Von news.de-Redakteur Michael Heinrich
Machen Sie nicht den Fehler, in dem Titel sofort den Sinn zu suchen! Nehmen Sie ihn hin, lassen Sie sich auf «Vicky, Cristina, Barcelona» ein. Denn es ist die Suche nach dem Sinn in allem, die die Menschen unzufrieden macht und unfähig, das Wesentliche zu sehen. Der neue Film von Woody Allen wird Ihnen die Augen öffnen.
Leicht wie eine katalanische Sommernacht, schwer und romantisch wie spanische Gitarrenklänge legt sich die intensive Atmosphäre des Films über das Auditorium. Lassen Sie es zu und tauchen Sie mit Vicky (Rebecca Hall) und Cristina (Scarlett Johansson) in eine Welt ein, in der nur zählt, so intensiv wie möglich zu leben, sich selbst zu verwirklichen und zu genießen. Altmeister Allen hat dafür eine wunderbare Stadt gefunden: Barcelona.
Hier verbringen die beiden Freundinnen ihren Sommer. Vicky sucht Gelegenheit, ihre Magisterarbeit abzuschließen, bevor sie ihren Verlobten in New York heiraten wird. Auf sie wartet ein geordnetes Leben in gesichertem Wohlstand. Cristina versucht dagegen, durch den Ortswechsel den Gedanken an ihre letzte gescheiterte Beziehung zu entkommen. Was sie sonst noch will, weiß sie nicht. Wie ein Blatt im Wind lässt sie sich treiben.
Es ist der geheimnisvolle Maler Juan Antonio Gonzalo (Oscar-Gewinner Javier BardemOscar für No Country for Old Men ), in dessen Arme sie geweht wird. Geschichten kursieren, er habe versucht, seine große Liebe Maria Elena (Penélope Cruz) umzubringen – und sie ihn. Cristina ist fasziniert von so viel Leidenschaft. Sie geht spontan auf sein Angebot ein, mit ihr und Vicky ein Wochenende in Oviedo zu verbringen, zieht schließlich mit dem Maler sogar zusammen. Eines Nachts taucht Maria Elena auf. Sie hat einen Selbstmordversuch hinter sich und will die nächsten Monate bleiben.
Es entwickelt sich ein hinreißendes Spiel mit brillianten Dialogen. Cruz und Bardem, seit den Dreharbeiten auch privat ein Paar, sind die Idealbesetzung für die zwei Liebenden, die «füreinander geschaffen sind und doch wieder nicht», wie es Bardems Alter Ego Juan Antonio beschreibt. Cruz zieht als geniale Künstlerin und eifersüchtige Frau alle Register, schmollend, aufbrausend und hysterisch versucht sie die Konkurrentin auszustechen, ehe sie merkt, dass Cristina die fehlende Zutat für eine funktionierende Beziehung mit Juan Antonio ist.
Bardem, der selbst Malerei studierte, hält sicher die Balance zwischen zwei der schönsten und besten Schauspielerinnen und hebt die Dreiecksbeziehung auf eine spirituelle Ebene. Er macht glaubhaft, dass es seiner Filmfigur Juan Antonio nicht vordergründig um den Sex geht. «Sexualität ist für ihn eine wichtige Erfahrung, aber sie ist nicht der Schlusspunkt, sondern der Anfang von etwas viel Wichtigerem», sagt Bardem.
Vicky, Cristina, Barcelona ist eine kluge Reflexion über die Liebe: Für drei Individuen existiert eine perfekte Beziehung, weil sie ohne Hintergedanken und frei von Eifersucht ist. Die Liebe funktioniert für sie und in diesem Moment. Konventionen bleiben außen vor. Offensichtlich musste Allen, der in früheren Werken US-Metropolen wählte, um Erfolgsfaktoren von Beziehungen zu erkunden (Annie Hall, 1977), die Geschichte dafür im liberalen Europa ansiedeln. Vickys später aus Amerika eintreffender Verlobter Doug, ein New Yorker Snob, kann dieses Laissez-faire jedenfalls nicht begreifen.
Der Film lebt von Stimmungen, die neben glänzenden Schauspielern, die einmaligen Schauplätze Barcelonas und der eingängige und immer wieder anklingende Titelsong von Giulia y Los Tellarinis Barcelona transportieren. Auch der Erzähler im Hintergrund (Christopher Evan Welch), welcher bereits aus Match Point bekannt ist, kommt sehr angenehm daher und rafft zugleich den Erzählstrang. Lehnen Sie sich also zurück und seien Sie nicht zu kritisch. Es ist nicht der anspruchsvollste Woody-Allen-Film. Aber darum geht es auch nicht, Vicky, Cristian, Barcelona ist purer Genuss.
Titel: Vicky, Cristina, Barcelona
Regie: Woody Allen
Darsteller: Rebecca Hall, Javier Bardem, Penélope Cruz, Scarlett Johansson
USA, 2008
FSK: ab 6 Jahren
Spielzeit: 96 Minuten
Start: 4. Dezember 2008