Von Ulrike Koltermann
Kaum hatten die Terroristen in Indien die ersten Schüsse abgefeuert, brach im Internet ein wahres Twitter-Gewitter aus. Der Kurznachrichtendienst erwies sich als schneller und detailreicher als etablierte Medien - aber zugleich auch als unzuverlässiger.
Während Nachrichtenagenturen und Fernsehsender die ersten Eilmeldungen verbreiteten, liefen auf der Website Twitter («Gezwitscher») ununterbrochen Kurznachrichten aus Bombay ein, darunter ungefilterte Live-Berichte vom Ort des Geschehens. Wie zuvor beim Tsunami und bei anderen Katastrophen erwiesen sich Online-Foren als schneller und detailreicher als etablierte Medien - aber zugleich auch als unzuverlässiger.
Neben Twitter, einer Website auf der Teilnehmer über Mitteilungen in SMS-Länge miteinander kommunizieren, spielten auch Blogs eine Rolle, persönliche Seiten im Internet, auf denen Autoren ohne großen Aufwand ihre Texte veröffentlichen. Um bei Twitter mitzumachen, reicht die Anmeldung mit einer Email-Adresse. In den USA und Kanada sowie in Indien können die Kurznachrichten auch per SMS direkt auf die Website verschickt werden.
Zwei Tendenzen zeichnen sich ab: Einerseits nutzen traditionelle Medien zunehmend Online-Schreiber als Quelle. Die Sender BBC, CNN und andere Medien kontaktierten in Bombay beispielsweise gezielt Blogger, um authentische Berichte vom Ort des Geschehens zu bekommen. Andererseits wird die Infoflut im Netz schnell so unübersichtlich, dass der klassische Journalismus weiterhin unverzichtbar scheint - weil er filtern, überprüfen und einordnen kann. «Ich brauche keine Echtzeit, ich brauche Verlässlichkeit», forderte etwa ein deutscher Blogger.
Bei den Online-Foren weiß niemand, ob der Schreiber am Ort ist oder vielleicht nur wiedergibt, was er irgendwo gehört hat. Im Fall der Bombay-Attentate geisterten etwa Berichte über Anschläge in einem weiteren Hotel durch das Netz, das am Ende gar nicht betroffen war. Es ist auch nicht auszuschließen, dass Komplizen der Terroristen ebenfalls twittern, um mit Falschinformationen Angst und Schrecken weiter zu schüren.
Je länger die Ereignisse zurücklagen, desto chaotischer wurden die Kurznachrichten zum Thema Bombay bei Twitter. Beileidsbekundungen mischten sich mit Hotline-Nummern und Beschimpfungen der Täter. Die meisten Informationen schienen nun von anderen Medien abgeschrieben zu sein - nachprüfbar war das ohnehin nicht. In einem Blog von Thomas Knüwer auf der Website der Zeitung Handelsblatt entspann sich in den vergangenen Tagen eine breite Diskussion über Chancen und Gefahren dieser Art des Bürgerjournalismus.
«Nur wenige Twitter-Quellen sind wirklich seriös, und viele twittern nur, was sie im Fernsehen sehen», schreibt ein Teilnehmer. «Die Frage ist: Können Blogs & Twitter ausgebildete Auslandskorrespondenten ersetzten?», gibt ein anderer zu bedenken, und fügt hinzu, dass es auch weiterhin Bedarf an gut recherchierten Hintergrundgeschichten gibt.
Unterdessen entwickelte sich auch die Online-Enzyklopädie Wikipedia zu einer schnellen Nachrichtensammlung. Im Unterschied zu anderen Foren sind Teilnehmer dort gehalten, Quellen zu nennen und sich gegenseitig zu korrigieren. Kurz nach den Angriffen hatte der englische Wikipedia-Artikel zu den Anschlägen bereits mehr als 100 Fußnoten und war mit Karten, Chronologien und Fotos versehen.
Auch die Verbreitung von Fotos und Videos im Internet spielt bei Katastrophen eine zunehmend wichtigere Rolle. Ein indischer Blogger namens Vinu veröffentlichte sehr früh eine Fotoserie von den Anschlagsorten auf der Website Flickr. Auf YouTube waren vor allem Mitschnitte von Nachrichtensendungen zu sehen. Und schließlich gibt es noch soziale Websites wie etwa Facebook. Dort geht es nach Ereignissen wie in Bombay allerdings weniger um Nachrichten als vielmehr um den Austausch persönlicher Botschaften. «Ich denke an meine Familie in Bombay», schreibt da jemand - und bekommt umgehend eine Reaktion: «Hoffe, es sind alle ok?»