auf dem Einband. Cem Özdemir scheint nicht gerade der denkbar schlechteste Autor für solch ein Thema zu sein. Aber er ist doch eine überraschende Wahl. Denn der neue Parteichef der Grünen hat sich bisher als Autor fast ausschließlich mit Deutschland beschäftigt. Die Liste seiner bisherigen Veröffentlichungen umfasst Titel wie Ich bin Inländer, Currywurst und Döner - Integration in Deutschland oder ein Hörbuch namens Romeo und Julia auf Schwäbisch.
Trotzdem ist Özdemir ein Glücksgriff. Denn zum einen ist der gebürtige Schwabe erfreulich kritisch. In Die Türkei gibt er nicht nur offen zu, wie fremd ihm das Land seiner Eltern teilweise ist, die in den 1960er Jahren als Gastarbeiter nach Deutschland kamen. Es wird auch deutlich, wie sehr ihm die Gegend zwischen Bosporus und Anatolien am Herzen liegt. Özdemir gelingt auf diese Weise ein sehr guter Kompromiss zwischen Vertrautheit mit der Türkei und einer spezifisch deutschen Perspektive, zwischen Augenzwinkern und erhobenem Zeigefinger.
Freilich ist das Buch, das sich vor allem an junge Erwachsene richten soll, für Özdemir keine Reise zu sich selbst. Zwar gibt der 42-Jährige einige Anekdoten aus der eigenen Biografie zum Besten - und zeigt sich dabei für einen Politiker erstaunlich offenherzig. Doch insgesamt bleibt Die Türkei sehr sachlich. Özdemir möchte nicht von sich erzählen. Er möchte das Land vorstellen.
So gibt es einen gelungene Abriss über die Geschichte der Türkei, einen Ausflug in die Kultur, natürlich auch ausführliche Betrachtungen zur Frage, ob das Land bereit für den EU-Beitritt ist oder nicht. Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk tritt auf, der Popsänger Tarkan und der Journalist Hrant Dink, der im Januar 2007 wegen angeblich staatsfeindlicher Äußerungen ermordet wurde.
Am besten gelingen die Kapitel über das Verhältnis der Türken zu ihren Nachbarn und über die Religionen in der Türkei. Hier offenbaren sich erstaunliche Einblicke in das Selbstverständnis der Türkei, über Geschichtsklitterei und Widersprüche. Das alles wird fundiert dargestellt, gleichzeitig aber dank einer einfachen Sprache und vieler anschaulicher Beispiele sehr verständlich.
Spätestens dann wird klar: Özdemir schreibt für die Deutschen. Er möchte Verständnis wecken für die Situation der Türkei, und er möchte Lust machen auf das Land seiner Eltern, was ihm beides gelingt. Er schreibt aber fast noch mehr für die Türken. Sie sollen ihr Selbstverständnis hinterfragen, sich Problemen wie den Frauenrechten, der Minderheitenfrage oder dem Umweltschutz stellen. Sie sollen letztlich eine neue Definition, eine neue Grundlage für ihren Staat finden. Und das dürfte deutlich schwieriger werden.
Autor: Cem Özdemir
Titel: Die Türkei. Politik, Religion, Kultur
Verlag: Beltz & Gelberg
Seitenzahl: 256
Preis: 19,90 Euro
Erscheinungsmonat: September 2008