Von news.de-Redakteur Michael Kraft, Hohenfelden
Alte Punks sind nicht peinlicher als junge, die Karibik liegt in Thüringen und der beste Zeitpunkt für eine Polonaise ist der Sonnenuntergang: Das sind die Erkenntnisse nach dem zweiten Tag des Highfield-Festivals.
Man kennt das. Wenn Freunde zu Besuch sind, ein Urlaubsort besondere Reize entwickelt hat oder der/die Liebste sich für längere Zeit zu verabschieden droht: Wenn man weiß, dass ein schmerzhafter Abschied naht, dann versucht man, die Zeit bis dahin möglichst intensiv auszukosten.
Die Mischung aus Wehmut und Extra-Euphorie machte den zweiten Tag des Highfield-Festivals aus, das in diesem Jahr zum letzten Mal in Hohenfelden (Thüringen) stattfindet. Der Samstag hatte reichlich Bands zu bieten, die wunderbar dazu passten.
Zuallererst sind da Panteón Rococó zu nennen. Die Mexikaner brachten mit ihren kraftvollen Ska- und Reggaesound die Karibik an den Stausee. Zwar klang ihre gesamte Show wie ein einziger Song – aber dieser Song war sehr kurzweilig. Mit charmant-halbdeutschen Ansagen, viel Körpereinsatz und der Mithilfe des begeisterten Publikums schafften sie es sogar, die letzten Wolken des Tages zu vertreiben und so perfektes Festival-Wetter zu sorgen, nach dem sich die Fans zum Start des Highfield noch gesehnt hatten.
Ähnlich viel personelle Verstärkung hatte Farin Urlaub mitgebracht. Mit seinem Racing Team knüpfte er abends dort an, wo die Mexikaner nachmittags aufgehört hatten: viele Blechbläser, viel gute Laune. Gewohnt charmant und witzig, wie man ihn von den Ärzten kennt, baute er in die Texte auch die eine oder andere Anspielung auf den Festival-Umzug ein. Und hatte am Ende seines Konzerts sicherlich bei einigen Zuschauern für die erstaunliche Erkenntnis gesorgt, dass er auch mit seinem Nebenprojekt inzwischen genug Hits hat, um solch eine Bühne zu füllen.
Dazwischen hatten Vampire Weekend geglänzt. Die Senkrechtstarter aus New York sahen aus, als seien sie gerade den Dreharbeiten zum Breakfast Club entsprungen und wirkten auch musikalisch angenehm aus der Zeit gefallen: Buddy-Holly-Gitarren finden hier zusammen mit afrikanischen Elementen und Peter-Gabriel-Verehrung. Wer während ihrer Show nicht gerade vom Sonnenuntergang gefangen oder mit einer Polonaise beschäftigt war, der musste erkennen: Ihr Sound hat in mehrerer Hinsicht eine Unwucht, und das ist definitiv keine Beleidigung.
Die anderen Newcomer mussten sich mit der zweiten Bühne im Zelt begnügen. Everlaunch aus Hamburg konnten vor lauter Coolness keinen rechten Draht zum Publikum aufbauen, twitterten später aber immerhin: «Highfield, du Traum von Festival.» Twisted Wheel zeigten zumindest in ihren besten Momenten, dass sie die perfekte Symbiose aller Manchester-Bands sind: Das Trio hat den feurigen Ehrgeiz von Oasis, die melodische Punk-Wucht der Buzzcocks und einen manischen Frontmann wie Joy Division. Einiges ist derzeit bloß laut, doch demnächst darf man Großes von den Milchgesichtern erwarten.
Ihre Landsleute von den Maccabees waren der heimliche Höhepunkt des zweiten Highfield-Tages. Sie sind romantischer als es für junge Engländer zulässig ist und schaffen es zugleich (oft innerhalb desselben Liedes), für wilde Pogo-Einlagen zu sorgen.
Auf der Hauptbühne tummelten sich derweil etablierte Acts wie die erstaunlich kraftvollen Tomte, die soliden Faith No More und The Offspring. Die Altpunks aus Kalifornien sehen noch aus wie zu ihren besten Zeiten – zumindest von der Stirn an aufwärts. Doch trotz etwas mehr Leibesfülle erwiesen sie sich als ultimative Partyband. Ihre Hits vom 15 Jahre alten Erfolgsalbum Smash zündeten noch immer, auch die neueren Stücke wurden gefeiert. Und wer Alarm für den guten Geschmack befürchtet hatte, musste erkennen: Peinlich ist diese Musik nur für die, die sie schon immer peinlich fanden. Und Festivals sind ohnehin Orte, an denen das Wort «peinlich» nicht existiert.
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