Das Royal Opera House (ROH) in London will ausloten, zu wie viel Kreativität die Masse fähig ist: Alle Twitterer sind aufgerufen, gemeinsam das Libretto für eine Oper zu gestalten. Die Intendantin ist mit der Leistung der Texter bisher zufrieden.
Die Musik zur ungewöhnlichen Auftragskomposition des ROH werden professionelle Komponisten beisteuern. Die Welturaufführung der ersten Twitter-Oper soll bereits im September stattfinden.
Den Initiatoren geht es vor allem darum, mehr Menschen für die Oper zu begeistern und sie in ein gemeinsames Projekt einzubinden. «Wir wollen ausloten, wie wir die Leute zu kreativer Beteiligung bringen können», erklärt die Intendantin für das zeitgenössische Programm ROH2, Alison Duthie.
Für das Twitter-Libretto sind bisher Tweets von 350 Personen eingegangen, und jeden Tag werden es mehr. Es zeichne sich ab, dass da eine ebenso surreale wie höchst dramatische Handlung entstehe, sagt Duthie. «Am Ende von Akt 1, Szene 1, wurde unser Held von einem Schwarm Vögel entführt und wartet in einem Turm auf die Rettung. Das fühlt sich äußerst opernhaft an, die Leute kommen wirklich in eine Handlungslinie.»
Einer der Opern-Twitterer ist Stuart Rutherford. Das Projekt lebe aus dem Geist des Social Networkings, erklärt er. «Alle wollen bei dem gemeinsamen Projekt mitmachen, auch wenn es nur mit einem kleinen Beitrag ist. Hunderte Leute sind dabei, und es ist einfach großartig, wenn man sagen kann, dass man auch mitgemacht hat.»
Sobald die Tweets eingegangen sind, kümmert sich ein Regisseur um die passende Verknüpfung zu einem durchgängigen Text. Um die musikalische Umsetzung kümmern sich die beiden Komponisten Helen Porter und Mark Teipler. Schließlich werden noch die Sänger ausgewählt, und dann kann die Twitter-Oper bei einem Royal-Opera-House-Festival im September auf die Bühne gebracht werden.
In der Fachwelt stößt das Projekt auf ein verhaltenes Echo. «Das ist ein Gimmick», meint der Londoner Musikkritiker Norman Lebrecht. Die kollektive Textgestaltung im Internet sei ja nicht neu. «In früheren Tagen des Internet gab es eine Reihe von kollaborativen Romanen, darunter auch einige Projekte von bedeutenden Schriftstellern, aber nichts davon hat funktioniert.» Bei der Twitter-Oper habe er denn auch keine hohen Erwartungen. «Da entsteht keine große Oper.»
Der Musikredakteur der Times, Neil Fisher, hält das Projekt vorrangig für den Versuch des Royal Opera House, vor dem Start der neuen Saison zusätzliche Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. In einer Zeit, in der die Oper immer elitärer und teurer werde, könnte die Idee aber durchaus sinnvoll sein. «Wenn damit Leute in die Oper gehen, die das sonst nicht tun würden, dann ist das eine großartige Sache.»
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