Kommissare an exotischen Tatorten
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Von Susanna Gilbert-Sättele
Artikel vom 11.05.2009Global Crime heißt das Schlagwort: Ob Prag, Paris oder Peking - das Verbrechen lauert überall. Doch selbst an den exotischsten Orten sind (Krimi-)Kommissare zur Stelle, um den Bösewichten das Handwerk zu legen.
Unter den aktuellen Kriminalromanen erfreuen sich jedenfalls jene mit fremden Ländern und Tatorten als Kulisse besonderer Beliebtheit. Aber auch historische Krimis und Regionalkrimis aus der deutschen Provinz oder hiesigen Großstädten haben Konjunktur.
Fast vierzig Jahre nach den letzten Abenteuern von George Simenons Kommissar Maigret hat ein anderer Pariser Polizist, Kommissar Adamsberg, eine Schöpfung der Autorin Fred Vargas, seine Fälle zu lösen und wird dabei von einer wachsenden Zahl von Lesern begleitet. Im neuesten Buch Der verbotene Ort muss Adamsberg wieder mit äußerst brutalen Verbrechen fertig werden. Weniger grausig, dafür aber parodistisch kommt der neue Krimi von Tanguy Viel daher, der in einer nordfranzösischen Hafenstadt spielt: Eine Bande plant mit dem Überfall auf ein Casino Das absolut perfekte Verbrechen. Der nonchalante Flic Bruno aus dem pittoresken Städtchen Saint-Denis ist der Held in Martin Walkers Krimi Bruno, Chef de police. Der Mord an einem nordafrikanischen Einwanderer führt ihn auf die Spur ehemaliger Kollaborateure.
Die Altstadt von Prag hat die gebürtige, in Deutschland lebende Tschechin Helena Reich zur Kulisse ihres spannenden Romans Nasses Grab erwählt. Von einem Hochwasser der Moldau hoch gespült, schwimmen den Fußgängern in einer Metrounterführung einige Särge entgegen, was nicht nur einer Reporterin Rätsel aufgibt. Zwei Jahre haben die italienischen Autoren Francesco Abate und Massimo Carlotto mit der Polizei recherchiert, bevor ihr packender Mafia-Roman auf den Markt kommen konnte. Ich vertraue dir handelt vom Aufstieg und Fall eines sardischen Mafioso, der mit manipulierten Lebensmitteln ein Millionengeschäft macht. Schrägen Humor und Skurrilität verspricht hingegen Mehmet Murat Somers Transvestiten-Komödie Die Propheten-Morde, in der ein Transvestit im Istanbuler Rotlichtviertel einen Mörder aufspüren will.
Nach Südafrika entführt hingegen Roger Smiths Kap der Finsternis. Der hochspannende Thriller erzählt nicht nur von Verbrechern und korrupten Polizisten, sondern wirft auch ein Schlaglicht auf die dunklen Seiten der Traumstadt Kapstadt. In Kenia hingegen haben ein einheimischer Ermittler und ein britischer Elitepolizist einen Mord in Mombasa aufzuklären. In dem vielversprechenden Auftakt einer Krimiserie von Nick Brownlee kommt das Duo einem weit über die Grenzen der Hafenstadt operierenden Verbrecherring auf die Schliche.
Gleichwohl stehen auch die skandinavischen Krimiautoren nach wie vor hoch im Kurs bei den deutschen Lesern. Nicht so depressiv wie Henning Mankell und nicht so verwinkelt wie Arne Dahl schreibt Leif GW Persson, den die WAZ einmal als «Klasse für sich» gelobt hat. Im neuesten Krimi des schwedischen Professors für Kriminologie, der den Titel Sühne trägt, hat der unkonventionelle Ermittler Bäckström eine harte Nuss zu knacken: Als man inmitten leerer Flaschen einen Ermordeten findet, deutet zunächst alles auf einen Kampf unter Zechbrüdern. Doch hinter dem Fall steckt eindeutig mehr.
Auch bei Asa Larsson, der schreibenden Steueranwältin aus Schweden, überschlägt sich die Kritik. Selbst die zurückhaltende Zeit nannte ihre Krimis aus dem nordschwedischen Kiruna «kleine Wunder». In Bis dein Zorn sich legt gerät die Anwältin Rebecka in ein Netz aus Schuld, Angst und Verrat, in das so mancher aus der Region verstrickt ist. In Kopenhagen spielt die Geschichte Der deutsche Freund, den die beiden dänischen Autoren Christian Dorph und Simon Pasternak als Auftakt einer Serie harter und raffiniert entwickelter Krimis konzipiert haben, die das letzte Viertel des 20. Jahrhunderts schlaglichtartig beleuchten sollen. Die Story führt in politische Zirkel und Männerbünde am Ende der 1970er Jahre.
Krimileser schweifen aber nicht nur gern in die Ferne, wenn das Gute vor der Haustür zu finden ist. Deutsche Regional- und Städtekrimis liegen jedenfalls voll im Trend. So hat die Schriftstellerin Gisa Klönne gerade für ihren Roman Nacht ohne Schatten den mit 5000 Euro dotierten Friedrich-Glauser-Preis erhalten. Die Geschichte, die dritte mit Kommissarin Judith Krieger als Heldin, spielt in Köln. Louise Boni, Hauptkommissarin der Freiburger Kripo, ist der Star in Oliver Bottinis nunmehr viertem Krimi Jäger in der Nacht. Die Ermittlerin hat sich mit mehreren Morden auseinanderzusetzen, die nur auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben.
Ihr Kollege, Kriminalhauptkommissar Reiner Emmerich, kümmert sich unterdessen in Stefanie Wider-Groths Stuttgart-Krimi Tatort Hölderlinplatz um den Mord an einer alten Frau, das Verschwinden eines wertvollen Archivs und die Verbindungen zwischen beidem. Das fleißige Autorentrio Michael Bay, Hiltrud und Artur Leenders lädt in seinem neuesten Gemeinschaftswerk an den Niederrhein zum Kesseltreiben: Eine Frau, die alle Freiheiten der Großstadt ausgekostet hat, wird in ihrem Dorf als gefährliche Hexe geahndet. Auf Amrum ist dem Filmkritiker und Kabarettisten Krischan Koch die Story für seinen ersten Krimi Flucht übers Watt eingefallen: Kunststudent Harry kommt auf die Insel, um nach dem Raub von mehreren wertvollen Bildern erst einmal unterzutauchen. Doch einige mysteriöse Todesfälle machen ihm das Leben schwer.
Auch aus Großbritannien, wo einst die Wiege der Kriminalliteratur stand, erreichen neue spannende Romane von Topautoren das Festland: Die Schottin Val McDermid etwa gibt mit Nacht unter Tag ihrem Detective Inspector Karen Pirie Rätsel auf: Die Ermittlerin vermutet einen Zusammenhang zwischen dem Verschwinden eines Bergarbeiters und der Entführung einer Frau mit ihrem Baby, auch wenn beides zwanzig Jahre zurück liegt. Die «Queen of Crime» P. D. James präsentiert mit Ein makelloser Tod ihren 18. Roman. Dieses Mal muss der Mord an einer gefürchteten Journalistin aufgeklärt werden, die in ihrem Bett in einer Schönheitsklinik tot und mit hässlichen Würgemalen am Hals gefunden wird. Auch das emsige Autorenpaar Nicci Gerard und Sean French hat unter seinem Künstlernamen Nicci French einen weiteren Top-Psychothriller Seit er tot ist verfasst: Die Tatsache, dass ihr Mann gemeinsam mit einer Unbekannten tödlich verunglückt ist, lässt Eleanor nicht ruhen. Bei ihren Nachforschungen stößt die Witwe auf ein Gestrüpp aus Lügen und Verrat.
Die amerikanische Bestsellerautorin Karin Slaughter schickt in Zerstört erneut die Gerichtsmedizinerin Sara Linton und ihren Polizistengatten Jeffrey Tolliver auf Verbrecherjagd, was für alle Beteiligten dramatisch endet. Von Stephen King als sein «Buch des Jahres» gekürt wurde William Gays Thriller Nächtliche Vorkommnisse, der mit einer grauenvollen Entdeckung auf einem Friedhof beginnt und in einer nervenzerfetzenden Jagd endet. Auch die Washington Post rühmt die «beunruhigend verführerische Lektüre» des in den Wäldern von Tennessee lebenden Autors.
voc/news.de/dpa