Von news.de-Redakteur Michael Kraft
«Ich habe keine nationalen Gefühle», sagt Michael Jürgs. Trotzdem befasst er sich bereits zum dritten Mal in einem Buch mit der deutschen Einheit. In einer Lesung und im Interview zieht er Bilanz. Und fordert mehr Mut von den Ostdeutschen.
Wie geht´s, Deutschland? heißt sein neuestes Werk. Das Komma spricht der 63-Jährige jedoch nicht mit. Es ist kein plumpes «Alles fit im Schritt?», mit dem er sich der Nation nähert, floskelhaft und nicht wirklich am Befinden interessiert. Es ist aber auch keine staatstragende, existenzielle Frage. Der Autor wagt sich an das Problem mit eben jener wirklichen Scharfblick ermöglichenden Distanz, mit der auch den Ostdeutschen begegnet.
«Ich werde immer vorgestellt als Ossi-Hasser», gibt der gebürtige Schwabe zu – und macht seinem Image in einer ordentlich besuchten Buchhandlung in der Leipziger Innenstadt auch gleich alle Ehre: «Sie sollten alle draußen auf der Straße sein, mit Kerzen», schilt er die Zuschauer zur Begrüßung. Denn ein paar Meter weiter wird mit einer Lichtinszenierung vor der Nikolaikirche gerade des Jahrestags der ersten großen Montagsdemonstration gedacht.
news.de: Ihre Lesereise führt sie über vier Monate an 23 Stationen. Dass sie ausgerechnet am 9. Oktober in Leipzig lesen, ist sicherlich kein Zufall?
Jürgs: Der Termin ist natürlich mit Bedacht gewählt. Ich habe viele Anfragen für Lesungen zu dem Buch bekommen. Die aus Leipzig war diejenige, die mich am meisten bewegt hat. Was hier passiert ist und was hier angestoßen wurde, ist enorm. Ich habe die Fernsehbilder vom 9. Oktober 1989 noch gut in Erinnerung. Das war damals der Weg von der Ohmnacht zur Macht, das war die eigentliche Entscheidung. Und ich war auch während der Recherchen für das Buch sehr oft in Leipzig.
news.de: Wäre der 9. Oktober deshalb auch der bessere Nationalfeiertag?
Jürgs: Ja. Das war die erste gelungene unblutige deutsche Revolution. Das haben die Menschen geschafft, und das sollten wir feiern.
news.de: War das für sie auch der emotionalste Moment während der friedlichen Revolution?
Jürgs: Nein. Natürlich herrschte damals eine ungeheure Spannung, mit 70.000 Menschen auf der Straße, Panzern in Stellung und vorbereiteten Internierungslagern. Aber der emotionalste Moment war für mich die Nacht, in der die Mauer fiel. Ich habe damals gerade ein neues Stern-Heft produziert. Solch ein historisches Ereignis zu erleben und darüber berichten zu können, das war extrem aufregend.
Der Mauerfall war es letztlich aber auch, der Jürgs seinen Job als Chefredakteur beim Stern kostete. Nach einem Leitartikel unter der Überschrift Sollen die Zonis bleiben, wo sie sind? wurde er gefeuert. Seitdem hat er reichlich über den politischen Umbruch geschrieben – und gibt offen zu, dass er dies «als Therapie» versteht. Einem erhellenden Buch über die Treuhandanstalt und einem provozierenden Werk Tpyisch Ossi – Typisch Wessi lässt er nun seine Bilanz der Einheit folgen.
Das Leipziger Publikum hat reichlich Fragen dazu, wird langsam warm mit dem Autor, der bei der Erinnerung an die Ereignisse der friedlichen Revolution („das war ein Märchen, ein Wunder“) ungewohnt ins Schwärmen gerät. Wenn Jürgs antwortet, spricht er oft von Patrioten. «Das sind für mich keine Leute, die sich für ein stärkeres Nationalbewusstsein stark machen. Patrioten kämpfen dafür, das Zusammenleben aller zu verbessern», lautet seine Definition dieses Begriffs. Er selbst will hingegen nicht Partei ergreifen fürs Vaterland, sondern nur zeigen, was los ist. In seinem Buch zeigt er Schicksale und Zusammenhänge auf, Verlierer und Profiteure. Drei Monate lang hat er daran geschrieben, zuvor neun Monate recherchiert, in Ost und West.
news.de: Spüren sie auch 19 Jahre später nach dem Mauerfall «Volkscharakter Ost», den sie in Ihrem Buch beschreiben?
Jürgs: Ja, man spürt da noch Unterschiede. Wenn ich im Zug sitze und jemand Neues hereinkommt, dann sehe ich sofort, ob das ein ehemaliger Genosse ist oder ein Westdeutscher. Es fällt auch in anderen Situationen auf. Beispielsweise wenn ich die typischen Witze erzähle, die Westdeutsche sonst unter sich machen. Im Osten ist die Reaktion dann meistens tiefes Beleidigtsein und völlige Ironiefreiheit. Das ist auch ganz normal, wenn man 40 Jahre lang keine Aufklärung hatte und keine bösen Scherze machen konnte. Aber es gibt noch einen wichtigen Unterschied: Sobald irgendetwas geschieht, was wie eine Krise aussieht, setzt im Osten eine tiefe Verklärung ein, nach dem Motto: So etwas gab es früher in der DDR nicht. Da hatten wir alle Arbeit.
news.de: Empfinden Ostdeutsche die aktuelle Finanzkrise dann auch als Rache des Kapitalismus? Passiert jetzt das, wovor man sie immer gewarnt hatte?
Jürgs: Manche empfinden das so, und das ist unglaublich gefährlich. Andererseits kann ich verstehen, dass solche Bedrohungen für Ossis viel schlimmer sind. Sie haben gerade erst riesige Umwälzungen hinter sich, von der Ostmark zur D-Mark und zum Euro, von der Diktatur zur Demokratie, vom sicheren Auskommen zur ständigen Gefahr der Arbeitslosigkeit. Deshalb ist die Angst hier viel gewaltiger. Die Globalisierung und Freiheit, von der man sich im Osten so viel versprochen hat, zeigt jetzt ihre hässliche Fratze. Das muss man denen erst einmal klar machen. Die Menschen haben gerade erst erlebt, wie die DDR zusammengebrochen ist, und nun müssen sie sich schon wieder fragen: Was kommt jetzt?
news.de: Sind die Ostdeutschen also Angsthasen?
Jürgs: Zumindest frage ich mich oft: Wo ist Euer Mut hin? Die Freiheit muss man sich – wie eine Geliebte – jeden Tag neu erobern. Und in der Krise zeigt sich, wie stark man ist. Und da wundere ich mich, dass Leute, die ein Regime gestürzt und so viel bewegt haben, jetzt so ängstlich sind.
news.de: Kann ein stärkeres Erinnern an die friedliche Revolution mehr Selbstbewusstsein bringen?
Jürgs: Das wäre wichtig. Die Menschen im Osten können stolz auf das sein, was sie erreicht haben. Der Jahrestag im kommenden Jahr wäre die Chance, mehr Selbstbewusstsein zu entwickeln. Er könnte auch neue Aufmerksamkeit für das Thema bringen. Denn leider interessieren sich viele Westdeutsche weiterhin nicht für die Biografien der Ostdeutschen. 60 Prozent der Wessis waren noch nie hier, das sagt auch etwas aus. Da gibt es zu wenig Information. Wenn man mehr vom anderen weiß, und akzeptiert, dass er anders ist, dann versteht man sich besser.
news.de: Wie wichtig wäre dazu ein offizielles Denkmal für die friedliche Revolution? Und wo gehört es hin?
Jürgs: In jede Stadt. Nach Leipzig, nach Berlin, nach Plauen, in die Provinz. Überall dorthin, wo etwas passiert ist. Überall dort, wo es Kriegerdenkmäler gibt, sollte es auch ein Mahnmal für die friedliche Revolution geben.
news.de: Als die Mauer fiel, waren sie 44 Jahre alt. Wenn Sie im Osten aufgewachsen wären, gehörten Sie damit genau zur „verlorenen Generation“, die zu jung war für die Rente und zu alt, um sich ein neues Leben aufzubauen. Haben Sie sich einmal mit der Frage beschäftigt, was dann aus Ihnen geworden wäre?
Jürgs: Nein. Das ist auch kaum möglich. Das ist so ähnlich wie bei der Nazi-Generation. Die hat uns Nachgeborene auch immer gefragt: Was hättet ihr gemacht? Ich musste dann immer antworten: Das kann ich mir nicht vorstellen. So ist es auch mit der Idee, im Osten aufgewachsen zu sein. Die DDR war für mich ferner als jedes andere Land. Natürlich hat mich dieses System politisch interessiert. Aber ich wäre nie auf die Idee gekommen, dorthin zu fahren. Deshalb kann ich mir einfach nicht vorstellen, wie das gewesen wäre. In jedem Fall ist die verlorene Generation ein großes Problem. Was ist aus denen geworden? Welche Perspektiven haben sie noch? Das sind spannende Fragen. Aber noch ein Buch über das Thema will ich eigentlich nicht schreiben.