Als wäre man dabei gewesen
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Von news.de-Mitarbeiterin Denise Peikert
Artikel vom 19.08.2009
Twitter multipliziert ein Ereignis rasend schnell: Dinge sind noch im Gange, da weiß der 140-Zeichen-Kosmos schon Bescheid. Doch nicht nur beim Kurznachrichtendienst findet das Web inzwischen in Echtzeit statt - schnell, aber vor allem sehr persönlich.
Als Michael Jackson starb, wussten es die Twitterer sofort. Oder sie ahnten es zumindest. An jenem Donnerstag im Juni konnten sie Wahrheiten und Gerüchte darüber verbreiten und verfolgen, was gerade, als sie es verfolgten und verbreiteten, passierte: Jackson mit Herzstillstand, Jackson tot, Jackson im Krankenwagen, Jackson gestorben? Echtzeitweb heißt der Trend dazu. Und sein Takt lässt zwischen Ereignis und Nachricht keine Minute Luft.
Twitter ist wohl das beeindruckendste Beispiel dafür, wie sich die Zeitspanne zwischen einem Ereignis, dem Bericht darüber und dem Konsum des Berichts auf quasi null reduziert. Eine rasende Entwicklung, bedenkt man, dass Herolde im Mittelalter Tage brauchten, um Informationen zum Empfänger zu bringen und dass heute Druckerpressen noch immer eine Nacht lang laufen, um die Meldungen auf Papier zu bekommen.
Aber Twitter ist nicht das einzige Beispiel für die schwindende Zeitspanne zwischen Ereignis, Meldung und Konsum: Für den sozialen Nachrichtenticker Friendfeed soll Facebook kürzlich 50 Millionen Dollar bezahlt haben – obwohl das Geschäftsmodell von Friendfeed typisch ist für Webstartups: es existiert schlicht nicht. Der Dienst ist kostenlos und werbefrei und fasst automatisch jeden Schritt, den ein Nutzer im Netz tut, zusammen. Der Grund, warum Facebook Millionen dafür in die Hand nimmt? Der Dienst publiziert das, was der Nutzer kommentiert und hochlädt, technisch ruckelfrei in Echtzeit. Und Echtzeit ist im Kommen.
Dabei gehe es jedoch nicht um die Befriedigung irgendeines Geschwindigkeitsfetischs, meint Marcel Weiss vom Branchenblog netzwertig.com. Weiss beobachtet die Entwicklungen im Internet seit Jahren und führt ganz konkrete Beispiele dafür an, welchen Nutzen es hat, wenn Sendung und Empfang von Nachrichten zeitlich nahezu kongruent sind. «Es ist relativ irrelevant, wenn man 45 Minuten vor CNN oder N-TV von einem Erdbeben in Indien erfährt, während man selbst in Berlin oder San Francisco lebt. Wenn man sich aber im Epizentrum dessen befindet, sind sofort verfügbare Informationen aus verschiedensten Quellen äußerst nützlich.»
Schon 2006 schlugen Studien hohe Wellen, die besagten, der durchschnittliche Büroarbeiter könne sich nur ganze elf Minuten mit einem Thema beschäftigen, bevor er unterbrochen wird. Befürchtungen, mit dem Echtzeitweb könnte sich diese Zeitspanne noch erheblich verkleinern, teilt Weiss nicht: «Das ist natürlich Unsinn. Wenn man vom Überfluss der Informationen überwältigt ist, ist das nur ein Versagen der Filter.» Außerdem müsse man nicht den ganzen Tag vor dem Monitor verbringen, um am Echtzeitweb teilzuhaben. «Wie immer geht es lediglich darum, hineinzuspringen, wenn die Zeit es erlaubt oder erfordert.»
«Wir konzentrieren uns immer nur auf einzelne Aspekte»
Der Kommunikationswissenschaftler Jan Fuhse von der Universität Stuttgart erklärt gar, dass Menschen prinzipiell sowieso nicht in der Lage seien, Informationen umfassend zu verarbeiten: «Wir konzentrieren uns immer nur auf einzelne Aspekte.» Die Filter für diese Aspekte seien online jedoch andere. «Die personelle Kommunikation wird wieder wichtiger. Ich kann Dinge, die mich interessieren, beispielsweise deshalb bei Twitter verfolgen, weil ein Bekannter von mir vor Ort ist.» Ein punktueller Ausschnitt der Wirklichkeit, den abzubilden das Massenmedium Fernsehen zum Beispiel nie in der Lage wäre.
Der objektive Gewinn, Dinge schon dann zu wissen, wenn sie geschehen oder publiziert werden, ist laut Fuhse jedoch gleich null. Auch der Eindruck, dadurch näher am Geschehen zu sein, täusche. «Ein schriftlicher Twitter-Hinweis über ein Tor in einem Fußballspiel reduziert das, was tatsächlich geschieht, viel zu stark.» Das Interessante an derlei Anwendungen sei, dass reine Informationen, wie wir sie aus der Zeitung bekommen, mit Kommunikationsmitteln verknüpft werden. «Es entstehen komplexere Informationsstrukturen, in denen Einzelpersonen eine starke Rolle spielen.»
Noch ist Echtzeitweb das, was man «The Next Big Thing» nennt. Im Mai jedoch ging ein Raunen durch Internet und Medien, als Google auf seiner Entwicklerkonferenz erklärte, wie man an der glorreichen Zukunft teilhaben will: Auf der Kommunikationsplattform Google Wave, die demnächst gestartet werden soll, können Menschen miteinander per E-Mail und Chat kommunizieren, gleichzeitig an Dokumenten arbeiten, die Google-Suche und andere Tools nutzen - jederzeit, an jedem Ort, direkt im Browser. Damit, so die einhellige Expertenmeinung, beginnt für das Echtzeitweb eine neue Ära, die nicht nur die persönliche Kommunikation, sondern auch die Arbeitswelt grundlegend revolutionieren könnte.
bla/news.de
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