Von news.de-Redakteur Florian Blaschke
Obama als Islamist? Die SPD macht mit Slogans wie «Mit Anstand verlieren» Wahlkampf? Fälle wie diese offenbaren ein Problem: Nicht alles, was Satire ist, wird vom Wähler auch als solche erkannt. Für die echten Politiker ein Ärgernis, für den Beobachter großes Kino.
Würde man Barack Obama fragen, was er von Satire im Wahlkampf hält, bekäme man heute vermutlich eine scherzhafte Antwort. Dabei dürften seine Erinnerungen an den Sommer 2008 alles andere als gut sein. Seinerzeit nämlich machten dem Präsidentschaftsanwärter einige Karikaturen das Leben schwer. Und das, obwohl er durchaus wusste, dass Barry Blitt vom New Yorker sich nur ein Späßchen erlauben wollte, als er Obama und seine Frau mit erhobenen Fäusten zeichnete – ihn in traditioneller muslimischer Kleidung, einen Turban auf den Kopf, sie mit Afro-Frisur und einem Maschinengewehr auf dem Rücken.
Das Problem in diesem Sommer 2008 war nicht, dass Blitt die Obamas wirklich für Terroristen gehalten hätte. Eigentlich ging es ihm darum, die Wahlkampftaktik der Republikaner auf die Schippe zu nehmen. In der Bevölkerung aber fiel die Reaktion etwas anders aus. Nicht wenige hielten den späteren Präsidenten für einen heimlichen Islamisten.
Heute, mit dem Abstand eines Jahres und dem Amt des Präsidenten im Rücken, würde Obama vermutlich schmunzeln über die Karikaturen. Und doch werfen solche Fälle die Frage auf, was Satire in der Politik anrichten kann. Auch im Bundestagswahlkampf 2009 wird man das Gefühl nicht los, alle Welt mache sich lustig über Angela Merkel, Frank-Walter Steinmeier, Guido Westerwelle und Co. Allen voran natürlich ein weiterer «Kandidat»: Horst Schlämmer.
Wie wenig oft zwischen Spaß und Ernst unterschieden wird, zeigt beispielsweise die Redaktion Hajo Schumachers auf den «Wahlkampf» Schlämmers. In einem offenen Brief auf der Titelseite der Berliner Morgenpost schrieb der Autor am Dienstag: «Zwei Punkte unterscheiden Sie von einem richtigen Politiker. Erstens: das Ziel. Sie wollen dieses Land nicht besser machen, gestalten oder opponieren — Sie wollen einfach nur Filmtickets verkaufen und Werbeverträge einheimsen. [...] Zweitens: Sie machen sich einen verdammt schlanken Fuß. Putzfeudel auf das lichte Haupthaar, ein paar falsche Zähne, dazu ein fieser Dialekt - das mag Komik sein, ist aber noch lange nicht Politik.»
Zudem, so Schumacher weiter, übernehme Schlämmer ja gar keine Verantwortung, wie es sich für einen ordentlichen Politiker gehöre. Schumachers Fazit: «Sie sind ein Großmaul, ein Meckerpott, der viel quatscht, aber nichts bewegt. Davon haben wir in Deutschland allerdings wirklich schon genug.» Ein Beitrag, der für Lachfältchen gesorgt haben dürfte, auch bei Hape Kerkeling, der hinter der Kunstfigur Schlämmer steckt. Erste Reaktionen im Internet hat es denn auch bereits gegeben, der Journalist und Blogger Stefan Niggemeier etwa schreibt auf seiner Internetseite an Hajo Schumacher zurück: «Vermutlich haben Sie recht, und man muss schon ganz schön blöd sein, um eine Witzfigur mit einem Politiker zu verwechseln – und sogar wählen zu wollen. Ich frage mich nur: Wie viel blöder muss man sein, um eine Witzfigur mit ihrem Schöpfer zu verwechseln – und ihr sogar einen Brief zu schreiben?»
Lange war ein Großteil dessen, was als politische Satire produziert wird, entweder derart überspitzt gezeichnet, dass man es sofort als solche erkannte, oder es klebte sogar groß und bunt das Label «Satire» darauf. Doch nichts bleibt, wie es ist. 2003 etwa nahm das Satiremagazin Titanic einfach am bayerischen Wahlkampf teil und fuhr mit seinem Chefredakteur Martin Sonneborn in Aschaffenburg mit einem Bus vor, auf dem «Mit Anstand verlieren. SPD» und «Wir geben auf. SPD» stand, dazu Plakate mit der Aufschrift «Dabei sein ist alles. SPD.» oder «SPD Landtagswahl 2011».
Die Aktion wurde durchaus ernst genommen. Ein Spiegel-Artikel von damals zeigt das: «Interessante Gespräche entwickelten sich denn auch rund um das kleine Tischchen: Einem SPD-Wähler drückte Sonneborn eine Autogrammkarte mit seinem Bild und dem Aufdruck ‹Bökel. Weil die SPD keinen anderen hat› in die Hand. Die Karte war von einer Aktion während des hessischen Wahlkampfes übrig geblieben. Der Genosse ließ sich davon allerdings nicht irritieren: ‹Wir werden es schwer haben bei der Wahl: Den Stoiber kennt hier jeder. Aber Sie, Herr Maget, sind hier völlig unbekannt.›»
Ein Jahr später trieben es die Titanic-Redakteure sogar noch ein bisschen bunter, als sie «Die Partei» gründeten, eine politische Vereinigung, die jedoch zur Bundestagswahl 2009 nicht mehr zur Wahl zugelassen wurde, weil sie keine ernsthaften Ziele verfolge. Gegen diese Entscheidung hat Die Partei Verfassungsbeschwerde eingelegt. Kleine Parallele zu Schlämmer: Auch über Die Partei gibt es einen Film, der 2009 in die Kinos kam.
Aktuell zeigt eine Umfrage, wie schnell der Umgang der Medien mit Satire nach hinten losgehen kann. Die Horst-Schlämmer-Partei habe eine Chance, auf 18 Prozent zu kommen, hieß es, wenn sie denn zur Wahl zugelassen würde. Der Spiegel schreibt dazu in seiner aktuellen Ausgabe unter der Überschrift Das Schauspiel Politik: «Das spricht nicht für die Politik, nicht für das Volk und nicht für einen Journalismus, der politischen Klamauk allzu gern zur großen Sache macht.»
ped/news.deWollen Sie wissen, wie es bei dem Thema weitergeht?
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