So., 27.05.12

Zeitschriften 24.11.2008 «Die Branche leidet»

Wolfgang Fürstner (Foto)
Wolfgang Fürstner (l., mit Hubert Burda) ist seit 1997 Geschäftsführer des Verbandes Deutscher Zeitschriftenverleger. Bild: ddp

Von news.de-Redakteur Florian Blaschke

Auch der Zeitschriftenmarkt bekommt die wirtschaftliche Krise zu spüren. Das sagt der Geschäftsführer des Verbands Deutscher Zeitschriftenverleger (VDZ), Wolfgang Fürstner. Über das Ende der «großen Zeiten», das Internet und die Konkurrenz der Tageszeitungen spricht er im Interview mit news.de.

news.de: Das Magazin Park Avenue wird eingestellt, Financial Times Deutschland, Börse Online, Capital und Impulse werden ab dem 1. März 2009 von einer Gemeinschaftsredaktion in Hamburg produziert. Das klingt nach einer Krise in der Branche. Wie steht es um die Zeitschriften in Deutschland?

Wolfgang Fürstner: Zunächst muss man, wenn man über unsere Branche spricht, auch über die Finanz- und Automobilkrise sprechen. In deren Folge sind andere Branchen natürlich auch von der weltweit schwierigen Wirtschaftslage betroffen. Auch die Medien und ein Teil der Zeitschriften, ebenso wie das Fernsehen oder die Tageszeitungen. Die Branche leidet, vor allem unter unter den Anzeigenrückgängen. Gerade aus der Automobilindustrie und der Finanzbranche haben sich die Erlöse bedenklich reduziert, das haben alle Verlage zu spüren bekommen. Die großen Zeiten sind vorbei.

news.de: Was hat Gruner + Jahr mit Park Avenue denn falsch gemacht?

Wolfgang Fürstner: Ich kann und will natürlich zu einzelnen Titeln nicht Stellung nehmen. Man versucht nun, Ballast abzuwerfen, sich dort schlank zu machen, wo notwendig. Man darf nur nicht vergessen, dass es auch Erfolgstitel gibt, die jedes Quartal höhere Auflagen und Anzeigenumsätze melden. Wir haben eben nicht nur schwierige Zeiten. In der Krise liegt für manche auch eine Chance, und die wird genutzt.

news.de: Haben Sie dafür Beispiele?

Wolfgang Fürstner: Ein sehr gutes Beispiel ist die Zeitschrift Landlust, die vor zwei Jahren entstanden ist und die heute eine Auflage von 400.000 Exemplaren hat. So manch anderer Verlag wünscht sich solche Zahlen.

news.de: Werden Ihrer Prognose nach noch mehr Titel in der nächsten Zeit eingestellt werden?

Wolfgang Fürstner: Das kann ich nicht ausschließen. Solche Entscheidungen müssen aber in den Häusern getroffen werden. Die Krisenzeit kann wie gesagt auch eine Chance für die Zukunft bedeuten, da man sich auf zukunftsfähige Sortimente und Titel konzentrieren kann. Das mag zur Folge haben, dass manch ein Titel auf der Strecke bleibt. Wir haben in Deutschland aber nach wie vor eines der breitesten Sortimente weltweit.

news.de: Wie ist derzeit das Verhältnis von Neuen zu eingestellten Titeln?

Wolfgang Fürstner: Wir haben bei den Auflagen der gemeldeten und kontrollierten Titel nach wie vor einen Zuwachs. So lange ich denken kann, haben wir da keine negative Entwicklung gehabt. Vor 30 Jahren hatten wir 300 auflagengeprüfte Titel, heute sind es 850. Das zeigt, wie kräftig dieser Markt ist und wie sehr er sich differenziert hat. Das reflektiert auch das veränderte Mediennutzungsverhalten der Menschen und die Veränderungen in der Medienlandschaft.

Lesen Sie auf Seite 2, welche Prognose Wolfgang Fürstner für das nächste Jahr stellt

news.de: Nun ist ja die Zeitschriftenlandschaft nicht gerade homogen, man sollte meinen, Publikumszeitschriften hätten es auf dem Markt leichter als die Fachpresse. Oder täuscht dieser Eindruck?

Wolfgang Fürstner: Ich glaube, ja. Die Fachmedien sind von dem Strukturwandel, den das Internet ausgelöst hat, viel weniger betroffen. Nicht jede Zeitschrift muss gedruckt werden, dadurch fallen viele Kosten weg. Zugegeben, das ist ein radikales Modell. Man kann aber als Fachmedium Portale entwickeln, die ganz spezifisch auf die Branche zugeschnitten sind. Da ist ganz viel möglich und ich bin der festen Überzeugung, dass die Verleger diese Chance nicht nur erkannt haben, sondern sie auch umsetzen werden.

news.de: Gerade Wirtschaftstitel scheinen betroffen von der Finanzkrise, doch in fast allen Bereichen sind die Anzeigenerlöse drastisch eingebrochen. Wie sieht Ihre Prognose für das kommende Jahr aus?

Wolfgang Fürstner: Gerade die Wirtschaftspresse hat ja in der Vergangenheit vom enormen Börsenboom profitiert. Jetzt aber wissen wir, dass sich die Börsen und die Wirtschaft weltweit in einer rezessiven Phase befinden. Die Ausmaße sind da noch gar nicht abzusehen. Es kommen schlechte Zeiten, nicht nur für Wirtschaftstitel. Nächste Jahr müssen wir, glaube ich, alle Kraft zusammennehmen und Zukunftsinvestitionen leisten, uns für die Zukunft fit machen, neu aufstellen. Da werden wir noch den ein oder anderen Umbruch erleben.

news.de: Dabei gibt es durchaus neue, innovative Produkte auf dem Markt. Der Süddeutsche Verlag etwa hat das Magazin Wir für Eltern auf den Markt gebracht, auch das Produkt Human Globaler Zufall der Springer-Akademie ist wirklich neu. Wieviel Platz ist auf dem Zeitschriftenmarkt noch?

Wolfgang Fürstner: Für gute oder sehr gute Produkte ist dieser Markt ohne Grenzen. Ich nenne noch einmal Landlust. Das ist ein gutes Beispiel für einen Titel, der Menschen gerade in einer wirtschaftlich schwierigen Zeit anspricht. Er vermittelt ein Wir-Gefühl, Geborgenheit, ein Zuhause-Gefühl, was derzeit besonders wichtig ist. Das ist vielleicht etwas Küchenlatein, aber es ist der Versuch, zu erklären, warum gerade ein solcher Titel so erfolgreich ist.

news.de: Und wie steht es um die Kreativität, um die Innovationsfähigkeit der Branche?

Wolfgang Fürstner: Ich glaube, dass die Verlage ein hohes Maß an Qualität in den Redaktionen haben, auch in den Entwicklungsredaktionen, dass aber in unserer veränderten Medienwelt die Bereitschaft, mal etwas zu wagen, ohne zwingend auf den Erfolg angewiesen zu sein, zurückgegangen ist. Das liegt in der Natur der gesamtwirtschaftlichen Situation. Das Sicherheitsdenken ist derzeit bestimmt etwas stärker ausgeprägt.

Lesen Sie auf Seite 3, ob den Zeitschriften der Sprung ins Internet gelungen ist

news.de: Gerade die überregionalen Zeitungen haben es in den letzten Jahren geschafft, ihre Printprodukte mit Online-Angeboten zu verknüpfen. Wie sieht es hier bei den Magazinen aus? Ist der Sprung ins Internet gelungen?

Wolfgang Fürstner: Die überregionalen Zeitungen bemühen sich sehr stark, das zu einem Erfolgsmodell zu machen. Das absolute Vorzeigeprodukt bei den Magazinen ist der Spiegel. Ich glaube aber nicht, dass wir mit einer Nachrichtenseite bei jeder Zeitschrift erfolgreich sein werden, so viel braucht der Markt nicht. Es kommt ja auch nicht darauf an, dass alle das machen, was erfolgreiche Verleger tun. Die Verlage müssen sich auf das konzentrieren, was sie gut können und das online umsetzen. Es gibt im Übrigen auch keine Alternative. Wir brauchen Online, um Marken zu stärken, Abonnenten zu werben und redaktionell dialogfähig zu werden.

news.de: Auch scheint es so zu sein, dass sich Zeitungen den Magazinen annähern, es ist die Rede davon «magaziniger» zu werden. Kommen sich hier zwei Philosophien in die Quere?

Wolfgang Fürstner: Es ist, ohne dass ich das überspitzen möchte, in der Tendenz durchaus so, dass Zeitungen versuchen, dadurch Ausfälle bei der Werbung zu kompensieren. Denn sie brauchen das entsprechende redaktionelle Umfeld, um genügend Aufmerksamkeit zu finden. Wenn ich mir die großen Automobilstrecken in Tageszeitungen ansehe, gibt es diese Annäherung, man kann es auch Wettbewerb nennen. Das findet aber in überschaubaren Größenordnungen statt.

news.de: Sie haben mit dem VDZ gerade erst die «Deutschlandstiftung Integration» gegründet und den Verleger Aydin Dogan, der unter anderem die Hürriyet herausgibt, für seine Verdienste um die deutsch-türkische Verständigung ausgezeichnet. Wie soll die Stiftung über diesen Preis hinaus die Integration in Deutschland unterstützen?

Wolfgang Fürstner: Mir liegt sehr daran, deutlich zu machen, dass die Zeitschriftenverleger eine gesellschaftspolitische Aufgabe haben. In Deutschland gibt es viele Menschen mit Migrationshintergrund, die hoch willkommen sind und gute Arbeit leisten. Es gibt aber auch Entwicklungen von fehlender Integration. Wir können als Stiftung die vielen, bereits vorhandenen Aktivitäten verstärkt sichtbar machen, vielleicht auch stärker vernetzen. Wir können auch durch redaktionelle Beiträge in Zeitschriften und durch Anzeigenkampagnen das Problem stärker sichtbar machen und das werden wir auch tun. Und wir wollen über öffentlichkeitsstarke Veranstaltungen auch Sponsoren gewinnen und das Bewusstsein für die unverzichtbare Integration noch mehr zu verstärken.

news.de: Wie ist diese Stiftung aufgenommen worden?

Sehr gut. So bin ich glücklich, dass die Bundeskanzlerin die Schirmherrschaft für unsere Stiftung übernommen hat und dass wir letzte Woche von der Deutschen Bank 100.000 Euro bekommen haben. Auch die Intendantin des WDR hat uns bereits einen Brief geschrieben und eine Zusammenarbeit angeregt. Durch diese Art von Vernetzung können wir etwas ganz Besonderes schaffen und darüber bin ich sehr froh.

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