Von Claudia Arthen
Weiße Lilien liegen auf dem Boden; sie sind von Blut rot gefärbt. Die befleckten Blumen, die im Vorspann von Christian Froschs neuestem Kinobeitrag Weiße Lilien zu sehen sind, verheißen nichts Gutes. Sie sind nicht das einzige, das faul ist in diesem albtraumhaften Film über eine Stadt, die eigentlich perfekt sein will.
Neustadt heißt diese Stadt, die überall sein könnte. Eine Wohnmaschine mit hoch aufragenden Betontürmen. Eine Stadt ohne Außenwelt, in der die Bewohner arbeiten, schlafen, Beziehungen eingehen und stets überwacht werden. Was diese Welt zusammenhält, ist die Angst davor, dass es «draußen» vielleicht noch schlimmer ist.
Auch Hannah bricht nicht aus. Sie bleibt in Neustadt, selbst nachdem sie sich von ihrem gewalttätigen Ehemann getrennt hat. Sie zieht ein paar Stockwerke höher, in ein Appartement, das nach dem Selbstmord der Vormieterin frei wurde, lernt Anna kennen, die im Untergrund gegen die Wohnblockoberen aufbegehrt, und gerät in einen merkwürdigen Sog unerklärlicher Ereignisse.
Es ist schon recht starker Tobak, den Regisseur Christian Frosch den Zuschauern zumutet. Den österreichischen Filmemacher treibt die Frage, wohin sich eine Gesellschaft bewegt, die sich aus Angst vor dem Außen immer mehr auf das Innere konzentriert, die vermeintlich in Freiheit lebt, doch in Wahrheit in einem totalitären System gefangen ist. Froschs Zuspitzung einer Zukunftsvision ist eine Mischung aus Science-Fiction, Thriller und Liebesgeschichte.
Die perfekte architektonische Kulisse dazu liefert der Wohnpark Alt-Erlaa am Südrand Wiens, der von 1973 bis 1985 nach den Plänen des Architekten Harry Glück gebaut wurde. Alt-Erlaa steht exemplarisch für die Siedlungsplanung Ende der 1960er Jahre, als versucht wurde, Masse und Lebensqualität unter einen Hut zu bringen – frei nach dem Motto «Das größtmögliche Glück für die größtmögliche Zahl».