Interview mit Quentin Tarantino «Ich bin kein Zweiter-Weltkrieg-Freak»

Er gilt als Mister Übercool des Kinos: Quentin Tarantino. (Foto)
Er gilt als Mister Übercool des Kinos: Quentin Tarantino. Bild: dpa

Von news.de-Mitarbeiter Dieter Oßwald
In zwei Wochen kommt Quentin Taratinos neuer Film «Inglourious Basterds» in die deutschen Kinos. News.de spricht mit dem US-Regisseur über künstlerische Federstriche, Kriegsfilme und andere Leidenschaften neben dem Kino.

Was hat es mit dem Titel des Filmes auf sich – es handelt sich ja nur sehr entfernt um das Remake der italienischen Vorlage aus den 1970ern ...

Tarantino: Stimmt, die einzige Gemeinsamkeit mit dem Original ist dieser Titel. Aber genau diesen Titel liebe ich schon seit sehr langer Zeit, seit ich mit 17 Jahren diesen Film im Fernsehen gesehen habe. Damals wollte ich sogar ein Buch mit diesem Titel schreiben und darin Interviews mit meinen Lieblingsregisseuren veröffentlichen. Aus dem Projekt ist dann nichts geworden – kein Wunder, wenn man 17 ist.

Ist die absichtlich falsche Schreibweise «Basterds» ein Werbetrick, damit die Leute stolpern und sich dann den Titel besser merken?

Tarantino: Nein. Aber ich möchte die Schreibweise nicht kommentieren, sie ist mein künstlerischer Federstrich. Das zu analysieren oder zu erklären, wäre verkehrt. Man fragt den Maler Basquiat auch nicht, warum er die Rechnung eines Restaurants auf seine Leinwand klebte.

In Berlin gibt es nicht nur ein Restaurant, das ein Fan nach Ihnen benannt hat, seit kurzem gibt es auf dem Filmgelände in Babelsberg auch eine Straße, die mit ihrem Namen ...

Tarantino: Das war eine ganz fantastische Sache für mich. Ich war bereits beim Drehen völlig begeistert von diesen Straßennamen, die nach diesen großartigen Regisseuren aus Babelsberg benannt wurden – und nun gibt es dort eine Kreuzung Pabst-Straße/Tarantino-Straße.

Der letzte Drehtag der Basterds verlief etwas ungewöhnlich: Sie ließen alles stehen und liegen und liefen einfach davon, ohne sich vom Team zu verabschieden ...

Tarantino: Ich mag keine Abschiede, und bin nicht sonderlich gut in diesen Dingen. Erst recht, wenn man so lange gemeinsam ein Abenteuer bestanden hat und sich wünscht, dass alles immer so weiter geht. Unsere Partys, die wir jedes Wochenende feierten, hätte ich gerne noch lange fortgesetzt. Ich würde mich nicht als emotionalen Krüppel bezeichnen, aber gefühlsmäßig wohl doch als etwas unreif. Bevor ich einen endgültigen Schlussstrich ziehen muss, trete ich lieber die Flucht an.

Die verwobenen kleinen Geschichten der Basterds, die sich immer wieder überkreuzen, könnte man sich eigentlich auch gut im Fernsehen vorstellen.

Tarantino: Absolut, ich hätte mir den Film sehr gut als Mini-Serie fürs Fernsehen vorstellen können und habe lange mit der Idee dazu gespielt. Ich hatte sogar schon das Konzept für ein zwölfstündiges Programm. Dann kam ein Essen mit Luc Besson dazwischen, der überhaupt nichts davon hielt, sondern unbedingt einen Film wollte. Also sagte ich, dass ich noch ein einziges Mal versuchen werde, einen Film daraus zu machen.

Der Film dauert mehr als zwei Stunden, die Dreharbeiten waren relativ kurz – wird man besser, wenn der Druck größer ist?

Tarantino: Wir haben diesen Film unter ziemlich schwierigen Bedingungen und einem engen Zeitplan gedreht. Das erforderte schnelles Arbeiten, ohne dass wir künstlerische Kompromisse machen. Wenn wir also nur drei Tage für eine Szene hatten, dann musste die Pause eben auch einmal ausfallen. Diesen Druck hatte ich bei meinen letzten Filmen nicht. Meine große Hoffnung ist, dass dieser ganze Druck und diese Energie auch auf der Leinwand zu spüren sind.

Ist es kein Risiko, dass Ihre Figuren in einem Hollywood-Film so viel Deutsch reden?

Tarantino: Ich bin stolz darauf, dass viele Zuschauer das gar nicht stört, weil es einfach so gut funktioniert. Wir haben immerhin gut 40 Minuten Dialog in Deutsch, und das klappt perfekt. Mit fremden Stoffen hätte ich das nicht geschafft. Aber da es sich um mein eigenes Material handelt, spürte ich, dass es gehen kann. Und jetzt habe ich mir bewiesen, dass ich so etwas schaffen kann.

Wie sehr interessiert Sie die Zeit des Zweiten Weltkriegs?

Tarantino: Ich habe mich schon immer für Geschichte interessiert, allerdings bin ich kein Zweiter-Weltkrieg-Freak. Oft werden Filme über diese Zeit als Hollywood-Propaganda gegen die Nazis beschrieben, aber so sehe ich das überhaupt nicht. Viele der Regisseure mussten aus Europa fliehen, oft mit Sorgen um ihre Angehörigen in der Heimat. Dennoch schufen sie im Exil so verblüffend unterhaltsame Filme mit viel Humor und grandiosen Dialogen.

Sind Sie bisweilen genervt von dem Wirbel, der um Sie gemacht wird?

Tarantino: Nein, das hat überhaupt keinen Einfluss auf mein Leben. Ich mache meine Arbeit, nur das ist wichtig. Auch wenn es angeberisch klingen mag, meine ganze Karriere basiert auf Mut. Ich mache nicht Filme für den Augenblick. Ich mache Kino für die nächsten 40 Jahre.

Sie gelten als wahrer Kino-Manic und leben für den Film. Wofür leben Sie noch?

Tarantino: Die Frage impliziert ein bisschen, dass ich engstirnig wäre. Es gibt durchaus noch andere Dinge in meinem Leben. Aber ich bin Künstler, meine Kunst ist das Kino. Was ich über Filme weiß, habe ich mir selbst beigebracht. Wenn man fragt, warum ich dem Film so viel Zeit widme und ob andere Dinge im Leben nicht zu kurz kommen, dann sage ich: Für mich ist das ein Leben, sogar ein wunderschönes Leben.

Haben Sie neben der Liebe zum Kino noch Zeit und Leidenschaft für eine andere Liebe?

Tarantino: Wenn ich verliebt bin, bin ich ausgesprochen leidenschaftlich. Wie wohl die meisten von uns bin auch ich dann am glücklichsten, wenn ich jemanden liebe.


Quentin Tarantino (46) hat unter anderem bei
Pulp Fiction und Kill Bill Regie geführt. Sein neuer Film Inglorious Basterds, der am 20. August in den deutschen Kinos startet, ist ein Kriegsfilm mit vielen deutschen Schauspielern - darunter Daniel Brühl, Til Schweiger und Christoph Waltz.


Weiterführende Links:

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car/bla/news.de

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