Von Reinhard Kleber
Am Anfang wird nicht gekleckert, sondern geklotzt. Es zerrt an den Nerven der Zuschauer, wenn der Fotograf Andreas zu Beginn des TV-Zweiteilers «Wir sind das Volk - Liebe kennt keine Grenzen», versucht, seinen angeschossenen Kumpel Matthis in die Freiheit zu zerren.
Doch die Mühe ist vergebens: Matthis stürzt tot auf der DDR-Seite der Mauer zu Boden, Andreas fällt verletzt auf die BRD-Seite. Doch so reißerisch und symbolschwer bleibt die Sat.1-Produktion von Regisseur Thomas Berger, die am 6. und 7. Oktober jeweils um 20.15 Uhr ausgestrahlt wird, zum Glück nicht. Über weite Strecken schildert Berger mit einem exzellenten Darstellerensemble ernsthaft und sensibel die Schicksale einer Gruppe von DDR-Bürgern in der Schlussphase des sozialistischen Staates. Erst beim tränenschweren Finale kippt das DDR-Liebes- und Politdrama wieder ins allzu Pathetische und verliert darüber fast die selbstmordgefährdete Heldin Katja Schell aus den Augen.
Anja Kling, die selbst als 19-Jährige fünf Tage vor der Maueröffnung in den Westen floh, spielt diese Katja mit viel Herz. Es ist wahrscheinlich die beste Leistung ihrer TV-Karriere. Schon die Eröffnungsszene etabliert die Erzieherin als große Leidende. Als sich Andreas (Hans-Werner Meyer) notgedrungen von ihr verabschiedet, wissen beide nicht: Katja ist schwanger. So wächst Sohn Sven (Lino Sliskovic) ohne Vater auf. Sechs Jahre später hat Katja die Nase voll vom Warten. Sie will zu Andreas, der inzwischen beim Fernsehen in West-Berlin arbeitet.
Doch der Fluchtversuch in Ungarn geht schief. Sven schafft zwar den Grenzübertritt und gelangt über Umwege zu Andreas, doch Katja landet im Stasi-Gefängnis. Dort schreckt der gerissene Stasi-Offizier Bert Schäfer (Heiner Lauterbach) vor keinem Mittel zurück, um sie zu zermürben. Derweil filmt Katjas engagierter Bruder Micha (Matthias Koeberlin) mit seinem Freund Dirk (Ronald Zehrfeld) heimlich die wachsende Oppositionsbewegung für Andreas. Auch Katjas Kollegin Jule Hoffmann (Anna Fischer) schließt sich der Opposition an, obwohl ihr Vater Bernd (Jörg Schüttauf) Oberst im Innenministerium ist und ihr linientreuer Bruder Götz (Oliver Bröcker) bei der Volkspolizei arbeitet.
Um die Verhöre Katjas möglichst realistisch darzustellen, drehte das Team Szenen im ehemaligen Stasi-Gefängnis in Berlin-Hohenschönhausen. Der ehemalige Stasi-Häftling Matthias Melster fungierte dort als Berater und gab Kling und Lauterbach wertvolle Hinweise. Mit Erfolg, wie man bei Lauterbach sieht, der den Stasi-Mann mit stoischer Ruhe gibt. Und gerade dadurch umso bedrohlicher wirkt, etwa wenn er sich Katja vorstellt: «Sie dürfen mich als Herr Untersuchungsführer anreden.»
Melster sagt, er habe versucht, seine leidvollen Erfahrungen weiterzugeben, und sei von der Umsetzung durch die Schauspieler fasziniert: «Sie haben meine Worte aufgesogen, bei einigen Szenen lief es mir kalt den Rücken hinunter.»
Der Direktor der Gedenkstätte, Hubertus Knabe, lobte denn auch die Bemühungen der Filmemacher um Authentizität: «Dem Regisseur ist es gelungen, der friedlichen Revolution in Ostdeutschland ein Denkmal zu setzen.» Der TV-Zweiteiler sei sogar historisch genauer als das Oscar-gekrönte Kinodrama «Das Leben der Anderen». «Bei diesem Film stimmen auch die Details, das macht den Film so überzeugend», sagte der Stasi-Experte.
Nach dem ersten Teil schildert die Dokumentation Freiheit! Das Ende der DDR ab 22.25 Uhr die letzten Monate der DDR vor dem Fall der Mauer. Die Autoren Falko Korth und Thomas Riedel lassen Menschen zu Wort kommen, die unter der SED-Diktatur gelitten haben, aber auch DDR-Bürger, die sich gewehrt haben. So wie die Dokumentarfilmer Aram Radomski und Siegbert Schefke, die Videoaufnahmen von den Leipziger Montagsdemonstrationen machten und zum West-Fernsehen schmuggelten.
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