Von news.de-Redakteur Michael Kraft
Die Franzosen sind gemeinhin ein stolzes Volk. Doch die Pariser Autorin Corinne Maier mahnt die Deutschen in «No Kid» nun: Werdet bloß nicht wie wir. Sie warnt vor dem Kinderwahn.
No Kid heißt das neueste Werk der Bestseller-Autorin (Die Entdeckung der Faulheit). Das mag noch harmlos klingen. Der Untertitel 40 Gründe, keine Kinder zu haben wird da schon deutlicher.
Die Kapitelüberschriften lassen schließlich keinen Zweifel mehr daran, dass dies eine Kampfschrift ist, die den (noch) Kinderlosen die Augen öffnen und allen (werdenden) Eltern den Angstschweiß auf die Stirn treiben will: Die Entbindung als Foltermethode, Mutieren Sie bloß nicht zur wandelnden Nuckelflasche, Das Kind als der Anfang vom Ende eines glücklichen Paares oder Warum sich für eine zukünftige Randgestalt der Gesellschaft den Arsch aufreißen? lauten nur vier der Gründe, die Maier gegen das Kinderkriegen anführt. Im als familienfreundlich geltenden Frankreich haben diese Thesen für veritable Empörung gesorgt.
Wenn dies auch in Deutschland gelingen sollte, wo man neuerdings ebenfalls allerlei Anstrengungen unternimmt, um seine Einwohner gebärfreudiger zu machen, dürfte das allerdings dem Thema geschuldet sein – nicht dem Buch. Denn No Kid ist selbst dann eine Enttäuschung, wenn man Maiers Position aufgeschlossen gegenüber steht. Die Psychoanalytikerin kratzt am Ideal der Mutterschaft, doch ihre Argumente speisen sich meist nur aus ihrer Egozentrik, den denkbar einfallslosesten Klischees und ihrem alles überragenden Pessimismus. Statt wie eine Jeanne d’Arc der Kinderlosen kommt Maier deshalb meist schlicht wie eine keifende alte Jungfer daher.
Das ist vor allem deshalb schade, weil das Buch interessante Ansätze enthält, und zeigt, dass Maier durchaus Existenzielles zum Thema zu sagen hätte, wenn sie auf billige Witzchen und einen gekonnt inszenierten Skandal verzichten könnte. Wann immer sie in die Tiefe geht, wird es spannend, gut und aufrüttelnd. Maier, die übrigens selbst zwei Kinder hat, zeigt auf, wie sehr das althergebrachte Familienbild mit gesellschaftlichen Zwängen zusammenhängt, mit Normierung, Uniformierung und der ständigen Pflicht zum Konsum. Aus diesem Ansatz hätte Maier einen höchst erhellenden Essay machen können.
Immerhin taugt No Kid für interessante Experimente. Liest man dieses Buch in öffentlichen Verkehrsmitteln oder gar im Wartezimmer beim Arzt, kann man anhand eifrigen Kopfschüttelns, giftiger Blicke und leiser Beschimpfungen der Umstehenden durchaus den Eindruck gewinnen, es gäbe in diesem Land eine gesetzlich vorgeschriebene Pflicht zur Kinderliebe. Aber das ist ein ganz anderes Thema.
Autor: Corinne Maier
Titel: No Kid
Verlag: Rororo
Umfang: 141 Seiten
Preis: 12 Euro
Veröffentlichung: Juni 2008