Fr., 10.02.12

«Simplicissimus»-Übersetzung «Überauß lustig und männiglich nutzlich»

Von news.de-Redakteur Florian Blaschke

Artikel vom 17.08.2009

Der «Simplicissimus» von Hans Jacob Christoffel von Grimmelshausen gilt als einer der bedeutendsten deutschen Romane. Doch er ist mehr als 300 Jahre alt, entsprechend zäh ist er zu lesen. Eine Übersetzung in modernes Deutsch soll das nun ändern.

Man kann einen Blick auf die Rückseite des Schutzumschlags werfen, um zu begreifen, was man da vor sich hat. «Gesellschaftsroman» steht da, «Abenteuerroman», «Weltbuch» und 13 weitere Umschreibungen. Die Vorderseite schreckt unter Umständen eher ab, trägt sie doch schlicht den Titel: Der abenteuerliche Simplicissimus Deutsch von Hans Jacob Christoffel von Grimmelshausen. Ein Werk mit einem Ruf wie Donnerhall.

Bei Generationen von Germanistik-Studenten steht dieser Roman im Regal, als Reclam-Ausgabe etwa, rund 800 Seiten stark, in vielen Fällen wohl so gut wie ungelesen. Zu sperrig seine Sprache, das Deutsch des Hochbarock, zu ungewohnt der Lesefluss für heutige Verhältnisse. Sätze über dutzende von Zeilen, verschachtelt und verwoben, verschrecken eher als dass sie anlocken. Dennoch sind Bezeichnungen wie «Weltroman» mehr als nur Werbung. Der Simplicissimus, 1668 erschienen, ist bis heute eines der herausragenden Werke der Literaturgeschichte, manchen gilt er sogar als der erste echte Roman in deutscher Sprache.

Nun hat sich Reinhard Kaiser, renommierter Übersetzer aus dem Englischen, daran gemacht, den Simplicissimus zu übersetzen, in «modernes» Deutsch, wie es heißt. Heute, am 333. Todestag des Autors Hans Jacob Christoffel von Grimmelshausen, stellt der Eichborn Verlag, in dessen «Anderer Bibliothek» die zwei Bände erscheinen, das Werk vor.

An der Aufgabe, die Kaiser, so viel sei verraten, bravourös gemeistert hat, sind vor ihm viele gescheitert. Meist aber wurde sie auch nur halbherzig angegangen, Teilübersetzungen waren keine Seltenheit. Das Vorhaben aber, ein solches Stück Literatur zu erneuern, erfordert Konsequenz und Geschick und setzt ein Gefühl für die Entstehungszeit und ihre Sprache voraus. All das, so scheint es, vereint Kaiser in sich.

Das beginnt bereits bei all den Kleinigkeiten, über die der Leser des Barocktextes noch gestolpert sein dürfte. All die veralteten Schreibweisen und Begriffe hat Kaiser behutsam modernisiert – manchmal unmerklich, manchmal spürbar. Angefangen bei einem «vornehm», wo im Original noch «adelich» steht, bis hin zu einem «Rinnsal», das bei Grimmelshausen noch eine «Wasserrunze» ist. Manche der verschachtelten und überlangen Sätze hat Kaiser zerteilt, manche umgestellt. Die Struktur des Romans aber, die Einteilung in fünf Bücher plus Continuatio, hat er beibehalten.

Wie sich das liest? Vielleicht weniger neumodisch als mancher befürchtet haben mag. Kaiser hat ein gehobenes Deutsch gewählt, aber kein antiquiertes. Modern mag man es eigentlich kaum nennen, dafür ist es zu geschliffen, zu elegant. Er bleibt nahe am Original, bereinigt den Text jedoch durchgehend. Er lässt Grimmelshausen durchschimmern, wann immer möglich und vereinfacht die Sprache, wann immer nötig. So wird das Buch wieder «überaus lustig und männiglich nutzlich zu lesen», wie Grimmelshausen schrieb, überaus unterhaltsam und für jedermann nützlich zu lesen. Und: Kaiser hat kein Werk geschaffen, dass sich der Jugend anbiedern will, was ebenfalls ein denkbares Projekt gewesen wäre. Eine kluge Entscheidung.

Nun bedeutet all das natürlicht nicht, dass der Simplicissimus plötzlich leichte Kost geworden wäre – er bleibt ein Trumm von Roman. Als habe der Verlag das unterstreichen wollen, macht es zunächst ein wenig Mühe, die zwei Bände aus dem Schuber und den Schutzumschlägen herauszubugsieren. Es soll dann wohl doch nicht zu einfach werden mit diesem blau schimmernd eingebundenen Meisterwerk. Und als solches, das ist die große Chance dieser Neuübersetzung, kann er endlich wieder wahrgenommen werden – und als zeitloses Lesevergnügen.

Die Themen nämlich, die Grimmelshausen da zusammengebracht hat, lesen sich heute so aktuell wie damals. Das Grundgerüst: eine abenteuerliche Reise durch den Dreißigjährigen Krieg, eingestreut gesellschaftliche Betrachtungen, Satiren, Lyrik. Und der Held? Eigentlich ein Nichtsnutz, ein Einfaltspinsel, wie der Name schon sagt, der sich durchschlagen muss, der ständig lernt, dem heutigen Leser seltsam vertraut. Einer von uns.

Vielleicht auch deshalb zählt Übersetzer Kaiser das Werk zu «den zehn besten deutschen Romanen», wie er jüngst der Frankfurter Rundschau erzählte. Der Simplicissimus sei witzig, ohne frivol zu sein, ein hochintelligentes Buch, das «‹eine Welt, die sich in Blut und Wahnsinn verfangen hat›, auf das Trefflichste entheddere». Wäre das nicht eine Beschreibung für die Welt des Dreißigjährigen Krieges, sondern für die heutige, es würde sich wohl niemand wundern.

Und noch eine Chance hat Kaiser Grimmelshausens Simplicissimus eröffnet: Das Werk hat in allen Jahrhunderten Einfluss gehabt, nicht zuletzt auf die Literaten – ob Daniel Defoe, Bertold Brecht oder Günter Grass. Thomas Mann bezeichnete den Roman als «bunt, wild, roh, amüsant, verliebt und verlumpt», nun endlich hat er die Chance, neu entdeckt zu werden, Einfluss zu bekommen, wieder zu animieren. In Kaisers Übersetzung treffen zwei Jahrhundertleistungen zusammen. Ein Glücksfall.

Titel: Der abenteuerliche Simplicissimus Deutsch
Autor: Hans Jacob Christoffel von Grimmelshausen
Aus dem Deutschen des 17. Jahrhunderts und mit einem Nachwort von Reinhard Kaiser
Verlag: Eichborn Verlag, Reihe «Die Andere Bibliothek»
Preis: Zwei Bände im Schuber 69 Euro, Einbändige Ausgabe 49,95 Euro
Erscheinungsdatum: 24. Juli 2009

car/news.de
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Das Original-Titelblatt des Barockromans «Simplicissimus» aus dem Jahr 1669. (Foto)
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Leserkommentare (2)
  • Kommentar: 2
  • 18.08.2009 08:45
von

Der Kommentar von "Arme Sau" wurde wegen Verstoßes gegen unsere Netiquette gelöscht.

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  • Kommentar: 1
  • 17.08.2009 23:06
von

Nachdem wir in Deutschland mittlerweile mindestens 80 % Migranten haben (man hört in den Strassen und Gassen nur noch türkisch, arabisch, russisch), wird es nicht lange dauern, bis die Schreibweise von damals wieder aktuell ist. Hohch läbe dy Mikraziohn.

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