Von Uwe Käding
Als die Veranstalter vor 40 Jahren zum Woodstock-Festival einluden, war sich warscheinlich niemand im Klaren darüber, was es einmal für einen Stellenwert haben würde. Doch schon während der drei Tage wurde es zu einer Legende, die es bis heute geblieben ist.
«Du hast die Bedeutung des Ereignisses gespürt, noch während es im Gange war», schrieb Jerry Garcia im Vorwort eines Woodstock-Buchs zum 25. Jahrestag. «Du hast genau gewusst, es ist ein Meilenstein; das lag in der Luft.» Nun ist es 40 Jahre her, dass sich auf Max Yasgurs 240 Hektar großer Farm bei Bethel im ländlichsten Teil des US-Staats New York an die 600.000 Blumenkinder versammelten, um vom 15. bis 17. August «drei Tage des Friedens und der Musik» zu feiern.
Die Veranstalter hatten mit 60.000 Besuchern gerechnet, und ein Gratiskonzert sollte es auch nicht werden. Doch das Schicksal zwang sie zu Improvisationen, mit denen sie sich das Wunder von Woodstock erarbeiteten: Die Veranstaltung verlief friedlich, die Leute wurden irgendwie satt, Musiker von Jefferson Airplane über Santana, CCR, Janis Joplin und Joe Cocker bis Ten Years After spielten rund um die Uhr. Jimi Hendrix beendete im Morgengrauen des 18. August das Festival, das einen gesellschaftlichen Neubeginn hätte markieren können, dann aber doch nur eine Episode der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde.
«In Woodstock ging es nicht um Sex und Drogen und Rock'n'Roll», erklärte Richie Havens. «Es ging um Spiritualität und Liebe, es ging darum, zu teilen und einander zu helfen, um ein Leben in Frieden und Harmonie.» Der Folkmusiker eröffnete den Konzertreigen - eigentlich stand er erst für den dritten Tag auf dem Plan. Er war aber als einziger Musiker schon da, als der Massenandrang der Hippies die Straßen im Umkreis von 25 Kilometern blockierte.
Der für den musikalischen Ablauf verantwortliche John Morris schubste Havens buchstäblich auf die Bühne. Havens sang seine Lieder, gab drei Zugaben. «Und ich bat ihn, noch ein einziges Mal hinauszugehen, und Richie ging raus, klampfte ein bisschen herum und sang Freedom. Er hat das Publikum mitsingen lassen», schrieb Morris in seinen Woodstock-Erinnerungen zum 25. Jahrestag. «Richie hat uns gerettet.»
Die Musiker mussten nun per Hubschrauber eingeflogen werden. Morris überließ derweil einem indischen Guru, Swami Satchidinanda, die Bühne. «Er fing an, über Frieden zu reden und darüber, dass alle Menschen auf der Welt freundlich sein sollten. Er war fantastisch, er hat die Wogen geglättet. Wir haben ein Problem nach dem anderen in den Griff gekriegt, weil es so viel guten Willen gab.»
Die Veranstalter hatten eine Kommune, die Hog Farm, aus New Mexico kommen lassen, die für kostenloses Essen und Lagerfeuer sorgen sollte. Dienstfreie Polizisten der New Yorker Staatspolizei waren als «Please Force» für Sicherheit zuständig. Das Konzept der Deeskalation funktionierte: Woodstock wurde zum Friedensmythos. «Woodstock, das waren für mich die Leute, das war das Auskommen miteinander, das Teilen, die Sorge, das Verarzten, das Füttern», schrieb Lisa Law von der Hog Farm, die an jenen Tagen für Zehntausende kochte. «Wir waren zum ersten Mal für etwas verantwortlich, und wir haben der Welt gezeigt, wie das Leben sein könnte. ‹Wir hätten die Welt verändern, ihr eine neue Ordnung geben können›, hat Graham Nash geschrieben. Ob dieses Gefühl jemals wieder entstehen kann?»
Graham Nash trat mit David Crosby, Stephen Stills und Neil Young in Woodstock auf. Der Ablauf des Konzerts ist zum 40. Jahrestag erstmals weit über die damals veröffentlichte Dreifach-LP auf sechs CDs mit 77 Tracks dokumentiert, 38 Lieder sind erstmals auf Tonträger zu hören. Woodstock - 40 Years On: Back To Yasgur's Farm (Rhino/Warner) zeichnet die einzigartige Atmosphäre nach; der Duft von Gras und anderen bewusstseinserweiternden Substanzen stellt sich ein, aber auch das aggressionslose, freundliche Miteinander. Die Leute liebten sich ungeniert, statt sich zu schlagen: «Make Love Not War» wurde für drei Tage Realität.
Woodstock, analysierte Frank Zappa, habe aber auch die Erkenntnis gefördert, «dass jene, die im Matsch sitzen und immer wieder ‹Kein Regen› rufen, plötzlich die sein werden, die die US-Wirtschaft führen». Das junge Veranstalterteam lieferte eine logistische und organisatorische Meisterleistung ab, die ihr ökonomisches Defizit weit überstrahlte und in erfolgreichen Karrieren mündete.
2009 fällt das Jubiläum in die schwerste Finanzkrise seit 80 Jahren, und die ist vielleicht auch ein klein wenig deswegen so heftig ausgefallen, weil Woodstock nicht zu der Utopie führte, die es entwarf. Nachdem Jimi Hendrix die US-Nationalhymne spielerisch demolierte wie keiner vor und keiner nach ihm, packten die Hippies zusammen, fuhren nach Hause, und die meisten von ihnen beschritten früher oder später bürgerliche Lebenswege.
Am 6. Dezember 1969 wurde beim «Free Concert» im kalifornischen Altamont ein schwarzer Jugendlicher von einem als Sicherheitsmann eingesetzten Rocker der Hells Angels vor der Bühne erstochen, als die Rolling Stones spielten. Altamont war als Westküsten-Gegenstück zu Woodstock konzipiert, nun hatte der Rock'n'Roll seine Unschuld verloren. Das Establishment hatte den Vorfall, auf den es schon in jenen Augusttagen gewartet hatte. Rock'n'Roll wurde in den 1970er Jahren vom Kapitalismus absorbiert wie später auch Punk, Rap und Hip-Hop.
Weiterführende Links:
Summerjam Festival 2009: Liebe ist die Antwort
Summerjam Festival 2009: Auf zum Kiffertest
177.000 Fans in England: Gedenken an Michael Jackson in Glastonbury
Wollen Sie wissen, wie es bei dem Thema weitergeht?
Wir informieren Sie gerne kostenlos.
Ich habe die Datenschutzbestimmungen gelesen und bin damit einverstanden!
URL : http://www.news.de/medien/5119/vom-mythos-einer-generation/1/
Schlagworte:

