«Als ob man sich von einem Baum stürzt»
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Es gibt Musiker, die haben Erfolg, regen sich aber dennoch auf. Darüber, dass es keinen angemessenen Film, kein Videospiel und keine Sex-Hilfen zu ihrer Band gibt. Das ist aber nur ein Aspekt, den unser Blick auf die neuen Pop-Alben beleuchtet.
Florence + The Machine: Lungs
In eine Traumwelt entführt Florence Welch ihre Zuhörer mit ihrem Debütalbum Lungs. Und das macht die Exzentrikerin so gut, dass sie für ihre Klangwelten bei den Brit Awards im Februar bereits den Kritikerpreis erhielt. «Meine Musik soll sich so anfühlen, als ob man sich von einem Baum stürzt oder von einem Hochhaus; oder als ob man in die Tiefen des Ozeans gerissen wird und keine Luft mehr bekommt», beschreibt die Sängerin aus London ihren Indie-Stil, der neben Gitarre und Percussion von Instrumenten wie Piano, Harfe, Cello und Streichern geprägt ist. Und natürlich von Florences Stimme, die mal sanft schwebend, mal kräftig energiegeladen Erinnerungen an Kate Bush oder Björk weckt.
Inhaltlich handelt das Album, eingespielt mit der derzeit siebenköpfigen Begleitband The Machine, von der Liebe und dem damit verbundenen Schmerz. Das sehnsüchtige Between Two Lungs etwa beschreibt, wie sich ein Mensch in der Liebe verlieren kann - den Rhythmus dazu hämmert Florence mit bloßen Händen auf die Studiowand. Ihre besten Songs schreibt sie nach eigener Aussage, wenn sie betrunken oder verkatert ist. Das mag nicht die gesündeste Einstellung sein, aber ihrer Musik scheint es gut zu bekommen.
Interpret: Florence + The Machine
Titel: Lungs
Plattenfirma: Universal
Hugh Masekela: Beatin' Aroun De Bush
Die verdienstvollen Labels Blue und Yellow retten immer wieder Preziosen aus der Pop-Geschichte vor dem Vergessenwerden. Ein Beispiel: Beatin' Aroun De Bush, das 1992er Album des südafrikanischen Trompeters Hugh Masekela. Befeuert vom Ende der Apartheid in seiner Heimat brachte Masekela einmal mehr Pop und musikalische Idiome seines Landes zusammen zu etwas, was heute als Ethno-Pop große Erfolge feiert.
Noch unberührt von einem wie auch immer gearteten Reinheitswahn covert Mesekela auf Beatin' Aroun De Bush einerseits Joe Jacksons Steppin' Out und Michael Jacksons Rock With You mit einer einzigartigen Eleganz; andererseits aber schreiten er (hier größtenteils nicht an der Trompete, sondern am Flügelhorn) und seine Formation durch würdige und ergreifende afrikanische Klanglandschaften wie Batsumi oder das Instrumtal Polina, die in ihrem Zusammenbringen von Folkloristischem und Jazz immer noch beeindrucken.
Interpret: Hugh Masekela
Titel: Beatin' Aroun De Bush
Plattenfirma: Yellow
The Dead Weather: Horehound
Die Besetzung schraubt die Erwartungen schon vor dem ersten Hören in die Höhe: In der Band The Dead Weather hat Jack White für sein drittes Projekt - neben den White Stripes und The Raconteurs - die The-Kills-Sängerin Alison Mosshart, Raconteurs-Bassist Jack Lawrence und Queens-of-the-Stone-Age-Gitarrist Dean Fertita versammelt. Da Mosshart hier den Gesang übernimmt und mit ihrer großartigen Stimme den Stücken einen besondere Reiz verleiht, suchte sich White in diesem Projekt kurzerhand den Platz hinter dem Schlagzeug aus - auf dem er nicht gerade schlecht sitzt.
Auf ihrem Debütalbum Horehound haben die Musiker elf kantige Rocksongs versammelt, die alles andere als eingängig sind: Scheppernd, schmutzig, zeitweise übersteuert und mit reichlich Drive und Atmosphäre kommen die Stücke daher. Wer eingängige Hits à la Seven Nation Army erwartet, wird freilich enttäuscht sein - die anderen freuen sich über eine weitere Seite des Masterminds White, die grandiose Single Hang You From The Heavens und die Coverversion von Bob Dylans Stück New Pony.
Interpret: The Dead Weather
Titel: Horehound
Plattenfirma: Sony BMG
Sean Paul: Imperial Blaze
Auf den Litfaßsäulen im ganzen Land steht es geschrieben: Das neue Sean Paul-Album Imperial Blaze ist erschienen. Darauf hat der jamaikanische Dancehall-Künstler 20 treibende Tanznummern eingespielt. Drei Jahre lang mussten die Fans sich gedulden, doch auf Imperial Blaze beweist der Sänger, dass er mit seinen 36 Jahren noch gut im Geschäft ist. «In diesem Geschäft sagt man, dass du nur so gut bist wie dein letzter Hit», sagt Paul. «Man sagt, du musst dich immer wieder beweisen, jedes Mal, wenn du zurückkommst. Und hier bin ich!» In bekannter Manier liefert Paul auf Imperial Blaze chart- wie clubtaugliche Tracks aus Dancehall-Riddims, HipHop und einer Prise Roots-Reggae.
«Imperial Blaze ist wie ein Königsfeuer», kommentierte er sein neues Werk. «Es geht vor allem darum, voranzugehen und es heiß zu halten.» Doch wie auf dem Vorgänger The Trinity vermisst man Smash-Hits wie We Be Burnin'. Waren auf dem Longplayer Dutty Rock (2003) noch zahlreiche Gäste vertreten, verzichtet Paul wie auf The Trinity weitgehend auf illustre Unterstützung. «Wenn es um mein Album geht, dann hörst du die neuen Kids aus Jamaika», sagt er. Statt sich einen Erfolgsproduzenten ins Studio zu holen, engagierte er den gerade mal 19-jährigen Stephen «Di Genius» McGregor. Aber auch ohne größere Highlights versprüht Imperial Blaze wieder frischen karibischen Wind.
Interpret: Sean Paul
Titel: Imperial Blaze
Plattenfirma: Warner
Gwar: Lust in Space
«Sobald Lust In Space im August rauskommt, wird die Welt gezwungen werden, in totaler Kapitulation auf die Knie zu gehen.» Das ist doch mal eine klare Ansage, und da sie von keinem Geringeren als dem Oberspinner Oderus Urungus kommt, ist sie quasi auch noch amtlich. Urungus muss es wissen, schließlich ist er seit gut 25 Jahren Sänger der Trash-Metal-Band Gwar und hat zusammen mit seiner bunt durcheinanderwürfelten Truppe aus latexgekleideten Horrorfiguren schon wegweisende Alben wie America Must Be Destroyed, This Toilet Earth oder Carnival Of Chaos herausgebracht. Dies übrigens mit meist beachtlichem Erfolg. Und die neue Gwar-Scheibe Lust in Space wird den Ruhm vielleicht nicht gewaltig mehren, sie bedeutet aber auch keinen Rückschritt im Gwar-Universum.
Solider Trash-Metal mit guten Riffs und einem guten Sound wird geboten, das ist empfehlenswerter Durchschnitt, der durchaus Spaß macht. Es stören nur einige der teils ekelig-dummen Texte wie beispielsweise Make A Child Cry, aber die sind wiederum ein Markenzeichen der Band, die es seit Jahren auf Provokation anlegt.
Dazu zählt auch die außerirdische Entstehungsgeschichte der Band. Gwar gehören nämlich zu den «Scumdogs of Universe» - einer archaischen Gruppe von Kriegern, die aus dem Universum verbannt wurden, weil sie eine Reihe von skandalösen Verbrechen begangen hatten. Sie landen auf der Erde, treiben Unzucht mit Affen und schaffen durch «bestialische sexuelle Mutation» die menschliche Rasse. Zur Strafe müssen sie Millionen von Jahren tief unterm Eis der Antarktis schlafen - bis sie geweckt werden und seit eben einem Vierteljahrhundert Blödsinn verbreiten. Nur eins fehle noch, sagt Urungus: «Mich macht es sauer, dass Gwar seit 25 Jahren unterwegs ist, immer total abgeht, andere Leute reich macht und dass es immer noch keinen angemessenen Gwar-Film, ein Videospiel oder Gwar Sex-Hilfen gibt.»
Interpret: Gwar
Titel: Lust in Space
Plattenfirma: AFM
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