Von von news.de-Redakteur Tobias Köberlein
Auf Gorleben folgt Biotechnologie. Nach der NDR-Produktion «Salzleiche» bemühte sich auch der BR-«Tatort» «Häschen in der Grube» um politische Relvanz. Es ging um medizinische Versuche an Kindern. Ein schwerer Stoff, an dem sich die Münchner Ermittler verhoben.
In den ersten Minuten prallen Gegensätze aufeinander. Der Lärm von Rotorblättern. Ein Militärhubschrauber landet. Männer schleppen dunkelhaarige Mädchen über die Landebahn und verladen sie in ein Auto. Schnitt! Die Kamera gleitet über ein luxuriöses Eigenheim, Sonnenstrahlen brechen sich im Wasser des Swimmingpools. So sieht sie aus, die Münchner Besserverdiener-Idylle.
Die Exposition von Häschen in der Grube folgte klassischen Krimi-Mustern. Der Aufeinanderprall von Gegensätzen erzeugt Spannung. Wenn alles gut geht. Jetzt muss nur noch die Geschichte funktionieren. Und genau das ist das Problem im jüngsten Fall des Ermittlergespanns Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) und Ivo Batic (Miroslav Nemec).
Ein Familienvater wird einen Abhang hinuntergestoßen. Mord! Motive? Gibt es reichlich. Werner Hübner (Martin Rapold) lag praktisch mit jedermann im Streit. Kurz zuvor hatte er sich heftig mit dem Geschäftsführer einer Stiftung gezofft, die krebskranke Kinder an deutsche Pflegefamilien vermittelt. Auch Hübner und seine Frau Anne (Stephanie Japp) sind Pflegeeltern. Ihr Schützling, das Waisenkind Salima (Eslem Gür), leidet an Leukämie, muss regelmäßig in der exklusiven Privatklinik von Dr. Jahnn (Joachim Król) und Professor Frey (Hanns Zischler) behandelt werden.
Hübner will die Therapie abbrechen. Er hat Zweifel, ob in der Klinik alles mit rechten Dingen zugeht. Doch der arbeitslose Grafiker ist in der Zwickmühle. Die Stiftung zahlt den Pflegeeltern 3000 Euro im Monat. Seine Frau Anne fürchtet um den Lebensstandard. Der ehrgeizige Schwiegervater (Hans-Michael Rehberg) hält Hübner ohnehin für einen Loser. Und dann gibt es da auch noch Hübners Sohnemann (Janos Körtge), der an seinem Elitegymnasium von verwöhnten Mitschülern drangsaliert wird.
Batic und Leitmayr ermitteln im Wohlstandsbauch der Münchner Gesellschaft. Kennt man. Unter anderem aus den meisten Derrick-Folgen, in denen Horst Tappert beim Witwenschütteln gutbürgerliche Lebenslügen entlarvte. Im selben Fahrwasser schwimmt der BR-Tatort. Klar, der Anspruch ist höher. Schließlich geht es um Menschenversuche. Jahnn und Frey machen die Kinder vorsätzlich krank, infizieren sie mit Leukämie, um dann an einem Gegenmittel zu forschen.
Die Idee ist ebenso krank wie die Mädchen. Doch hier gab es keine finsteren Versuchslabore, keine geschundenen Menschenleiber. Regisseurin Dagmar Knöpfel taucht das Unfassbare in helles Licht. Die Bilder sind unschuldig. Die überehrgeizigen Ärzte sind es nicht. Mittendrin: Batic und Leitmayr. Sie reden viel in diesem Tatort. Mit Hübners Witwe, seinem Sohn, dessen Freunden, den Ärzten, dem Pförtner (gespielt von Kabarettist Sigi Zimmerschied), mit einer weiteren Ärztin (Brigitte Hobmeier). Und wenn sie mit allen gesprochen haben, geht es eben wieder von vorne los.
Die Kommissare tragen schwer an dem Fall. Das Thema Menschenversuche ist abstrakt, sperrig. Im Film wird es nicht anschaulich. Er ist zu wenig Krimi, zu sehr Milieustudie. Fährten werden ausgelegt und nicht weiter verfolgt. Die Handlung zerfasert. Und dann ist der Tatort auf einmal vorbei, der Täter entlarvt, der Vorhang zu und viele Fragen offen.
Der Film solle die Zuschauer nachdenklich stimmen, hatte sich Regisseurin Knöpfel gewünscht. Wir waren es in der Tat. Wenn auch nicht aus dem Grund, den Frau Knöpfel ersehnte.