Kurz vor der Eröffnung der Richard-Wagner-Festspiele ist der drohende Streik so gut wie abgewendet. In ein paar Tagen soll neu verhandelt werden. Dann dürfte es mehr Geld für die «nichtkünstlerischen Beschäftigten» geben. Die Kartenpreise könnten deshalb steigen.
Es wäre ein Novum gewesen in der 133-jährigen Festspielgeschichte von Bayreuth: Die Türen zum Festspielhaus geschlossen, blockiert von Gewerkschaftern mit Schildern: «Dieser Betrieb wird bestreikt.»
Gerade noch rechtzeitig vor der glanzvollen Eröffnung der Richard-Wagner-Festspiele am 25. Juli ist dieses Szenario abgewendet worden. «Es sieht alles danach aus, dass der Streik vom Tisch ist», sagte Hans Kraft von der Gewerkschaft Verdi am Mittwoch.
Noch einen Tag zuvor hatte die Gewerkschaft die Muskeln spielen lassen und mit Arbeitskampf gedroht, nachdem die Tarifverhandlungen unterbrochen worden waren. Weitere Gespräche und schriftliche Noten führten nun aber doch zu einer Annäherung. Am 22. Juli soll erneut verhandelt werden, und Kraft ist optimistisch: «Ich habe das Gefühl, dass wir uns einigen können.»
Bei der Auseinandersetzung geht es um rund 140 «nichtkünstlerische Beschäftigte», also Saison-Mitarbeiter, die hinter den Kulissen dafür sorgen, dass das Räderwerk im Festspielhaus läuft - Bühnenarbeiter, Handwerker, Beleuchter. Sie arbeiten während der Festspielzeit oft 60 Stunden und mehr in der Woche bei geringer Bezahlung, manche campieren auf umliegenden Wiesen.
Die neuen Festspielleiterinnen Katharina Wagner (31) und Eva Wagner-Pasquier (64) reagierten erleichtert auf die Botschaft. Für sie ist die Beilegung des Konflikts ein wichtiger Erfolg. Der Imageschaden wäre beträchtlich gewesen, wenn es bei ihrer ersten Spielzeit gleich einen Streik gegeben hätte. Da kommen Besucher aus aller Welt, viele haben jahrelang auf eine Karte gewartet - sie wären vermutlich fassungslos, wenn dann die Aufführung ausfallen würde.
Der Konflikt zeigt aber auch, dass in Bayreuth mit dem Rückzug von Wolfgang Wagner eine neue Zeit angebrochen ist. Mehr und mehr nähern sich die Festspiele einem «normalen» Opernbetrieb an. Dafür spricht schon, dass es überhaupt Tarifverhandlungen gibt - es sind die ersten, die jemals auf dem Grünen Hügel geführt wurden. Wolfgang Wagner, der 57 Jahre lang - von 1951 bis 2008 - auf dem Grünen Hügel herrschte, konnte dagegen noch patriarchalisch «durchregieren». Er setzte kompromisslos sein Prinzip durch, es sei «eine Ehre, hier mitwirken zu dürfen».
Da gab es kein Aufmucken der Bühnenarbeiter. Sänger und Musiker akzeptierten in Bayreuth Gagen, die deutlich unter dem Niveau vergleichbarer Opernhäuser lagen. Wagner kannte kein Pardon: So scheute er im Jahr 2000 nach Differenzen um Probentermine nicht einmal den Bruch mit der berühmten Sopranistin Waltraud Meier. Sie wurde seitdem nicht mehr nach Bayreuth eingeladen.
Wagner war als Alleinherrscher nahezu unangreifbar. Das brachte ihm viel Kritik ein; jedoch gelang es ihm, die Ticketpreise einigermaßen erschwinglich zu halten. Für die teuerste Karte im Festspielhaus zahlt man in diesem Jahr 225 Euro, deutlich weniger als etwa bei den Salzburger Festspielen oder den Münchner Opernfestspielen. Nun aber ist die öffentliche Hand Träger der Festspiele. Das dürfte nach den Bühnenarbeitern auch andere Mitwirkende auf die Idee bringen, mehr Geld zu fordern - Chorsänger, Orchestermusiker, von den Solisten gar nicht zu reden. Eine Erhöhung der Kartenpreise ist deshalb wohl nur eine Frage der Zeit.
Weiterführende Links:
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