Von news.de-Redakteur Florian Blaschke
Die achte «Popstars»-Staffel ist angelaufen, eine Castingshow von vielen, könnte man meinen - das Format wirkt brav, hölzern und vorhersehbar. Vorteil der Show: Sie zeigt, dass Castings nicht immer mit menschenverachtender Attitüde ablaufen müssen.
Als Alex Christensen, Juror der zweiten Popstars-Staffel, der Sendung 2001 den Rücken kehrte, klang das endgültig, seine Kritik scharf. Von den Kandidaten als «Casting-Opfer» sprach der Musikproduzent, an eine echte Karriere der Popstars glaube er nicht. Jetzt, sieben Jahre später, ist Christensen zurück.
Es klingt denn auch ein wenig wie eine Rechtfertigung, was Christensen dem Popstars-Sender Pro7 da im Vorfeld der achten Staffel erzählte. Für ihn nämlich habe sich seit damals einiges verändert: «Die ganzen anderen Casting-Shows gab es alle noch nicht. Heute wissen die Meisten, wie es funktioniert, sind besser vorbereitet und die Qualität ist besser geworden», sagt er.
Ganz Unrecht hat er damit jedoch nicht, das zeigt auch die Einschätzung des Rappers Sido, der in der siebten Staffel Mitglied der Jury war. Zu abgebrüht seien die Kandidaten inzwischen, nicht authentisch: «Die wissen: ‹Heute muss ich mal weinen, die brauchen ein paar Tränen hier in der Sendung, dann weine ich mal.› Das machen die von ganz alleine. Das kann ganz schön abgebrüht und eklig sein.» Da aber merkt man, dass es nicht immer gut ist, wenn sich Dinge verändern.
Sätze wie die von Sido schweben über der ersten Folge der achten Staffel, in der die Jury aus Detlef D! Soost, Christensen und Gesangs-Sternchen Michelle Leonard ein Duo sucht. Da aber merkt man, dass es manchmal gar nicht möglich ist, dass sich Dinge verändern. Das Grundgerüst der Show ist selbstredend gleich geblieben. Eine Jury, mehr oder minder begabte Kandidaten, peinliche und überraschende Momente - eine ganz normale Castingshow eben.
Soost aber macht den Reiz der Show auch gar nicht an solchen Details fest: «Ich glaube, dass alles, was mit Menschen zu tun hat und jedes Jahr mit neuen Menschen - so wie Popstars - nicht langweilig werden kann», sagte er der Rheinischen Post. «Die Herausforderung ist zwar die gleiche, aber die Menschen, mit denen man diese Herausforderung meistern will, sind andere.»
Der Zuschauer merkt das allerdings kaum. So austauschbar wie die Endprodukte solcher Formate, so austauschbar sind auch viele der Kandidaten. Selbst die auffälligsten Fehlgriffe bleiben nicht im Gedächtnis hängen, einen wie Menderes Bagci, der sich in allen sechs DSDS-Staffeln bewarb, aber immer abgelehnt wurde und der dadurch zu einer Marke, einem Running Gag wurde, gibt es eben nicht oft.
Wo wenig Neues passiert, muss sich der Sender etwas einfallen lassen. Wie den Auftritt von Monrose-Sängerin Senna, die mit ihrer Cousine Sabrina beim Casting auftaucht und gleich einen Streit vom Zaun bricht. In die Online-Ausgaben von Bild und Gala schaffte es der Auftritt zwar, authentisch aber wirkte er nicht. Ein gelungener PR-Coup sieht anders aus.
Und auch die Inszenierung der Show muss scheitern, wenn sich zwar der Sender die größte Mühe gibt, mit Licht, Nebel und Musik so etwas wie Dramatik zu schaffen, die hölzernen Auftritte von Detlef D! Soost und Michelle Leonard das aber vollständig zunichte machen. Dabei sagt das Popstars-Urgestein D! noch, die Bühne sei sein Leben. Seinen Kandidaten würde er eine solche Leistung um die Ohren hauen.
Man muss der Jury allerdings zugutehalten, dass sie sich menschlich gibt, dass sie kaum pöbelt. Dass sie nicht versucht, Dieter Bohlen zu kopieren. Manchmal denkt man sogar, sie sei zu lieb, vor allem die aufgedrehte Art von Michelle Leonard erzeugt diesen Eindruck. Doch das wird sich ändern. Soosts Image als Schleifer, dass er sich mühsam aufgebaut hat, wird er kaum riskieren.
Daran ändert auch das Spielchen nichts, dass Soost mit einer Kandidatin spielt, die er «Schatz» nennt und der er zuflüstert: «Der Popstars-Onkel gibt dir seinen Joker.» Das ist nett von ihm, doch Nettigkeit ist eine Größe, die ihm Showgeschäft keinen Wert hat.
Je länger die Staffel läuft, desto mehr wird den Kandidaten das bewusst werden. Noch hat man bei nur wenigen das Gefühl, dass sie wirklich abgebrüht sind, wie Sido sagte. Doch welcher Casting-Gewinner ist schon als der Mensch aus einer Show gegangen, als der er angetreten ist?
seh/news.de