Claudia Roth im Interview «Wir sind Rock und Pop und alles zusammen»

Claudia Roth, die Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen, glaubt an die Kraft der Töne. (Foto)
Claudia Roth, die Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen, glaubt an die Kraft der Töne. Bild: dpa

Von Jan-Henrik Petermann
Ist der deutschen Musik das Politische abhandengekommen? Im Gegensatz zu «manchen Kulturpessimisten» glaubt Grünen-Chefin Claudia Roth, in den 1980er Jahren Managerin von Ton Steine Scherben, dass die sozialkritischen Zeiten nicht passé sind.

Rock-Nostalgiker klagen, aktuelle Songtexte drehten sich nur um Spaß statt um Politik. Hätte Rio Reiser, dessen Band Ton Steine Scherben Sie von 1982 bis 1985 managten, bei Plattenfirmen heute noch eine Chance?

Claudia Roth: Aus gutem Grund waren die Scherben nie bei einer Plattenfirma, sie haben sich einem solchen Industrievertrag immer verweigert. Aber wir haben auch heute viele politisch engagierte Rock-Künstler. Nehmen Sie zum Beispiel Pink, die die Arroganz der Bush-Regierung so hart kritisiert hat wie kaum ein politischer Redner. Rockmusik spielt bei der Mobilisierung von Menschen, bei dem, was ihnen Kraft und Hoffnung gibt, weiter eine entscheidende Rolle.

Neben Pink haben in den USA vor allem die Dixie Chicks für Wirbel gesorgt. Wie groß ist das Protestpotenzial der deutschen Rock-Elite?

Roth: Bei uns hat sich Rio Reiser mit seinem Schrei «Ich will ich sein!» schon vor Jahren für die Gleichberechtigung von Schwulen und Lesben eingesetzt. Heutige Texte äußern diese Forderung subtiler. Rosenstolz sind politisch, weil der Wunsch, leben zu können, wie man leben will, Ausdruck ihrer Songs ist. Jan Delay ist ohne Zweifel ein politischer Künstler, der in politischen Zusammenhängen aufgetreten ist - zum Beispiel bei der Neueröffnung von Kohlekraftwerken. Die Söhne Mannheims finde ich gut, weil sie Gerechtigkeitsdefizite benennen und zeigen, dass wir eine Einwanderungsgesellschaft sind.

Droht Gefahr, wenn rechte Bands Musik für ihre Ziele nutzen?

Roth: Absolut. Ich hatte zunächst darauf vertraut, dass bestimmte ästhetische Formen nicht von Rechtsaußen missbraucht werden können. Mein Schlüsselerlebnis mit den linksalternativen Scherben kam dann, als bei einem Konzert Flyer mit dem Spruch «Allein machen sie dich ein!» verteilt wurden. Das war ein Scherben-Text - und nun hatten die den auf einmal übernommen. Rechtsextreme Bands wollten sogar die Musik imitieren. Heute treten einige auf wie Punks oder die Antifa.

Auch wenn nicht alles entpolitisiert ist: Wie viel Spaß verträgt die Rockmusik generell, ohne dass sie ihre Glaubwürdigkeit einbüßt?

Roth: Da sind mir manche Kulturpessimisten zu streng. Kunst und Kultur haben auch das Recht, zu unterhalten und leidenschaftlich zu sein.

Die SPD installierte schon 2003 mit dem heutigen Bundesumweltminister Sigmar Gabriel einen «Pop-Beauftragten». Wann ziehen die Grünen nach?

Roth: Wir brauchen keinen Pop-Beauftragten, wir sind Rock und Pop und alles zusammen. Der Beauftragte wäre ja auch eine entsetzliche Bürokratisierung. Und ich will gar nichts dagegen sagen, dass die Klassik förderungswürdig ist. Rock und Jugendkultur in Schulen und Musikschulen und die Absicherung von Berufsmusikern bräuchten jedoch mehr Unterstützung. Künstler können nicht nur von Luft und Liebe leben - daran hat sich bis heute nichts geändert.

bla/che/news.de/dpa

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