Von news.de-Redakteur Christian Mathea
Maybritt Illner wollte mit ihren Studiogästen erklären, wo Deutschlands Wirtschaft gerade steht. Das Ergebnis: Die Talkshow hat alle positiven Nachrichten vom Tage revidiert, aber erklären, wohin die Reise geht, das konnten Illner und Gäste nicht.
Wenn Krise, dann Opel, dachten sich Maybritt Illner und ihr Redaktionsteam und begannen mit einem Opelaner die ZDF-Sendung am Donnerstag. Der Ingenieur Thomas Grimm arbeitet seit 19 Jahren in Eisenach und durfte gleich zu Anfang die erste positive Nachricht des Tages schlechtreden. Einige Stunden vorher hieß es in den Medien noch, dass bei General Motors in Detroit ein unterschriftsreifer Vertrag von Magna vorliegen würde.
Von einem Opelaner hätte man sich da schon wenigstens ein bisschen Euphorie erwartet. Stattdessen sagte Grimm zu Illner: «Ich glaube kaum, dass der Abschwung vorbei ist. Für uns Autobauer wird es noch schlimmer, wenn die Abwrackprämie ausläuft.»
Die andere positive Nachricht – am Morgen verkündeten die Bundesstatistiker ein Miniwachstum von 0,3 Prozent für Deutschland – deuteten die vier Studiogäste von Maybritt Illner in ein kleines Etappenziel zum Luftholen auf einer riesigen und noch lange andauernden Krisentour um.
Vor allem DGB-Chef Michael Sommer und die Grünen-Fraktionschefin Renate Künast hoben hervor, dass sich Deutschlands Wirtschaft noch immer in einem tiefen Tal befinde. Sommer warf den Politikern vor, das Ende der Krise für den Wahlkampf nur herbeireden zu wollen. Außerdem wies der Gewerkschaftler ständig darauf hin, dass nur die Konjunkturmaßnahmen wie Abwrackprämie und Kurzarbeit Schlimmeres verhindern.
Nicht ganz so pessimistisch sahen die anderen beiden Gäste den Zustand des Patienten Deutschlands. Der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), Hans-Peter Keitel, sowie der Ministerpräsident Nordrhein-Westfalens, Jürgen Rüttgers (CDU), sprachen von einer kleinen Trendwende, warnten aber ebenso davor, die Zahlen jetzt überzubewerten.
Jürgen Rüttgers bekam daraufhin in der Sendung ein eigenes Werbevideo eingespielt. Man sah den CDU-Politiker als Wirtschaftsretter. Egal ob bei BenQ, Nokia oder bei Opel - immer wenn ein Unternehmen kurz vor dem Ende stand, Rüttgers kämpfte an vorderster Front, rief stets seine Durchhalteparolen durch ein Megafon in die Ohren der Arbeiter.
Dass dieser mit kommunistischen Kampfliedern unterlegte Film einen großen Mehrwert für die Sendung gebracht hätte, kann man nicht gerade sagen. Illner brauchte ihn anscheinend für die Anmoderation ihrer Frage danach, warum immer nur große Unternehmen gerettet werden und die kleinen der Pleitegeier holt.
Rüttgers erzählte anfangs irgendetwas von der tollen Struktur der deutschen Wirtschaft, in deren Mitte große Unternehmen stehen und kleine eben zuliefern. Daraufhin holte er zu einem Lobgesang über Deutschland und seine Wirtschaftsleistung aus. Keitel stimmte seiner Rolle getreu in den Kanon ein und lobte seinerseits die guten industriellen Strukturen, die sich in der Krise einmal mehr behauptet hätten.
Renate Künast zeichnete ein ganz anderes Bild: Marode Banken, Kreditklemme, Milliardenbürgschaften des Staates. Auch an den Konjunkturprogrammen ließ sie kein gutes Haar. «Die Pakete sind handwerklich nicht gut gemacht. Wir haben noch nicht angefangen, wirklich etwas gegen die Krise zu tun. Bisher gab es keine Strukturveränderung», argumentierte sie.
Damit regte Künast eine neue, bisher in Deutschland kaum geführte Diskussion an, deren grundlegende Frage es ist: Sollte man Unternehmen wie Karstadt retten oder stattdessen zukunftsweisende Technologien stärker fördern, damit die arbeitslos werdende Verkäuferin in zwei Jahren in der Solarbranche neu anfangen kann?
Diese Frage stand aber leider nur kurz im Raum. Und nur Sommer setzte kurz dagegen und argumentierte, dass mit einer Ankurbelung der Binnennachfrage auch die Karstadt-Mitarbeiterin ihren Job behalten könnte.
Anschließend wurde die Diskussion abgewürgt, obwohl sie für die Zukunft von Deutschland eine entscheidende ist. Illner ließ die Gäste ihrer Sendung lieber weiter anhand von Buchstaben bestimmen, ob die deutsche Konjunktur eher einem «L», einem «U», einem «V» oder einem «W» gleicht.
Bis auf ein paar kurze Verbalattacken zwischen Künast und Rüttgers schien der Abendtalk ohnehin eher eine Konsensveranstaltung zu sein. Die Studiogäste wirkten größtenteils, als wären sie gerade aus dem Tiefschlaf vor die Kamera gezerrt wurden.
Da hoffte man als Zuschauer, dass wenigstens der Wirtschaftshistoriker Albrecht Ritschl von der London School of Economics etwas Interessantes beizutragen hat. Doch auch ihm stellte Maybritt Illner die Frage, wo Deutschlands Konjunktur gerade steht. Und das, obwohl mittlerweile jeder Zuschauer wusste, dass der am Morgen verkündete Aufschwung winzig und alles andere als sicher ist. Was anderes sagte natürlich Ritschl auch nicht.
Amüsant dann die Antwort auf Illners Frage, warum die Krise niemand hat vorhersehen können. «Krisen haben es an sich, dass sie nicht voraussehbar sind», so der in Deutschland geborene Wissenschaftler. Doch an dieser Stelle muss man einlenken. Denn es gab sie. Es gab die Menschen, die diese Krise vorhergesehen haben. Und das waren nicht nur kritische Beobachter von Nichtregierungsorganisationen sondern auch einige Wirtschaftswissenschaftler.
Aber gut, der Mann ist Wirtschaftshistoriker. Seine Aufgabe ist eher der Blick in die Vergangenheit. Und mit diesem lobte Albrecht Ritschl die bisher ruhig gebliebenen Deutschen, die trotz Krise keine Panik bekommen hätten. Eine Erklärung hatte er sogleich parat. Die Deutschen seien krisenerfahren unter anderem durch die Erfahrungen aus der Wende.
kab/news.de