Von news.de-Redakteur Florian Blaschke
Springer und die 68er, eine Geschichte, die kein Ende kennt, wie es scheint. Nun will der Verlag («Bild», «Welt», «Hamburger Abendblatt») seine Gegner von damals zu einem «Tribunal» einladen, um herauszufinden, wie es wirklich war während der Studentenunruhen.
Will man verstehen, wie tief der Graben zwischen dem Axel-Springer-Verlag und den so genannten 68ern ist, lohnt sich ein Blick in die Zeitungen von damals. Etwa in die Ausgabe der Zeit vom 26.04.1968, in der Kai Hermann unter dem Titel Nach bewährtem Muster eine symptomatische Geschichte erzählt. Ein Möbelhaus in Gladbeck brennt, die Bild titelt Möbelhaus in Brand gesteckt und stellt darüber rhetorische Fragen: Ist das Demonstration? - Ist das Diskussion? Und die Antwort: Nackte Zerstörungswut. Anschlag auf privates Eigentum.
Der Brand aber war kein Anschlag, in Gladbeck gab es damals keine Unruhen, sondern wohl ein Versehen, dass einem arbeitslosen Schweißer beim Einbruch in das Geschäft passierte. Hermann schreibt weiter: «Dieser groteske Fall von Nachrichtenmanipulation hat Parallelen nur in der Goebbelsschen Propaganda von einst und der Berichterstattung des Neuen Deutschland von heute. Wenn auch eklatant, blieb er doch kein einmaliger Ausrutscher, sondern war symptomatisch für die Berichterstattung der meisten Springer-Blätter in den vergangenen Tagen.»
Der Vergleich mit Goebbels Politik zeigt: Springer schlug Hass entgegen, nicht nur von Seiten der Studenten. Proteste vor der Verlagszentrale, brennende Autos, eingeschlagenen Türen, all das waren die Folgen von Schlagzeilen wie Jetzt wird aufgeräumt und Kein Geld für langbehaarte Affen, mit denen Springer-Zeitungen Stimmung gegen die Studenten machten.
Das führte soweit, dass auf Einladung des Republikanischen Clubs im Februar 1968 «Zeugen» gegen die Springer-Zeitungen vor dem Hintergrund der tödlichen Schüsse auf den Studenten Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967 aussagen sollten, unterstützt von Zeit und Spiegel. Das «Springer-Tribunal» wurde jedoch nach einem Abend vertagt.
Nun soll es noch einmal ein Tribunal geben, allerdings auf Einladung des Springer-Verlags. «Wir möchten wissen, wie es damals wirklich war», sagt Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender der Axel Springer AG. «Uns ist bewusst, dass unser Haus und unsere Blätter seinerzeit journalistische Fehler gemacht haben. Wir haben dies in der Vergangenheit zugegeben und tun dies auch heute.» Man werde nichts vertuschen, wünsche sich das allerdings auch «von jenen, die bis heute unbeirrt an den alten Gewissheiten und Mythen festhalten.» Vor kurzem erst hatte Döpfner die «68er» aufgefordert, sich bei Springer für ihre Angriffe von damals zu entschuldigen. Man habe seinem Haus Unrecht getan.
Entstanden sei die Idee, so teilt der Verlag mit, durch die neuerlichen Diskussionen um den Tod Benno Ohnesorgs. «Die Veranstaltung soll - sofern die damaligen Akteure der Einladung folgen - im Oktober 2009 stattfinden, und zwar in Berlin. Genauer: im Haus des Verlags.»
Das «Tribunal» werde über die Situation in Berlin um das Jahr 1968 herum debattieren und prüfen, welche Rolle die Blätter des Verlags Axel Springer, aber auch andere Publikationen und die Akteure der Studentenbewegung spielten, heißt es weiter. « Zu dieser Debatte lädt der Verlag alle noch lebenden Beteiligten an der Vorbereitung des damaligen ‹Springer-Tribunals› ein. Außerdem werden Persönlichkeiten erwartet, die - auf welcher Seite auch immer - die Jahre um 1968 als Zeitzeugen erlebt haben. Ebenso einbezogen werden Autoren, die sich mit der Zeit publizistisch oder wissenschaftlich befasst haben.»
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