Interview mit Andreas Steinhöfel «Die Macht des Lachens ist nicht zu unterschätzen»

Kinderbuchautor Andreas Steinhöfel schreibt Geschichten, die Kinder lieben. Im news.de-Gespräch erzählt er, warum es trotzdem nicht sein Job ist, Leselust zu wecken, wie Kinder mit Außenseitern klarkommen - und warum mehr vorgelesen werden muss.

Kinderbuchautor Andreas Steinhöfel hat sich zum Schreiben aufs Land zurückgezogen. (Foto)
Kinderbuchautor Andreas Steinhöfel hat sich zum Schreiben aufs Land zurückgezogen. Bild: Carlsen Verlag

Die Leselust bei Kindern soll zurückgehen, heißt es. Wie lässt sich die wecken? Und wie sehr denkt man als erwachsener Autor die junge Leserschaft mit?

Steinhöfel: Beim Schreiben mache ich mir überhaupt keine Gedanken um die Leser, sonst hat man gleich so eine Schere im Kopf. Es gibt aber bestimmte Erwartungshaltungen an Kinderbuchautoren. Und ich neige dazu, mich mit meinem Verlag zu streiten, wenn sie die Sätze kürzen, weniger Fremdworte wollen, alles linear von A bis Z erzählt haben wollen. Vielleicht, weil ich eher von dem Kind ausgehe, das ohnehin Lust aufs Lesen hat und deshalb einfach liest - nicht von dem, das erst vom Lesen überzeugt werden muss. Das ist nicht mein Job. Das sehe ich eher als Sache der Eltern an.

Geht es Pädagogen, die sich fürs Lesen als «Kompetenz» engagieren, nur um Leistungsfähigkeit der Kinder? Die Kids sollen doch auch ihren Spaß haben?

Steinhöfel: Neulich war ich auf einem Symposium zum Thema, und bevor ich als fünfter dran war, ist kein einziges Mal das Wort Kind oder Buch gefallen. Sondern Schlagworte wie Iglu, Pisa, Hastdunichtgesehen. Ich habe tatsächlich den Eindruck, Leselust wird deswegen so häufig thematisiert, weil Kinder in irgendeiner Form mehr Leistung erbringen sollen. Der Glaube an das Buch als Kulturgut an sich ist etwas verquer. Beim Chatten musst du schließlich auch lesen können.

Wenn man Lesen nur als «Kernkompetenz» betrachtet, die einen im späteren Berufsleben weiterbringen soll, wird viel verschenkt. Für mich konnte Lesen schon immer sehr viel mehr. Einerseits ist es positiver Eskapismus, völlig unabhängig von Anspruch und Alter der Leser. Auch in den Zauberberg kann ich mich flüchten - ich muss es aber nicht. Andererseits lassen sich in Büchern Welten erschließen, an die man sonst nie herangekommen wäre.

Welche Ansprüche von Kindern an ihr Lesematerial kennen Sie und wie versuchen Sie die zu bedienen?

Steinhöfel: Kinder lieben Geschichten, die vorangehen, und vor allem lachen sie gerne. Außerdem ist eine Sache bekannt, die sie alle wollen: ein Happy End! Mit einem Schluss, in dem alles böse endet, kommen die wenigsten klar, das gibt Heulen und Toben. Solche Aspekte habe ich schon im Kopf, aber ich neige nicht dazu, das übermäßig zu intellektualisieren.

Was haben Sie als Kind gern gelesen?

Steinhöfel: Ich habe wohl eine ganz klassische Lesesozialisation, immer wieder Grimms Märchen. Vor der Schule wurden mir viele Geschichten vorgelesen, ab der ersten Klasse habe ich aber auch immer selber gelesen. Ich bin in die Stadtbibliothek gegangen - also «Stadt» ist gut, ein kleiner Ort eben, deshalb gab es auch immer dieselben Bücher dort, die ich dann alle schon mehrfach durch hatte. Vor allem Jim Knopf habe ich unzählige Male gelesen, das ist für mich immer noch das beste Kinderbuch. Pippi Langstrumpf habe ich dagegen noch nie gemocht, warum auch immer.

Sie sind studierter Anglist und Literaturwissenschaftler - Jim Knopf klingt jetzt weniger nach kanonisierter Leseschule?

Steinhöfel: Naja, in der Schule habe ich auch viel Schrott gelesen. Doch seltsamerweise ist das von einem Tag auf den anderen gekippt. Irgendwann war es wohl genug Grusel und Perry Rhodan, da hat sich mir urplötzlich die Literatur erschlossen. Ich bin kein Freund dieses Kanondenkens, erst recht nicht bei Kindern. Vorschriften, was lesenswert ist und was nicht, und ähnliche gedankliche Scheren sind mir suspekt. Wenn Kinder nur 5 Freunde wollen, sollen sie die kriegen.

Haben Sie als Autor denn Verständnis dafür, wenn Kinder gar nicht lesen wollen?

Steinhöfel: Man kann sich immer noch später entscheiden, nicht selbst zu lesen. Die Erwachsenen, die ich am meisten liebe, lesen alle nicht. Sie erschließen sich diesen Reichtum durch andere Dinge. Lesen muss nicht gleichgesetzt werden mit «toll und erstrebenswert», ich will auch keine Verurteilung derer, die sagen: Nö.

Der Punkt ist nur, dass die Schule zu spät ist für Leseförderung. Das muss früher geschehen, Schule kann das höchstens fortsetzen. Da werde ich dann doch mal pampig, wenn Eltern einen groß angucken, weil sie ihren Kindern mal eine halbe Stunde vorlesen sollen. Ich bin der Ansicht, dass Kinder Geschichten brauchen. Es gibt dieses Buch, das heißt «Kinder brauchen Märchen». Und es stimmt. Es muss verdammt nochmal mehr vorgelesen werden!

Sind Ihnen traditionelle Kinderbücher zu pädagogisch?

Steinhöfel: Tatsächlich habe ich in einer Zeit mit dem Schreiben begonnen, als Kinderliteratur stark von diesem Geist geprägt war. Diese staubigen Mutmach-Bücher und der ganze Krempel, da krieg ich die Krise. Zum Glück haben wir uns von den pädagogischen Impulsen der Siebziger und Achtziger dann doch ein Stück wegentwickelt. Heute ist man nicht mehr so programmatisch, auch ist die Auswahl viel, viel größer.

Kann man bei Kinderbüchern besonders einfach Stellung nehmen - und manipulieren?

Steinhöfel: Als Autor ergreift man Stellung, Punkt. Das gilt in jedem Genre, selbst bei Sachbüchern. Gut, vielleicht außer Kochbüchern. Doch nur beim Kinderbuch wird diese Stellungnahme als «Pädagogik» gewertet. Das lässt sich ja anhand beliebiger Beispiele durchexerzieren. Der Morgengrauen-Reihe von Stephenie Meyer etwa wird ja gern vorgeworfen, sie sei ideologisch noch der Ära Bush verhaftet, diese ganze Verdammung vorehelichen Geschlechtsverkehrs und so weiter. Aber ich finde das überflüssig. Harry Potter ist ja auch kein Plädoyer für die Internatsschule.

In Ihren Büchern sind die wichtigsten Figuren stets Außenseiter. Selbst- und Fremdbilder, Umgang mit Andersartigkeit und Vorurteilen sind Themen, die schon Eltern und Lehrer nur schwer vermittelt bekommen. Wie soll man das als Kinderbuchautor überhaupt leisten können?

Steinhöfel: Ich halte es für völlig normal, dass Kinder und Jugendliche ab einem bestimmten Alter radikal alles ablehnen, das anders ist. Wer sich mit dem Fremden identifiziert, macht sich selbst fremd, das schaffen nur die härtesten Knochen. Kinder wollen dazugehören, zu einem festen Wertegefüge, einem festen Sozialgefüge.

Als Autor muss man aber aufpassen, wenn man Ablehnung vermittelt. Themen sollten möglichst von zwei Seiten gezeigt werden. Dass ich persönlich aber meist entschieden auf der Seite des Schwächeren stehe, ist weniger pädagogisch gemeint. Da geht eher mein humanistisches Ideal mit mir durch.

In Ihren Büchern gibt es viel «Wissen im Vorbeigehen», Archetypen wie die Reise des Helden, Anspielungen auf die antike Mythologie. Was ist methodisch entscheidend, damit die Vermittlung von solchen Archetypen an junge Leser gelingt?

Steinhöfel: Das ist ein bewusstes Vorgehen, da kann man vor allem mit den älteren tatsächlich drüber reden. Die interessieren diese Geschichten sehr. Wenn sie sich bewusst werden: Mit diesem Problem bin ich nicht allein, das ist ein wahrer Klassiker - im wahrsten Sinne des Wortes. Und die Vielfalt der Geschichten ist wichtig. In Film und Fernsehen sehen wir wieder und wieder dieselben Mythen und Archetypen, dieselbe Heldenreise. Da hätte ich es doch gern etwas mehr «klassisch-humanistisch». Viel Wissen, das ich für elementar halte, fällt hinten über, während eher Überflüssiges immer wieder in die Köpfe reingebimst wird.

Außerdem schwöre ich auf das Lachen: Humor nimmt aus vielen Situationen den Stahl. Das kenne ich auch aus eigener Erfahrung, wenn du mal in einem solchen Depri-Sumpf steckst, hilft es meist, wenn du dich irgendwann neben dich stellst und auch über dich selbst lachen kannst.

Andreas Steinhöfel, Jahrgang 1962, lebt in Berlin, schreibt derzeit aber in seiner hessischen Heimat am dritten Band seiner «Rico und Oskar»-Reihe. Er ist als Übersetzer, Rezensent und Drehbuchautor tätig und hat für seine Kinder- und Jugendbücher zahlreiche Literaturpreise verliehen bekommen, zuletzt den Erich-Kästner-Preis für Literatur 2009.

ped/news.de

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