So., 12.02.12

«Inglourious Basterds» Retter der Geschichte

Von news.de-Mitarbeiterin Denise Peikert

Artikel vom 20.08.2009

Quentin Tarantino und eine Weltkriegs-Satire? Viel Blut und Humor, über den man eigentlich nicht lacht? Stimmt, aber weil Tarantino in «Inglourious Basterds» auch die sanften Töne kennt, ist der Film vor allem eines: großartig.

Am Anfang ist da nur ein weißes Bettlaken im Wind. «Es war einmal im von Nazis besetzten Frankreich» kündigt der Vorleser ein Märchen an. Über der Szenerie fiebert die Musik von Ennio Morricone – eine unheilvolle Melodie: Das wird keine Geschichte über Nächstenliebe. Aber der Ärger kommt ohne Knalleffekt, schick angezogen, eloquent und freundlich: SS-Mann Hans Landa (grandios: Christoph Waltz) sucht auf dem französischen Land nach versteckten Juden, dort, wo es eigentlich schon lange keine mehr gibt.

«Aber so ist das nun mal, wenn eine Behörde ihren Chef wechselt, dann wird alles noch einmal nachgeprüft», plaudert er und packt sein Reiseschreibset aus, komplett mit Feder und Tintenfass. Landa, den Waltz' Spiel irgendwo zwischen roher Grausamkeit und Hochkultur ansiedelt, meint das ironisch. Der perfide Witz über den deutschen Verwaltungsapparat ist figurenimmanent und wirkt damit kein bisschen aufgesetzt – der Auftakt für genau die Form von Humor, die den Film ausmacht.

Ein Film, in dem Tarantino mit seinen Lieblingsspielzeugen weitaus behutsamer umgeht, als gewohnt. Beispiel Erzähltempo: Kommt der Zuschauer in Pulp Fiction 148 Minuten lang nicht zum Luftholen, hat das nicht minder furiose Ingloriuos Basterds an den richtigen Stellen Pausen. Zum Beispiel, um zu verarbeiten, wie die SS direkt zu Beginn die Familie der Jüdin Shosanna Dreyfus (Mélanie Laurent) umbringt. Shosanna taucht erst sehr viel später, als Kinobesitzerin in Paris, wieder auf. Der deutsche Kriegsheld Frederick Zoller (Daniel Brühl) verliebt sich in sie. Shosanna allerdings hasst die Deutschen und sinnt auf Rache.

Rache ist auch das Geschäft von Aldo Raine (Brad Pitt). Oder, mit seinen Worten: «Wir sind im Nazis-töten-Geschäft und das Geschäft boomt.» Raine ist der Anführer der Inglourious Basterds, einer Gruppe jüdischer US-Soldaten, die durch Frankreich zieht und Nazi-Skalps sammelt. Die Szenen, in denen sich der abtrünnige Wehrmachtssoldat Hugo Stiglitz (Til Schweiger) und der «Bärenjude» Donny Donowitz (Eli Roth) ihre Gegner vornehmen, sind voller Blut – auch eines dieser Lieblingsspielzeuge Tarantinos. Doch auch hier hält der Regisseur Maß, überschreitet die Schmerzgrenze gewöhnlicher Kinogänger zwar deutlich, aber mit Stil: Die Nazis, die die Basterds sich vornehmen, sind keine Feiglinge, die wie winselnde Hunde über die Leinwand geprügelt werden, sie sterben mit Würde.

Die Handlung verdichtet sich, als Shosanna in ihrem Kino eine Filmpremiere ausrichten soll, bei der die gesamte Nazi-Führungsriege, Hitler (Martin Wuttke) inklusive, anwesend ist. Die junge Jüdin sieht genauso wie Leutnant Raine ihre Chance gekommen, umfassend Rache zu nehmen. Der Gedanke daran, dass mit einem einzigen Attentat, die wichtigsten Männer Nazi-Deutschlands beseitigt werden könnten, der Krieg zu Ende wäre, berauscht die Zuschauer ebenso wie die Figuren. Eigentlich ist es unvorstellbar, dass der Plan klappen kann. Umso näher die Handlung jedoch dem Höhepunkt rückt, umso mehr gerät die historische Wahrheit um unzählige gescheiterte Hitler-Attentate in Vergessenheit, umso stärker wird der Gedanke: «Ja, so hätte es klappen können!»

Inglourious Basterds ist Kino-Satire, ungeachtet der Schrecken des Krieges unterhaltend und historisch schief. «Die Zeitgeschichte beschränkt meine Figuren», sagt Tarantino selbst über sein Werk. «Immer wenn ich beim Schreiben an eine Weggabelung kam, wo ich die historisch richtige Antwort nicht wusste, habe ich mir eine ausgedacht.» Tarantinos Ideen sind überraschend, mit fulminanter Musik und in oft völlig überzeichneten Bildern umgesetzt. Ein Genuss, wenn die Basterds mit SS-Sturmbannführer Hellstrom (August Diehl) «Wer bin ich?» spielen, lauthals lachen, die Stimmung aber merkbar angespannt ist – und die Kamera nur umso länger auf einem Ausschnitt verharrt, um die Geduld des Zuschauers gänzlich zu überreizen.

Nur weniges stimmt nicht in Inglourious Basterds. So ist die viel gelobte Besetzung (Tarantino hat für jeden Charakter Schauspieler aus dem Land gefunden, aus dem dieser stammt) nicht gänzlich gelungen. Brad Pitt kann Leutnant Raine mimisch nur wenig Tiefe verleihen. Dazu kommt sein polterndes Schreien, das die deutsche Synchronisation aus dem äußerst passenden Südstaatenslang des Originals gemacht hat. Ebenso wirkt Til Schweiger, der gewohnt facettenlos spielt, hölzern neben Christoph Waltz und Mélanie Laurent.

Das Ende von Inglourious Basterds verschiebt die Grenzen zwischen Gut und Böse, Tätern und Opfern so grandios, dass Tarantinos Film komplett erhaben ist gegenüber den – meist deutschen – Bedenkenträgern. Geschichten über den Zweiten Weltkrieg haben hierzulande klare Fronten und scheinen in ihrer dokumentarischen Korrektheit vor allem der Gewissenserleichterung zu dienen. Tarantino ist davon völlig frei und das macht seinen Film sehr viel brauchbarer zur Aufarbeitung der Geschichte – gerade weil er Satire ist.

Titel: Inglourious Basterds
Regisseur: Quentin Tarantino
Hauptdarsteller: Brad Pitt, Christoph Waltz, Mélanie Laurent, Eli Roth, Michael Fassbender, Diane Kruger, Daniel Brühl, Til Schweiger, Gedeon Burkhard, August Diehl, Martin Wuttke
Spielzeit: 154 Minuten
Produktionsland: USA, Frankreich, Deutschland

bla/news.de
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«Inglourious Basterds»: Retter der Geschichte » Medien » Nachrichten

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Leserkommentare (2)
  • Kommentar: 2
  • 07.09.2009 14:28
von
Filmopfer

Am Ende hab ich mir nur gedacht: Verdammt, Schlafen hätt mehr gebracht.

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  • Kommentar: 1
  • 20.08.2009 16:42
von

Hauptsach' political correct dann machts schon was her, dann kann's gar ned zu saublöd hergehn dabei. Großartig? Dooms, ha?

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