Von news.de-Redakteur Christian Vock
Mit unglaublichem Rechercheaufwand hat Regisseur Michael Mann seinen Film über das Leben des Bankräubers John Dillinger vorbereitet. Herausgekommen ist ein detailgetreues Porträt mit einem zu guten Johnny Depp als charismatischem Verbrecher.
Gangster haben Regisseure, Drehbuchautoren und Schauspieler seit jeher fasziniert. Ebenso das Publikum. Der Stoff ist aber auch zu gut, um ihn auf der Straße liegen zu lassen: Schießereien, Verfolgungsjagden, Heldenstilisierung, mal in Liebesromanzen gebettet, mal knallhart – eine Mischung, genau nach dem Geschmack Hollywoods. Gangsterboss Al Capone, Revolverheld Jesse James, Posträuber Ronnie Biggs und viele andere haben es so bereits zu Filmehren geschafft. Nun kommt mit John Dilliger der nächste Verbrecher auf die Leinwand.
Public Enemies heißt das Werk in Anlehnung an den Titel, den man den Verbrechern und ihren Banden gab, die Anfang der 1930er Jahre die USA mit ihren Überfällen auf den Kopf stellten. Von denen war John Dillinger der «Staatsfeind Nr. 1», der erste, dem diese zweifelhafte Ehre zuteil wurde. Zu diesen Verbrecherbanden zählte auch das berühmte Gangsterpärchen Bonnie und Clyde. Doch anders als die gleichnamige romantisierende Gangsterballade von 1967 mit Waren Beatty und Faye Dunaway setzt Regisuer Michael Mann nicht die verklärende Brille auf, will aus John Dillinger keinen Helden kreieren. Trotz der Faszination, die Mann für den charismatischen Gangster verspürt.
Das Mittel seiner Wahl ist dafür die viel besagte Authentizität. Mit unglaublicher Akribie haben sich Mann und sein Team auf den Dreh vorbereitet und die Umstände recherchiert. Auf die Echtheit der Überfälle und Schießereien wurde größten Wert gelegt. Alles sollte so echt wie möglich sein. Dazu wurde an den Originalschauplätzen gedreht und ein unglaublicher Aufwand für Maske und Art Department betrieben. Dem Zuschauer sollte keine Nostalgiekulisse vorgeführt werden, er sollte das Chicago der 1930er Jahre am eigenen Leib erleben.
Diesen Drang zum Realismus übertreibt Mann nur mit der Zeit. Den Gipfel bildet hier die Schießerei, als Dillinger von einer Handvoll Polizisten aus seinem Versteck, einer einsamen Hütte in den Wäldern, geholt werden soll. Hier verwendet Mann das einzige Mal eine Handkamera, um dem Geschehen eine emotionale Nähe zu geben. Stattdessen fragt sich der Zuschauer, wer denn da plötzlich mit einer wackeligen Kamera neben den Flüchtenden herläuft.
Diese Realitätsfixierung verleiht dem Film zwar so etwas wie Glaubwürdigkeit, hat aber ihre Nebenwirkungen. Denn sie erklärt nichts. Sie hinterlässt von Dillinger ein oberflächliches Abziehbild. Mann zeichnet eine charismatische Figur, die damals von der Öffentlichkeit geliebt, von J. Edgar Hoover und seinem neu geschaffenen FBI gehasst wurde. Die Frage, warum er so geworden ist, warum er das Leben so sehr liebte, dass er in Kauf nahm, dafür zu sterben - all das bleibt zurück, wird nur mit einigen Sprüchen Dillingers angerissen. Tiefe, Spannung, Parteinahme, Kennzeichen packender Kinounterhaltung erzeugt Mann auf andere Weise.
Denn trotz des Beharrens auf Realitätsnähe ist auch Mann an die Prinzipien Hollywoods gebunden. So brauchte es eine Liebesgeschichte, die dank der hervorragenden Marion Cottilard als Dillingers Geliebte Billie Frechette im Zaum gehalten wird. Und wer auch an den Kinokassen punkten will, braucht publikumswirksame Zugpferde und mit Christian Bale und Johnny Depp hat Mann zwei der angesagtesten im Stall. Doch genau das wird zum Problem, denn Depp ist einfach zu gut, um richtig böse zu sein. Damit macht Mann zunichte, was er mit seiner akribischen Recherche wohl eigentlich verhindern wollte. Denn selbst wenn Depp als Dillinger kaltblütig Menschen ermordet, kann er sich der Sympathien des Kinopublikums gewiss sein. Das mag der Spannung zuträglich sein, weil man sich für eine Seite entscheiden kann, eine Heldenstilisierung verhindert es nicht.
Titel: Public Enemies
Regie: Michael Mann
Darsteller: Johnny Depp, Christian Bale, Marion Cottilard, Stephen Dorff, Billy Crudup
FSK: ab 12 Jahren
Filmlänge: 140 Minuten
Kinostart: 6. August 2009
Weiterführende Links:
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