Von news.de-Mitarbeiter Tobias Köberlein
«Typisch Stuttgart» mosert Lannert (Richy Müller), als die Ampel minutenlang auf rot steht. Warten liegt dem Kommissar nicht, schließlich ist man Porsche-Fahrer. Rot wird Lannert noch öfter sehen. Die Farbe dominiert den vierten Fall des Stuttgarter «Tatort»-Duos.
Ein bisschen gesucht wirkt sie schon, die Eingangsszene auf der Straße. Clever ist das Spiel mit der Farbsymbolik nicht. Aber okay, lassen wir uns darauf ein: Erst Ampel-Rotlicht, dann Rotlicht-Millieu. Alles klar! Lannert und sein Kollege Bootz (Felix Klare), mittlerweile richtig dicke Kumpel geworden, ermitteln hinter den Kulissen des ältesten Gewerbes der Welt. Kennt man aus unzähligen anderen Krimis. Schummrige Bars, Nutten, fiese Zuhälter – alles schon gesehen.
Ein «Tatort»-Schreiber braucht schon verdammt viel Chuzpe oder – um in der Sprache des Milieus zu bleiben – richtig dicke Eier, um aus diesen Vorgaben einen guten Krimi-Plot zu basteln. Stefan Brüggenthies bekommt es hin. Nach zehn Minuten hat der «Tatort» den Zuschauer auf seiner Seite. In dieser Zeit ist schon mehr passiert als in zehn «Bienzle»-Fällen zusammen: Lannert und Bootz haben eine Penthouse-Wohnung gestürmt, eine nackte Schöne in ihrem Blut liegen gesehen, Bootz ist niedergeschossen worden, und Lannert hat den schwer Verletzten in den Aufzug gezogen und gerettet.
Nur dumm, dass der Täter weg ist – und die Leiche gleich mit dazu. «Welche Farbe hatte das Auto?», fragt Staatsanwältin Emilia Alvarez (Carolina Vera) später. «Rot», sagt Lannert, «die Rücklichter waren rot.» Humor hat er auch, dieser störrische Polizist aus dem Norden, dessen Leidensgeschichte im letzten Fall allzu sehr breitgetreten wurde. Psycho-Gefasel gibt es diesmal nicht. Nur eine wunderbare Szene mit der netten Nachbarin (Birthe Wolter). Sie hat Lannert zu einem Videoabend eingeladen. 20 Krimis für eine Seminararbeit über Gewalt im Fernsehen. «Ist doch alles Quatsch!», sagt er. Später schläft sie an seiner Schulter ein.
Die tote Schöne war ein Callgirl – Galina, 19 Jahre, Kroatin. «Hat immer guten Umsatz gemacht», sagt ihr Zuhälter Zehender (Christian Koerner). In ihrer «Kundenkartei» findet sich der Name Bertram Högele (Stephan Schad). Der Mann ist Politiker, CDU, kandidiert für den Landtag und wohnt mit Frau (Ulrike Grote) und Tochter (Anna Bullard-Werner) in einem Designer-Haus in bester Hanglage. Politik und Prostitution – eine verhängnisvolle Kombination. Geht immer schief. Schnell taucht eine Videokassette mit «nackten Tatsachen» auf. Högele und Galina in Aktion. Er würgt sie, die Aufnahme bricht ab. Högele ein Mörder?
Fragen über Fragen. Lannert und der wieder genesene Bootz haken nach - bei der Prostituierten Mareen (Margarita Breitkreuz), pechschwarze Haare und, klar, rotes Kleid. Sie wohnte mit Galina zusammen im Stuttgarter Rotlichtviertel. «St. Pauli des Südens», witzelt Bootz. Der Hamburger Lannert schmunzelt nur ein bisschen. Auch Högeles Tochter ist für die Polizisten interessant. Laura war mit Galina befreundet, wusste aber nicht, dass sie anschaffen ging. Jetzt fühlt sie sich verraten.
Wieder zerbröselt ein Familien-Idyll, wie jüngst im Bremer «Tatort: Tote Männer», wie im letzten Fall des spröden Kieler Ermittlers Borowski. Eine bessere Abstimmung innerhalb der ARD bei den Ausstrahlungsterminen wäre wünschenswert. Zu ähnlich sind sich die «Tatorte» geworden, zu vorhersehbar. Auch «Das Mädchen Galina» (Regie: Thomas Freundner) spult ein bekanntes Programm ab, wenn auch auf durchaus spannende Weise. Der machtbewusste, aber bei der eigenen Frau sexuell frustrierte Politiker lebt seine Phantasien bei einer Prostituieren aus, wird dadurch erpressbar.
Im Stuttgarter «Tatort» schwingt ein Stück Politikverdrossenheit mit, eine Abscheu vor dem Zynismus der Macht. Der Gegenentwurf ist die Heimeligkeit, die im Familienleben des smarten Bootz durchscheint. Die verheulten Augen seiner Frau, die ständig Angst um ihn hat, der kleine Sohn. Der auf Machterwerb begründeten Zweckehe der Högeles stellt dieser «Tatort» auf beinahe altmodische Weise ein Stück Romantik gegenüber. Die süße Kriminaltechnikerin Nika Banovic (Miranda Leonhardt) darf ein wenig mit Galinas Bruder (Fjodor Olev) turteln. Und Eigenbrötler Lannert zeigt sich jetzt öfter von der butterweichen Seite. Da geht bestimmt noch was mit der Nachbarin. Vielleicht schon im nächsten «Tatort» aus dem Ländle. Der kommt allerdings erst 2010.
«Tatort: Das Mädchen Galina», Sonntag, 20.15 Uhr, ARD
che/news.de