Tausche Aufmerksamkeit gegen Geld
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Von news.de-Mitarbeiterin Denise Peikert
Artikel vom 30.07.2009Der Kurznachrichtendienst Twitter ist fast täglich in den Medien, und das ohne millionenschweres Budget für Werbung. Die sowieso klammen Kassen sollen nun offenbar durch kostenpflichtige Firmenaccounts gefüllt werden. Das könnte klappen.
48 Millionen würde es kosten, müsste Twitter in all den amerikanischen Medien Werbung schalten, die kostenlos und redaktionell über den Dienst berichten. Das haben die Statistiker von VMS errechnet, ein Unternehmen, das die Medienberichterstattung auswertet. Nur 55 Millionen wurden überhaupt seit dem Start 2006 in Twitter investiert - eingenommen hat der Service noch keinen Cent.
Die chronisch leeren Twitter-Kassen sollen sich nun füllen: Offenbar mit Firmenaccounts und Werbung will der Kurznachrichtendienst Geld verdienen. Das Problem dabei zeigt eine aktuelle Studie: 69 Prozent der Amerikaner wissen demnach trotz aller Berichte nicht genug über Twitter, um sich eine Meinung bilden zu können. Davon unbeeindruckt glauben 42 Prozent aller befragten Werbefachleute, dass Twitter eine effektive Werbeplattform ist.
Auch in Deutschland wird Twitter eine beachtliche mediale Aufmerksamkeit zuteil: Im vergangenen Monat wurde Twitter allein im Online-Bereich mehr als 100.000 Mal in Berichten erwähnt. Rund zwei Millionen Besucher hat der Dienst hierzulande im Monat, doch nicht einmal 0,1 Prozent der Internetnutzer sind aktive Twitterer. Und das ist gut so, findet Blogger Jürgen Vielmeier. «Wenn es in fünf Jahren Millionen Twitterer in Deutschland gibt, die viel Rauschen, Spam und Werbung produzieren, dann werden sich viele von Euch schon wieder an die ‹gute, alte Zeit›» zurück erinnern», schreibt er auf freshzweinull.com und bekommt Beifall: «Quantität beeinflusst ja sehr stark die Qualität. Da hast du also Recht!» kommentiert ein Nutzer. Der Tenor: Die meisten der deutschen Internetnutzer seien bisher nur Konsumenten – trotz der medialen Dauerbeschallung über das heilbringende, von Nutzern mit Inhalten befüllte Web 2.0. Zum Glück für die frühen Twitterer: Mainstream kann schließlich nicht gleichzeitig «The Next Big Thing» sein.
Für Twitter selbst ist das freilich kein Argument: In vier Jahren will man weltweit eine Milliarde Nutzer haben, wie aus den internen Papieren hervorgeht, die Mitte Juli durch einen Hackerangriff öffentlich wurden. Geld verdiente der Kurznachrichtendienst bisher nicht. Laut einem Finanzplan, der im Februar entstanden ist, sollte sich das schon im dritten Quartal 2009 ändern: Bescheidene 400.000 Dollar Einnahmen standen zu Buche, für 2013 war ein Umsatz von 1,5 Milliarden Dollar geplant.
Das dritte Quartal 2009 ist inzwischen angebrochen. Wie genau die kalkulierten 400.000 Dollar eingenommen werden sollten, darüber waren sich die Twitter-Chefs noch Ende Februar nicht einig. Wie aus einem internen Meeting-Protokoll hervorgeht, wurden neben Bezahlaccounts vor allem unterschiedliche Werbemodelle wie Banner und Widgets diskutiert. Einziger Konsens damals: Die richtigen Leute müssten gefunden werden, «um die Dinge geregelt zu kriegen».
Das scheint inzwischen geklappt zu haben: Hinter der schlichten Zahlenkombination 101 steckt ein Twitter-Leitfaden für Firmen, der kürzlich online ging. «Jeden Tag nutzen Millionen Menschen Twitter», macht der Dienst dort kräftig Eigenwerbung. Und: «Unternehmen können Twitter nutzen, um schnell Informationen zu verbreiten.» Der nächste logische Schritt, so Nicole Simon, Autorin des Twitter-Buches Mit 140 Zeichen zum Web 2.0 gegenüber dem Handelsblatt, sind Unternehmens-Accounts gegen Geld.
Der Markt dafür scheint da zu sein, viele deutsche Unternehmen twittern. Zum Beispiel der Handelskonzern Otto. «Twitter ist als Medium besonders schnell, spontan und dialogfähig», beschreibt ein Sprecher des Unternehmens die Vorteile des Dienstes. Otto betreibt derzeit drei Twitter-Accounts, die sich an unterschiedliche Zielgruppen richten und sehr positiv angenommen werden, wie es heißt.
Auch der Tierbedarfshändler Fressnapf sucht über Twitter den direkten Draht zu den Kunden. «Wir twittern unsere Produkte, aber auch viel aus unserer Community, wie zum Beispiel das Tierfoto des Tages», sagt Sandra Berlinecke von Fressnapf. Das Unternehmen hat den Account vor gut vier Monaten mit einer Aktion gestartet. «Wir probieren noch aus, was genau über Twitter funktioniert und wie darauf reagiert wird, sind aber zufrieden, mit unseren mehr als 500 Followern in dieser kurzen Zeit.» Twitter sei jedoch kein Massenmedium und deswegen auch kein klassisches Promotiontool. «Interessant ist es jedoch, in der direkten Kommunikation herauszufinden, womit sich die Fressnapf-Kunden beschäftigen.»
Ob Fressnapf für den Firmenaccount auch bezahlen würde, weiß Berlinecke noch nicht genau. «Wir warten erst einmal die Diskussion ab. Im konkreten Fall müssten wir dann Kosten und Nutzen abwägen».Wenn der Betrag für einen Firmenaccount jedoch «kein zu hoher» sei, könne man das durchaus bezahlen.
voc/news.de