Von Christian Vock
Der «Tatort» im Ersten ist dafür bekannt, auch gesellschaftlich heiße Eisen anzufassen und diese in spannende Fälle zu kleiden. Die gestrige Folge über Sterbehilfe hatte mit gewohnter Abendunterhaltung aber nichts zu tun.
Sterbehilfe kennt nur Ja oder Nein. Es gibt kein Dazwischen, kein Vielleicht, kein unter Umständen. Es geht um Gefühle, die intensivsten, die wir haben. Es geht ums Leiden, ums Sterben und ums Sterben wollen. Es geht um die Frage: Wer entscheidet über Leben und Tod?
Diese Frage stellte Regisseurin Alruen Goette in der gestrigen Folge Der glückliche Tod. Eine Frau wird tot aufgefunden. Sie arbeitete für den Schweizer Sterbehilfeverein «Charontas», der in Deutschland Lobbyarbeit betreibt. Die ersten Hinweise führen die Ermittler Odenthal (Ulrike Folkerts) und Kopper (Andreas Hoppe) zu dem Kollegen der Toten, dem Anwalt Heymann (Frank Giering), einem Hundeausbilder, der gegen den Verein wegen des Todes seiner Tochter schwere Vorwürfe erhebt und zur Familie der neunjährigen Julia Frege (Stella Kunkat), die unheilbar an Mukoviszidose erkrankt ist und sehr qualvoll sterben muss.
Je länger der Fall dauert, desto stärker konzentriert sich das Geschehen auf die Familie Frebe, denn dem Zuschauer wurde hier kein gewöhnlicher «whosdunnit»-Krimi serviert, nach dem man vielleicht noch ein Glas Wein trinkt und dann ins Bett geht. Nein, hier hat man gefälligst eine Entscheidung zu treffen. Muss ein kleines Mädchen qualvoll sterben oder darf man ihm den Schmerz nehmen? «Mama, ich kann nicht mehr. Mach, dass es endlich vorbei ist», fleht Julia ihre Mutter an und trifft damit nicht nur ins Herz der Zuschauer, sondern auch den Kern des Problems, denn aus der Frage «Wer hat das Recht über Leben und Tod zu entscheiden» wird automatisch auch die Frage «Wer hat das Recht, zu entscheiden, ob jemand Qualen erleidet oder nicht».
Doch um hier eine Entscheidung fällen zu können, muss man die Argumente kennen. Die «Dagegen-Seite» vertrat Ermittler Kopper, der wenig überzeugend seinen Großvater ins Feld führte, den die Familie schließlich auch ein Jahr lang bis zu dessen Tod gepflegt habe. Wesentlich plausibler kam da der geldgierige Anwalt daher, der, um seiner kleinen Familie ein schönes Leben zu schenken, Sterbewillige mit entsprechenden Medikamenten versorgte und sich das nicht schlecht bezahlen ließ. Natürlich könnte man nun «Einzelfall» schreien, aber die Vergangenheit lehrt uns, dass alles, was passieren kann, auch passiert.
Umso schwerer muss also die «Dafür-Seite» aufrüsten, und sie tat es. Zum einen in Gestalt von Urike Folkerts und Susanne Lothar, die die Mutter spielt. Man muss mit dem Wörtchen «brillant» vorsichtig umgehen, aber die schauspielerische Leistung der beiden Frauen machte das Leid greifbar, das Eltern erfahren müssen, wenn ihr Kind qualvoll vor ihren Augen sterben muss. Zum anderen durch die Konzentration auf das kleine Mädchen, wodurch die Fahndung nach dem Täter zur Nebensache wurde und erst in der Schlussviertelstunde so richtig Fahrt aufnahm und sich der Zuschauer erinnerte, dass er sich ja gerade einen Krimi ansieht. Doch dann war es schon zu spät. Da war man schon gefangen im traurigen Blick des sterbenden Mädchens, wenn es mit seinem kleinen Bruder die Kuscheltiere für die Zeit nach ihrem Tod aufteilte: «Ich will ihn erst, wenn du tot bist», sagte der kleine Junge, als es um den Lieblingsaffen seiner Schwester geht. «Solange musst Du ihn behalten.»
«Film ist Gefühl. Immer. Nicht Verstand», erklärt Regisseurin Alruen Goette in einem Interview mit der F.A.Z. Sterbehilfe ist es auch.
Silvia, zuerst mein Beileid für deine 6 jährige. Du hast vollkommen recht, es gibt nicht nur ein Recht auf Leben sondern auch ein Recht auf einen würdigen Tod.
jetzt antwortenKommentar meldenOder halt ein Hospiz in Deutschland, denn die sind auch nicht schlecht in Palliativmedizin. Allemale besser, als selbst etwas zu versuchen und dann geht es schief und dann geht es einem noch schlechter als vorher und kann dann gar nichts mehr machen.
jetzt antwortenKommentar meldenIch habe den besagten Tatort gesehen und er war in keiner Weise übertrieben. Woher weiß ich das? Ich habe eine 6jährige Tochter, die Mukoviszidose hat. Ich kann verstehen, wenn man unheilbar krank ist mit einer Krankheit, die unweigerlich zum Tode führt, das man dem ganzen ein Ende setzten will, solange man noch kann, wenn man Schmerzen, Luftnot und Angst nicht mehr aushält. Noch bevor der Tatort ausgestrahlt wurde, hatte ich ein Gespräch mit einem Erwachsenen Mukoviszidose Betroffenen, der sich Gedanken über Selbstmord machte. Ich riet ihm, sich an ein Sterbehaus in der Schweiz zu wenden.
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