Filmfestival in Cannes Goldene Palme für Michael Haneke

Michael Haneke und die Vorsitzende der Jury von Cannes, Isabelle Huppert. (Foto)
Michael Haneke und die Vorsitzende der Jury von Cannes, Isabelle Huppert. Bild: ap

Von Karin Zintz
Das 62. Filmfestival in Cannes ist mit einer Goldenen Palme für Michael Haneke zu Ende gegangen. Sein Film «Das weiße Band» wurde mit dem Hauptpreis ausgezeichnet. Und noch ein Preis ging nach Österreich: Bester Darsteller ist Christoph Waltz.

Es ist nach vielen Preisen die erste Goldene Palme für den 67-Jährigen. Vor genau 25 Jahren hatte mit Wim Wenders (Paris, Texas) zuletzt ein deutschsprachiger Regisseur in Cannes triumphieren können. Auch der Darstellerpreis ging an einen gebürtigen Österreicher, an Christoph Waltz für seine Leistung in dem Film Inglourious Basterds von Quentin Tarantino.

Haneke, ein vornehm auftretender Intellektueller, war auf der Bühne im Festivalpalais sichtlich gerührt. «Manchmal fragt mich meine Frau eine typisch weibliche Frage, ob ich glücklich bin. Das ist schwer zu beantworten. Aber heute Abend kann ich sagen, dass ich sehr glücklich bin.»

Sein in Schwarzweiß gedrehtes Drama mit dem Untertitel Eine deutsche Kindergeschichte spielt in einem Dorf in Norddeutschland zur Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Haneke zeigt die autoritären Strukturen in den Familien und in der Dorfgesellschaft, die Verinnerlichung von Werten durch die Kinder und geht damit den Ursachen von Terror und Gewalt auf den Grund. Sein Film wirkt zunächst spröde und rätselhaft, hallt aber lange im Gedächtnis nach. «Er erzählt sehr wichtige Dinge, aber er zeigt sie sehr subtil», würdigte die Jury-Vorsitzende Isabelle Huppert ihren Freund Haneke nach der Zeremonie. Das weiße Band kommt am 12. November in Deutschland in die Kinos.

Waltz (52) ist bisher vor allem als Charakterdarsteller (Roy Black) in deutschen Fernsehfilmen bekanntgeworden. Er bedankte sich bei Regisseur Tarantino: «Du hast mir meine Berufung zurückgegeben!» Und auch für seinen Basterd-Kollegen Brad Pitt, den Waltz nach Ansicht vieler Kritiker locker an die Wand gespielt hat, fand er warme Worte: «Danke, dass Du mir auf Augenhöhe begegnet bist.»

Für Waltz bedeutet der Festivalauftritt den sicheren Schritt in eine internationale Karriere. «Dieses Ereignis hat mich in ein neues Leben katapultiert», schwärmte der Vater von vier Kindern schon vor der Preisvergabe auf dem Roten Teppich.

Als beste weibliche Darstellerin freute sich die Französin Charlotte Gainsbourg über die Würdigung ihrer harten Rolle in Antichrist von Lars von Trier. Der Große Preis der Jury ging an den Franzosen Jacques Audiard für das Gefängnisdrama Un Prophète. Den Preis der Jury teilen sich zu gleichen Teilen die Britin Andrea Arnold für das Sozialdrama Fish Tank und der Südkoreaner Park Chan-wook für seien Vampirfilm Thirst (Durst).

Mit den Preisen für Haneke und Waltz setzt sich der internationale Erfolg deutschsprachiger Filme und Schauspieler fort. «Es ist sagenhaft, hier dabei zu sein, wie eine internationale Jury einen deutschen Film mit einer deutschen Geschichte vor der ganzen Welt hervorhebt», sagte Stefan Arndt, der mit seiner Berliner Firma X-Filme Das weiße Band produziert hat, nach der Auszeichnung. Offenbar sei das Interesse an deutschen Themen noch immer groß.

Die Debatte, ob der Film in der Regie eines Österreichers nun «deutsch» sei oder nicht, hält Arndt spätestens mit der Goldenen Palme für beendet. Auch nach den Statuten der Deutschen Filmakademie erfüllt das Werk die Bedingungen zur Nominierung für den Deutschen Filmpreis und für eine deutsche Oscar-Nominierung.

Gefeiert wird nach dem Festival von Cannes auch im Studio Babelsberg bei Berlin, wo Tarantino Inglourious Basterds (Kinostart 20. August) mit dem neuen Star Waltz gedreht hat. Die weltweite Aufmerksamkeit werde die Karrieren aller weiteren beteiligten deutschen Schauspieler wie August Diehl, Daniel Brühl und Til Schweiger fördern, hob Koproduzent Fisser hervor.

Insgesamt liefen in diesem Jahr in Cannes 20 Filme im Wettbewerb um die Goldene Palme. Viele von ihnen boten ausgiebige Darstellungen von Sex und Gewalt. Auf dem Roten Teppich wurde etwas weniger Glamour zu Schau getragen, nur wenige Superstars zeigten sich den Fans. Die internationale Finanz- und Wirtschaftskrise war beim Festival an der Côte d'Azur deutlich zu spüren: Die Organisatoren veröffentlichten zwar keine konkreten Zahlen, aber Fachblätter schätzten, dass vor allem die Zahl der Branchenteilnehmer auf dem Internationalen Filmmarkt um mindestens ein Viertel gegenüber dem extrem gut besuchten Jahr 2008 gesunken sei.

Weiterführende Links:

62. Filmfestival Cannes: Ein bisschen Revolution im «Bunker»
Kommentar zum Filmfest in Cannes: Krise, du kannst uns mal!

Die Preise im Überblick:

Goldene Palme für den besten Film im Wettbewerb: Das weiße Band von Michael Haneke, Österreich/Deutschland

Großer Preis der Jury: Un Prophète von Jacques Audiard, Frankreich

Preis der Jury zu gleichen Teilen: Fish Tank von Andrea Arnold, Großbritannien, Thirst (Durst) von Park Chan-wook, Südkorea

Bestes Drehbuch: Spring Fever von Lou Ye, China

Beste Regie: Kinatay von Brillante Mendoza, Philippinen

Spezialpreis (Ausnahmepreis) der Jury: Alain Resnais für Les herbes folles, Frankreich

Bester Schauspieler: Christoph Waltz für Inglourious Basterds von Quentin Tarantino

Beste Schauspielerin: Charlotte Gainsbourg für Antichrist von Lars von Trier

Caméra d'or für den besten Debütfilm: Samson und Delilah von Warwick Thornton, Australien

Goldene Palme für den besten Kurzfilm: Arena von Joao Salaviza, Portugal

Hauptpreis der Nebenreihe Un certain regard: Kynodontas (Dogtooth) von Yorgos Lanthimos, Griechenland

Jury-Preis Un certain regard: Politist, Adjectiv, von Corneliu Porumboiu, Rumänien

Preis der Nebenreihe Quinzaine des réalisateurs: I Killed My Mother von Xaviers Dolan, Kanada

«Europa Cinema Preis»: La Pivellina von Rainer Frimmel und Tizza Covi, Österreich

Großer Preis der unabhängigen Nebenreihe Semaine de la critique: Adieu Gary von Nassim Amaouche, Frankreich

Nebenpreis Semaine de la critique: Whisper with the Wind von Shahram Alidi, Irak

Preis der ökumenischen Jury: Looking for Eric von Ken Loach, Großbritannien

Lobende Erwähnung der ökumenischen Jury: Das weiße Band von Michael Haneke, Deutschland-Österreich

Preis der Internationalen Filmkritiker-Vereinigung Fipresci: Das weiße Band von Michael Haneke, Deutschland-Österreich

Preise des Studenten-Kurzfilmprogramms Cinéfondation: 1. Preis: Bába von Zuzana Kirchnerová-¦pidlová, Tschechische Republik, 2. Preis: Goodbye von Song Fang, China, 3. Preis: Diploma von Yaelle Kayam, Israel, Don't Step Out of The House von Jo Sung-hee, Korea

bla/news.de/dpa

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