Vom Heiland bis zur Drag-Queen
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Von news.de-Redakteur Florian Blaschke
Artikel vom 20.08.2009
Mit der achten Staffel der «Popstars» wird wieder gecastet, was das Zeug hält. Dabei ist das Casting älter als das Fernsehen - viel älter. Was in weltweiten TV-Shows heute gesucht wird, übertrifft jedoch sicherlich die kühnsten Erwartungen der ersten Jury.
Begonnen hat das Schlamassel eigentlich mit der Pest. 1633 war das, im bayrischen Oberammergau. Dort versprachen die Einwohner dem Herrgott nämlich, alle zehn Jahre das Leben, Leiden und Sterben Jesu Christi auf die Bühne zu bringen - wenn, und diese Bedingung erfüllte sich dann auch, kein Oberammergauer mehr an der Seuche sterben sollte. Ein Jahr später, 1634, waren die Oberammergauer Passionsspiele geboren - und das Casting erfunden.
Seitdem wird im Ammertal alle zehn Jahre ausgewählt, wer Christus spielen darf. Und dürfen darf jeder, der im Ort geboren wurde oder seit 20 Jahren dort lebt. 2010 ist es wieder so weit, in der 41. Spielzeit spielen der 32-jährige Andreas Richter und der 29-jährige Frederik Mayet den Heiland, halb Oberammergau übernimmt die übrigen Rollen. Der Gemeinderat des Dorfes im Wettersteingebirge castete aus 2472 Bewerbern die Darsteller, darunter 638 Kinder. Und die Passionsspiele sind beleibe kein Dorftheater. Vor neun Jahren etwa sahen 520.000 Zuschauer in 110 Aufführungen die Passion. Keine schlechte Quote.
Nun kann man den Passionsspielern kaum die Schuld am heutigen Fernsehprogramm geben, erst recht nicht daran, dass es Pop Idol oder Popstars so weit nach oben geschafft haben. Die beiden Formate gelten als die erfolgreichsten Castingshows der Welt - zumindest, wenn man sie daran misst, in wie vielen Ländern sie über den Bildschirm flackern. Mehr als 30 Nationen suchten und suchen ihre Popstars, bei Pop Idol sind es mehr als ein Dutzend.
Die Namen werden dabei meist nur geringfügig abgewandelt, beim Blick nach Kasachstan aber muss man erst einmal schlucken. SuperStar KZ hieß dort die Adaption des Erfolgsformats Pop Idol, die von 2003 bis 2007 in dem zentralasiatischen Staat produziert wurde. Das «KZ» aber steht schlicht für die Domain-Endung Kasachstans. Aufatmen. In China beweist man hingegen echte Fantasie, wenn es um die Namensgebung geht. Die erfolgreichste Castingshow des Landes bekam hier schlicht den Namen des Sponsors: Mongolische-Kuh-Saurer-Joghurt-Supergirl-Wettbewerb.
Meist werden in Castingshows Musiker oder Models gesucht, neuere Castings suchen auch schonmal Schauspieler, einige wenige Formate kümmern sich grundsätzlich um alle Arten von Talent. Der Begriff Talent lässt sich weit dehnen. Doch es geht auch anders, wie ein Blick in die USA zeigt.
Die Castingshow RuPaul's Drag Race etwa ist doch ein wenig anders als Popstars oder DSDS. In der Show, die seit April 2009 auch auf Timm läuft, einem deutschen Fernsehsender für Schwule, sucht die bekannte Drag-Queen RuPauls nach «Amerikas nächstem Drag-Superstar». Die Aufgaben reichen dabei von Fotoshootings über Singen bis hin zum Nachahmen der Moderatorin Oprah Winfrey. Eine zweite Staffel ist nach dem großen Erfolg der ersten, die Kandidatin Nea Marshall alias Bebe Zahara Benet alias Cameroon gewonnen hat, für 2010 geplant.
In den USA wird grundsätzlich produziert, was Quote verspricht. Ob die Koch-Castingshow Hell's Kitchen mit Sternekoch Gordon Ramsay, Paris Hilton's My new BFF, in der die Hotelerbin eine beste Freundin sucht oder ab Oktober die Sendung Work of Genius, in der sich bildende Künstler zum Genie-Titel malen und bildhauern dürfen.
Das wohl markanteste Beispiel dafür, was sich Programmentwickler alles einfallen lassen, ist aber das US-amerikanische Format mit dem Arbeitstitel Someone's Gotta Go, dass der Sender Fox derzeit produziert und für das noch kein Startdatum feststeht. Die Protagonisten: kleine Firmen (weniger als 20 Angestellte), die vor der Entscheidung stehen, einen Mitarbeiter zu entlassen. Diese aber gibt der Chef oder die Personalabteilung großzügig nach unten weiter. Die Mitarbeiter selbst erhalten stattdessen alle nötigen Informationen – Personalakten, Etatpläne, Gehaltslisten – Und entscheiden dann, begleitet von einem Gastgeber und Unternehmensberatern, wer seinen Job los ist.
Während Deutschland sich an solche Formate noch nicht rantraut – Anfang des Jahres zeigte der Sender Vox die eher biederen Top Cut (gesucht wurde ein Superfrisör) und Der Starpraktikant – versuchen einige, sich durch Getöse vom Rest abzuheben. Dieter Bohlen hat seine verbalen Entgleisungen zur Marke gemacht, Til Schweiger versuchte in seiner Mission Hollywood, mit frauenverachtenden Sprüche und einer teils widerwärtigen Fleischbeschau Quote zu machen.
In China kann die Quote allerdings durchaus auch zum Problem werden. Das hat jüngst Oliver Kahn gemerkt, der dort eigentlich in Long Menhui (Torwartduell bis zum letzten Sieger) den besten Keeper des Landes suchen wollte. Die Sendung wurde jedoch in letzter Minute von den Behörden gestoppt. Der Grund: Man wollte chaotische Zustände vermeiden, wie es sie 2005 während der Ausstrahlung von Supergirl gegeben hatte. Am Ende nämlich hatte die Sendung 270 Millionen Zuschauer und ließ massenweise junge Fans überschnappen. Der ganz alltägliche Castingwahnsinn.
ped/news.de
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