So., 27.05.12

Interview zum dpa-Geburstag 18.08.2009 «Wer wollte schon bei Flaute segeln?»

Der amtierende Chefredakteur der dpa, Wilm Herlyn (r.), und sein Nachfolger Wolfgang Büchner. (Foto)
Der amtierende Chefredakteur der dpa, Wilm Herlyn (r.), und sein Nachfolger Wolfgang Büchner. Bild: dpa

Von Christina Freitag und Justus Demmer

Anlässlich des 60. Geburtstages der Nachrichtenagentur dpa sprechen ihr scheidender Chefredakteur Wilm Herlyn und sein Nachfolger Wolfgang Büchner über die Zukunft der Agentur, die neue Zentralredaktion und Journalismus im 21. Jahrhundert.

60 Jahre dpa, der Medienmarkt in einer schwierigen Umbruchsituation, was gibt es zu feiern?

Wilm Herlyn: Wir feiern mit Arbeit - das klingt vielleicht widersinnig, aber wir stecken mitten in den Überlegungen zum Feinkonzept unseres Umzugs nach Berlin. In Berlin wollen wir alle zentralen redaktionellen Einheiten zusammenziehen und damit dann in der Lage sein, unseren Kunden ein optimales multimediales Produkt anzubieten.

Wolfgang Büchner: Die dpa ist ein Inbegriff für Glaubwürdigkeit und Verlässlichkeit. Das ist für eine Nachrichtenredaktion der beste Grund zum Feiern überhaupt. Deutschland ist übrigens eines des wenigen Länder, in dem es eine unabhängige - ­ auch vom Staat unabhängige - Nachrichtenagentur gibt.

Es gibt viele Agenturen in Deutschland. Warum ist die dpa besonders wichtig?

Büchner: Keine andere Agentur hat hier ein so dichtes Netzwerk. Und keine internationale Agentur hat in Ihrer Auslandsberichterstattung einen so klaren Fokus auf die Interessen der deutschen Medien und deren Leser, Hörer und Zuschauer. Außerdem kümmert sich keine andere Agentur so zielgerichtet um die Wünsche und Probleme ihrer Kunden. Die dpa ist keine abgehobene, entfernte Veranstaltung. Wir sind die Kunden-Agentur.

Die dpa baut eine neue Zentralredaktion in Berlin auf. Können Sie uns in wenigen Sätzen sagen, warum?

Büchner: Weil es keinen anderen Standort in Deutschland gibt, an dem wir die vielfältigen Aufgaben einer modernen Agentur besser koordinieren könnten als in Berlin. Jede Redaktion mit einem Korrespondentenbüro in Berlin und einer Zentrale in einer anderen Stadt weiß um die Probleme und Energieverluste, die aus dem Verhältnis von Bodenstation und Satellit resultieren. Wir haben jetzt die großartige Chance, alle Kollegen zusammenzubringen, die zusammen gehören. Und wir bauen diese neue Zentrale als Brennkammer eines modernen Nachrichtenjournalismus. Im Web verschmelzen alle bisherigen Mediengattungen - Text, Bild, Grafik, Audio, Video zu neuen Angeboten.

Etwa 200 Mitarbeiter aus Hamburg und Frankfurt werden dafür nach Berlin ziehen. Wie ist die Stimmung?

Herlyn: Dieser Umzug ist ein tiefer Einschnitt - für die Agentur wie für die Mitarbeiter. Wir müssen uns im digitalen Zeitalter neu aufstellen - das ist jedem von uns bewusst. In enger Zusammenarbeit mit dem Betriebsrat werden wir soziale Härten abfedern.

Büchner: Es gibt Kollegen, die sich sehr auf den Neuanfang in Berlin freuen. Aber man muss gar nicht darum herum reden: Für viele Kollegen und deren Familien ist es sehr hart, den Lebensmittelpunkt zu verlagern. Nicht alle sind glücklich über diese Entscheidung und einige sagen das auch laut und deutlich. Es kommt jetzt darauf an, möglichst viele Kollegen von den Chancen der neuen dpa zu überzeugen. Ich würde mich freuen, wenn sich in den kommenden Wochen bei möglichst vielen Redakteurinnen und Redakteuren das Gefühl einstellt: Da entsteht etwas Tolles, da muss ich unbedingt dabei sein.

Es heißt, der Solidaritätsgedanke unter den dpa-Kunden, die ja vielfach auch Mitbesitzer der Agentur sind, nimmt ab. Beobachten Sie das auch. Was bedeutet das gegebenenfalls?

Herlyn: Wir stecken alle in einer bedrohlichen Medienkrise - weniger Abonnenten, weniger Anzeigen, höchste Reichweiten im Internet mit für den Verbraucher der Nachrichten kostenlosen Inhalten. Das hat natürlich auch Auswirkungen auf die dpa. Als Dienstleister der Medien haben wir unsere Produkte so umgestellt, dass sie für unsere Kunden eine qualitativ hochwertige Hilfe sind - nicht eine finanzielle Belastung.

Nach der Abkehr der WAZ-Gruppe war die Rede von einer Krise der dpa. Drohen weitere Kündigungen und würden diese eine existenzielle Gefährdung der dpa bedeuten?

Büchner: Aus meiner Sicht gibt es eine todsichere Methode, die eigene Existenz zu gefährden: Wer journalistische Qualität wegspart beschädigt damit die Glaubwürdigkeit der eigenen Marke und letztlich die eigene Existenz. Genau deshalb macht es keinen Sinn, sich den Qualitätslieferanten dpa zu sparen. Von einer Krise der dpa kann und konnte keine Rede sein. Wir arbeiten allerdings hart daran, unsere Produkte im Dialog mit unseren Kunden so zu modernisieren, dass Verleger und Blattmacher zum Ergebnis kommen: die dpa ist teuer, aber preiswert.

Die Konzentration auf dem Medienmarkt nimmt einerseits zu, andererseits wird die Medienlandschaft durch das Internet immer unübersichtlicher. Vom Lochstreifen zum Twitter-Feed ­ ist die Agentur auf diesem Weg Gewinner oder Verlierer?

Büchner: Eindeutig Gewinner. Je größer die Informations- und Quellenvielfalt, desto wichtiger werden Institutionen, die für Überblick und Einordnung sorgen. Allerdings: Journalisten haben in den vergangenen Jahren das Web, neue soziale Netzwerke noch zu wenig ernst genommen. Wir haben das Web zu wenig editiert, zu wenig journalistisch aufbereitet. Das müssen und werden wir im Interesse unserer Kunden ändern. Wir sollten das Fax abschaffen und die Zeit, die wir damit gewinnen, dass wir keine Faxe mehr wegwerfen müssen, investieren, um uns in Blogs und Netzwerken umzusehen.

Mit der klassischen Nachricht ist angeblich kein Geld mehr zu verdienen. Teilen Sie das? Und wenn ja, wo liegen die künftigen Einnahmequellen für dpa?

Herlyn: Wir haben schon lange den Weg eingeschlagen, den Wert unserer Nachrichten zu erhöhen. Das heißt, wir beleuchten jedes Ereignis nicht nur mit der reinen Nachricht, sondern bestücken diese mit Hintergründen, Analysen, Korrespondentenberichten. Ziel ist, jede Nachricht so aufzubereiten, dass dem Leser, Zuhörer oder Zuschauer deutlich wird, was die Nachricht für ihn oder das Gemeinwesen bedeutet.

Büchner: Erstens, ist auch mit klassischen Nachrichten noch Geld zu verdienen. Aber es genügt nicht mehr, Meldungen in den Dienst zu geben. Es gibt nicht nur eine Exklusivität in der Berichterstattung, sondern auch eine Exklusivität in der Auswahl und Präsentation. Genau hier liegt der Mehrwert einer modernen Nachrichtenagentur. Darüber hinaus kann die dpa zu einem Technologie- und Innovationspartner für Ihre Kunden werden. Es macht keinen Sinn, dass jedes Verlagshaus in Deutschland für jeweils 50.000 Euro eine eigene iPhone-Applikation programmieren lässt. Die dpa als neutraler Player ist der perfekte Partner für Branchenlösungen, die wir gemeinsam mit unseren Kunden entwickeln werden.

Ist die Entwicklung zur Boulevardisierung der Informationen eine Chance oder ein Risiko für die Branche oder speziell für dpa?

Herlyn: Was heißt Boulevardisierung? Auf dem Boulevard finden Sie alles: das prächtige Luxusgeschäft, den Bettler, Stars und Starlets, Politiker und Wirtschaftsmanager, Sex und Kriminalität, den ganz normalen Bürger - also das pralle Leben. Und das beschreiben wir: seriös und ohne Aufregung.

Büchner: Unterhaltung - auch Klatsch und Tratsch - ist seit jeher ein wichtiger Teil des Journalismus, das war schon zu Zeiten der Minnesänger so. Wenn Journalisten ­ ganz gleich ob bei einer Lokalzeitung, einer Website, im Fernsehen oder bei einer Agentur - diesem Bedürfnis Rechnung tragen, sorgen sie dafür, dass ihre Leser sich diese Informationen nicht an anderen Stellen suchen.

Die dpa war immer stolz auf ihre Präsenz in allen Regionen Deutschlands. Wie sehen Sie die Zukunft der Regionalberichterstattung?

Büchner: Regionale, aber auch lokale und sublokale Themen werden für die Kunden der dpa immer wichtiger. Gerade wenn sich Redaktionen in Zeiten knapper Ressourcen auf ihre Kernkompetenzen konzentrieren müssen, ist das regionale Angebot der dpa ein wertvolles Backup. Leider verfügt auch die dpa nicht über die finanziellen Mittel, die Landesbüros auszubauen und die Zahl der Korrespondenten in Deutschland zu erhöhen. Umso mehr muss für unsere Arbeit in der Fläche gelten: Soviel Kreativität und Journalismus wie möglich und nur soviel redaktionelle Verwaltung wie unbedingt nötig.

Herlyn: Die regionale Berichterstattung macht dpa im Wettbewerb mit den anderen Nachrichtenagenturen in Deutschland einzigartig. Das werden wir nicht aufgeben.

Die Nachrichtensprache gilt vielen als gestanzt und trocken. Was tut dpa, um dieses Vorurteil zu widerlegen?

Herlyn: Schon seit Jahren bilden wir unsere Mitarbeiter gerade auf dem Gebiet der besseren, lebhaften Sprache weiter. Dazu haben wir zwei kundige Redakteure freigestellt, die intensiv ihre Kollegen und Kolleginnen fortbilden. Und auch helfen, den Spagat zu schaffen: wir beliefern ja zum Beispiel die FAZ genauso wie die Bild, das Boulevard-Magazin "Explosiv" ebenso wie die Tagesschau.

Büchner: Kurz gesagt: Wir bessern uns.

Herr Büchner, warum sind Sie aus der Chefredaktion von Spiegel Online, dem Leitmedium des digitalen Zeitalters in Deutschland, zur dpa, einem Nachrichtengroßhändler, gewechselt?

Büchner: Es gibt in meinen Augen wenig Edleres als unabhängigen Nachrichtenjournalismus - ein Anspruch, dem sich in Deutschland zum Glück viele Redaktionen verpflichten. Der Spiegel und Spiegel Online sind hier herausragende Beispiele. Und es ist mir nicht leicht gefallen, dieses Team zu verlassen. Die neutrale Position einer Agentur ist allerdings noch etwas ganz Besonderes. Nirgendwo im Journalismus sind sie von politischen und wirtschaftlichen Partikularinteressen so unabhängig wie bei einer Agentur wie dpa ­ die weder auf Anzeigenkunden, noch auf Bürgermeister in ihrem Verbreitungsgebiet Rücksicht nehmen muss. Agenturjournalisten arbeiten für ihre Kunden und sind ultimativ nur der Wahrheit und einer möglichst großen Objektivität verpflichtet. Außerdem kann ich mir wenig spannendere Aufgaben vorstellen, als die Modernisierung und Weiterentwicklung der wichtigsten deutschen Nachrichtenagentur. Wir sind zugegeben in stürmischen Zeiten, aber wer wollte schon bei Flaute segeln?

Weiterführende Links:

60 Jahre Deutsche Presse-Agentur: Der Weg in die «schöne neue Welt»
Die «besten» Fehler der dpa: «Rebell bei Scheißerei getötet»
60 Jahre Deutsche Presse-Agentur: Von «Kennedy tot» bis «Ratzinger zum Papst gewählt»
60 Jahre Deutsche Presse-Agentur: Was Sie schon immer über die dpa wissen wollten
Zum 60. Geburstag: Das ABC der dpa

bla/ped/news.de/dpa
Leserkommentare (1) Jetzt Kommentar zum Artikel schreiben
  • Kommentar 1
  • 19.08.2009 06:10
 

Liebe Kollegen, wieso macht Ihr für die Leser denn bitte nicht deutlich, dass dieses Interview direkt aus der dpa-Pressestelle stammt? Zumindest ein kleiner Disclaimer für die Leser fänd ich angebracht, wenn zwei dpa-Leute ihre Chefs interviewen.

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