«Fast erschreckend viel Harmonie»
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Von news.de-Mitarbeiter Dieter Oßwald
Artikel vom 25.07.2009
Mut bewies sie mit ihren Rollen genug. Dem Damokles-Schwert jeder Schauspielerin, dem Älterwerden, begegnet sie gelassen. News.de sprach mit Marie Bäumer über ihre jüngste Arbeit und darüber, warum man keinen Film über Romy Schneider braucht.
Vom Schuh des Manitu zum Kriegsdrama Dresden, vom Bap-Film zum oscarprämierten Fälscher und nun die moderne Version der Wahlverwandtschaften – wo ist der rote Faden in Ihrer Karriere?
Bäumer: Ich habe mich nie bemüht, solch einen roten Faden zu knüpfen, planen kann man in diesem Beruf ohnehin nie. Mich interessiert es einfach, immer wieder neue Dinge auszuprobieren. Zum Glück gibt es Regisseure, die mir solche unterschiedlichen Stoffe auch anbieten.
Aus welchen Gründen wollten Sie bei diesem Projekt mitmachen?
Bäumer: Ausschlaggebend war für mich der Regisseur: Sebastian Schipper ist nicht nur ein sensibler und authentischer Regisseur, sondern auch ein Freund von mir seit vielen Jahren. Eigentlich war ich schon fast ein bisschen beleidigt, dass er mir nie eine Rolle angeboten hatte. (lacht)
Das Liebesgeplapper der Akteure wirkt recht luftig – wie weit ist das alles improvisiert?
Bäumer: Viele mögen überrascht sein, aber es war so gut wie gar nichts improvisiert. Bis auf ganz wenige Momente stand jeder Dialog und jedes Wort ganz genau so im Drehbuch. Ich weiß noch, wie sich Sebastian bei den Dreharbeiten darüber gefreut hat, dass wir diesen Ton trafen. So etwas kann nur funktionieren, wenn man als Schauspieler auf gut gelegten Schienen, in diesem Falle Sebastians wunderbares Drehbuch, gestellt wird – nur dann läuft der Zug mit der richtigen Geschwindigkeit, ohne zu rattern.
Wie erleben Sie das Rattern beim Zug des Lebens: Wie beschäftigt Sie mit 39 Jahren das Älterwerden?
Bäumer: Den inneren Reifeprozess empfinde ich als einen spannenden Weg. Ein Weg mit neuen Ängsten und mit neuen Räumen. Manchmal fühlt es sich an, als würde man ein zweites Leben beginnen. Das Reifen und Älterwerden wird in unserer Gesellschaft mit unwahrscheinlichem Aufwand bekämpft. Diesem äußeren Druck, nicht sichtbar älter werden zu dürfen, kann ich am besten mit der Auseinandersetzung innerer Prozesse begegnen
Der Regisseur vergleicht seine Arbeit mit den Akteuren wie mit Musikern, wie haben Sie das empfunden?
Bäumer: Der Vergleich passt ganz gut. Die Schwingung, die auf jeder Figur lag und die Intensität sind sicherlich ähnlich wie bei der Musik. Mit meinem Partner André Hennicke habe ich zum Beispiel so gut wie gar nicht gesprochen: Einen intensiven Weg sind wir ja schon bei Alter Affe Angst gegangen, da konnten wir dran anknüpfen, wir hätten wohl auch blind Pingpong spielen können.
Bei einem so emotionalen Thema dürften Misstöne nicht ausbleiben …
Bäumer: Die ganze Sache war von fast erschreckend viel Harmonie geprägt, was uns teilweise schon etwas misstrauisch gemacht hat. (lacht)
Im Moment gibt es an deutschsprachigen Theatern eine ganze Reihe von Adaptionen der Wahlverwandtschaften. Worin sehen Sie den Grund für den aktuellen Boom?
Bäumer: Das ist einfach eine ganz großartige Geschichte, bei der alle Beteiligten sehenden Auges in ein Drama hinein segeln. Das Spannende an unserem Film ist, dass er gerade nicht sagt, alles ist elend und fürchterlich. Es geht nicht darum, dass zum Beispiel ein Paar ein Drama erlebt wie ein Kind zu verlieren, sondern die Frage lautet: Wie viel Glück hält der Mensch aus? Ich vermute, dass viele Paare sich einmal dieser Frage stellen
Viele hätten erwartet, dass Sie die Hauptrolle in der kommenden Romy Schneider-Biografie spielen würden, stattdessen bekam Yvonne Catterfeld den Zuschlag.
Bäumer: Ich bin gar nicht zum Casting gegangen, weil ich das Buch nicht gut fand. Ich habe nicht das Bedürfnis jemanden im Kino als Romy Schneider zu sehen. Ihr Leben war zerrissen, und das sollte man ruhen lassen. Man muss sie nicht dafür benutzen, eine tragische Geschichte zu erzählen. Ich traf vor einiger Zeit Jacques Rouffio, den Regisseur von Romy Schneiders letztem Film Die Spaziergängerin von Sans-Souci. Wir sprachen über die geplante Biografieverfilmung, und auch er war der Meinung, dass es keinen Grund gibt, einen Film über Romy Schneider zu machen.
Seit Männerpension und Der Schuh des Manitu gehört Marie Bäumer zu den bekanntesten deutschen Schauspielerinnen. Zu ihren weiteren Filmen gehören so unterschiedliche Produktionen wie Viel passiert, der BAP-Film von Wim Wenders, Der Schuh des Manitu von Bully Herbig oder Der alte Affe Angst von Oskar Roehler. Nun spielt sie in Mitte, Ende, August, einer modernen Version von Goethes Wahlverwandtschaften von Sebastian Schipper. Mit der Regisseurin unterhielt sich unser Mitarbeiter Dieter Oßwald.
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Das Problem besteht nicht im Altern an sich, sondern dass reichlich gealterte Schauspieler immer noch auf Rollen besetzt werden, die vor 20 Jahren gepasst hätten. Älter werden wir alle, hoffentlich, ;-)
jetzt antwortenKommentar meldenDas Altern ist kein Damoklesschwert, für niemanden, auch nicht für "junge Schauspielerinnen". Viele Leute empfinden das so, weil sie die Maske körperlicher Jugendlichkeit mehr schätzen als das Menschenleben. Und so leben eine Menge Menschen am authentischen Ausdruck ihres Wesens vorbei, verpassen einen grossen Teil des Reichtums ihres Lebens indem sie damit beschäftigt sind, die Maske zu pflegen oder vor dem Verfall zu schützen. Sind der Erhalt des Überkommenen und die Angst und krampfhafte Vermeidung dessen was natürlich ist nicht aber schon Tod? Lieber tot als alternd^^?
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