Von news.de-Redakteur Florian Blaschke
Obwohl im Iran viele Internetdienste von der Regierung gesperrt worden sein sollen, umgehen Regierungsgegner die Zensur und nutzen das Internet, um sich zu organisieren. Eine große Rolle spielt dabei der oft geschmähte Kurznachrichtendienst Twitter.
«218.128.112.18:8080 218.206.94.132:808 218.253.65.99:808 219.50.16.70:8080». Solche Zahlenketten machten in den vergangenen Tagen des Öfteren die Runde beim Microblogging-Dienst Twitter. Es sind die IP-Adressen von sogenannten Proxies, Umleitungen auf ausländische Server, mit denen sich die Sperren der iranischen Regierung umgehen lassen. Und über die organisiert sich im Iran derzeit der Widerstand gegen die Machthaber.
Das Internet ist, gerade für junge Menschen im Iran, zu einem der wichtigsten Kommunikationsmittel überhaupt geworden. Oft aber geht kaum noch etwas. Nach dem Mobilfunknetz wurden nach und nach wichtige Netzdienste blockiert. Facebook, YouTube, Twitter - solche Seiten sind im Iran derzeit über die normalen Wege so gut wie gar nicht zu erreichen.
Über Proxies aber durchaus. Und so hat es beispielsweise das Schlagwort #iranelection auf Platz 1 der Trending Topics geschafft, der angesagten Themen bei Twitter. Im Sekundentakt laufen dort neue Meldungen aus dem Land ein. Schon rufen Unterstützer der Opposition Twitter-Nutzer dazu auf, ihr Profilbild durch eine grüne Grafik zu ersetzen und so eine«grüne Wand» des Protests zu bilden. «Wenn ich keine Verbindung zu Twitter habe, bin ich von der Welt abgehängt» erklärt hamednz, ein Nutzer des Internetdienstes aus der iranischen Kleinstadt Rasht. «Denn das staatliche Fernsehen berichtet über vieles nicht!» Über Twitter werden jedoch nicht nur Informationen verbreitet, iranische Oppositionelle organisieren mit ihren Nachrichten auch einen Teil der Protestaktionen. Am Montag etwa schrieb alirezasha: «Heute um 16.00 Uhr, ein RUHIGER Protest».
Dabei wollte Twitter seinen Dienst an diesem Tag eigentlich für 90 Minuten zu Wartungszwecken abschalten. Während in deutschen Medien Twitter als nerviges Geschnatter ohne echten Nutzen angeprangert wird, verschob das Unternehmen diese Arbeiten um einen Tag auf eine nachtschlafende Zeit im Iran - wegen «der Rolle, die Twitter derzeit als wichtiges Kommunikationsmittel im Iran spielt», wie es zur Begründung hieß. Sicher ist: Viele Informationen aus dem Iran hätten es ohne Twitter, YouTube und Co. bis heute nicht an die Öffentlichkeit geschafft.
Ahmadinedschads Anhänger versuchen derweil mit allen Mitteln, Protestbemühungen zu unterdrücken. Das zwischendurch abgeschaltete Mobilfunknetz ist inzwischen zwar wieder in Betrieb, SMS-Mitteilungen, die während des Wahlkampfs von Mussawi und seinen Gefolgsleuten intensiv genutzt wurden, können jedoch noch nicht wieder verschickt werden.
Der Nutzer Mohsen aus Teheran, der wie viele andere aus Angst vor Repressalien seine Identität geheimhält, twitterte in den vergangenen Tagen noch mehr als vorher. Er verbreitet, was er auf der Straße sieht, «wie die Polizei Menschen prügelt, und wie Leute, die keine Polizisten sind, Anhänger von Mir Hossein (Mussawi) prügeln», also Anhänger des nach dem offiziellen Wahlergebnis unterlegenen Präsidentschaftskandidaten. «Ich glaube, zur Strategie der Behörden gehört es, Nachrichten und Informationen zu unterbinden. Und ich tue, was ich kann, um sie daran zu hindern.»
«Die Tatsache, dass die Regierung nicht imstande ist, alle Informationen zu unterdrücken, ist wirklich entscheidend», erklärt Robin Gross von IP Justice, einer Organisation, die in San Francisco für die Wahrung digitaler Rechte eintritt. «Sie kann Zensur nur wie Flickwerk ausüben - und Zensur funktioniert ihrem Wesen nach nur ganz oder gar nicht.»
Es gibt jedoch auch Kritik an der Unterstützung. Esko Reinikainen etwa, ein Blogger aus Wales, schreibt auf reinikainen.co.uk, es sei gefährlich, solche IP-Adressen zu veröffentlichen, vor allem in Verbindung mit dem Hashtag (Schlagwort) #iranelection: «Die Sicherheitskräfte im Iran beobachten dieses Hashtag, und in dem Moment, in dem sie die Adresse eines Proxieservers identifizieren, sperren sie ihn.» Nur einer von vielen Hinweisen, die er all denjenigen gibt, die Hilfestellung leisten wollen.
Vielleicht auch aufgrund des Zensurvorwurfs erfahren iranische Internetnutzer derzeit aus Deutschland eine große Unterstützung. Die Debatte um Ursula von der Leyen und die geplanten Internetsperren dürften da eine gewisse Rolle spielen. «Im Iran umgehen die Menschen die Zensur. In Deutschland wird sie eingeführt», twitterte etwa der Nutzer Thorsten Janssen.
Der Microblogging-Dienst erfährt durch die Ereignisse im Iran noch mehr Zulauf als bisher, wie Mitgründer Biz Stone sagt. Viele Nutzer hätten sich seit Beginn der Unruhen neu angemeldet, «weil sie gehört haben, dass Twitter die beste Möglichkeit ist, herauszukriegen und weiterzugeben, was im Moment vor sich geht». Er räumt aber auch ein, dass die Nutzer eine relativ kleine Gruppe sind, die nicht unbedingt die breite Mehrheit vertreten.
Vielen Journalisten aber sind die Menschen vor Ort dennoch einen Schritt voraus: Sie fotografieren, bloggen, twittern und drehen Videos, irgendwie schaffen sie es damit immer wieder ins Netz. Während etwa der ARD-Brennpunkt gestern Abend noch berichtete, es seien angeblich Schüsse in Teheran gefallen, kursierten über den an Twitter gekoppelten Bilderdienst Twitpic längst Fotos von Opfern der Ausschreitungen.
Der große Vorteil von Twitter: Der Dienst lässt sich nur schwer blockieren, wie Harvard-Professor Jonathan Zittrain in seinem Blog erläutert. Eigentlich sei es sehr einfach, einzelne Seiten zu sperren, schreibt er. Twitter aber sei eben nicht eine einzelne Seite: «Es ist ein Atom - geschaffen, um in andere Moleküle eingebaut zu werden. Mehr als alle anderen Dienste erlaubt Twitter eine Vielzahl von Datenpfaden hinein und hinaus. [...] Bei so vielen Möglichkeiten, Tweets hin und her zu schicken, ohne dass der User auf die Website twitter.com zurückgreifen muss, ist Twitter naturgemäß zensurresistenter als die meisten anderen Websites.»
Doch nicht nur Twitter wird trotz der Einschränkungen genutzt, auch Blogs versuchen, die Sperren der Regierung zu umgehen. Tehran 24 etwa sammelt laufend Informationen, Fotos und Videos, auch Betreiber Amir Sadeghi aber hat immer wieder Probleme, seine Daten auf die Seite zu bekommen. Sätze wie «Diese Internetseite wird seit drei Stunden von der iranischen Regierung blockiert», tauchen regelmäßig dort auf.
So viele Kanäle es im Internet gibt, so vielfältig sieht der Protest dort aus. Videos auf Plattformen wie YouTube, ganze Bilderstrecken bei Diensten wie Flickr - im Netz organisiert sich derzeit ein Massenprotest gegen Präsident Ahmadinedschad und das Wahlergebnis vom Freitag.
Die Frage, wie viele der Nachrichten, die im Internet derzeit über den Iran verbreitet werden, authentisch sind, stellt sich dabei immer wieder. Dutzende von Listen mit Accounts, die aufgrund des Inhalts für authentisch erklärt werden, kursieren derzeit. Bei vielen Videos und Fotos aber stellt sich die Frage nach der Echtheit gar nicht erst.
Weiterführende Links:
Krise im Iran: Der gespaltene Gottesstaat
Datenschutz im Internet: Privatsphäre dank falscher Fährten
Kampf gegen Internetsperren: Wie mächtig ist das Netz?
Firefox-Erweiterung: Surfen wie in China
Internetzensur: China sperrt Twitter
Aus dem Netz:
Thomas Knüwer kommentiert für das «Handelsblatt», was Teheran, SPD und Ursula von der Leyen gemeinsam haben
Die «Tagesschau» berichtet darüber, wie Medien im Iran behindert werden
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