Von news.de-Mitarbeiter Tobias Köberlein
Der Bremer «Tatort» traut sich was. Auch diesmal. Im aktuellen Fall helfen Inga Lürsen weder Polizeimarke noch Dienstwaffe. Die Hauptkommissarin ermittelt auf hoher See - einem Ort, der seine eigenen Gesetze hat.
«Tatort»-Produktionen von Radio Bremen haben es in sich: Mal hängt ein Schlachter wie Vieh an einem Fleischerhaken, Mitglieder der sogenannten besseren Gesellschaft entpuppen sich als Satansjünger und bestialische Kinderschänder, oder es geht - wie zuletzt - um das heikle Thema «Ehrenmorde».
Schon bewundernswert, wie die Bremer immer wieder heikle Themen aufgreifen und in einen spannenden Kriminalfall verpacken. Den Vorwurf, in der filmischen Darstellung bisweilen über das Ziel hinauszuschießen, nimmt die «Tatort»-Redaktion dabei getrost in Kauf. Kontroverse Diskussionen sorgen zumindest für Aufmerksamkeit. Und manchmal sind sie sogar gut für das Senderimage.
In «Schiffe versenken» bekommen Inga Lürsen (Sabine Postel) und ihr Kollege Stedefreund (Oliver Mommsen) einen Fall buchstäblich vor die Füße geworfen, der zu Bremen passt wie Grünkohl mit Pinkel. Die Besatzung eines Fischerboots hat eine Leiche aus dem Meer gezogen. Ertrunken ist der Mann offenkundig nicht. Es war Mord. Der Tote trägt einen Gummianzug. «Sexuell motiviert?», fragt Lürsen den Kollegen. Der schwarzer Humor ist ihr trotz übler Rückenschmerzen nicht abhanden gekommen.
Die Wasserleiche war zweiter Offizier auf dem Frachter «MS Karina», einem Schiff, das dem Reeder Delius (Hans-Peter Hallwachs) gehört, aber unter liberianischer Flagge fährt und gerade auf dem Weg nach Norwegen ist. Während Stedefreund an Land Delius und dessen kühle Tochter Julia (Ina Weisse) aushorcht, begibt sich Inga Lürsen an Bord des Schiffes, um Kapitän Bleibtreu (Michael Gwisdek) zur Umkehr zu bewegen.
Schnell muss die Kommissarin aber einsehen, dass ihre Polizeimarke außerhalb der Zwölf-Meilen-Zone rund um die deutsche Küste nichts wert ist. Bleibtreu nimmt ihr die Waffe ab und lässt sie in eine Kabine sperren. Die Lage erscheint aussichtslos. Trotzdem bleibt Lürsen dran, denn sie weiß, dass sie die Antwort auf ihre Fragen nur auf der «MS Karina» findet.
Wenn die nimmermüde Kommissarin den alten Seebären mutig auf den Zahn fühlt, hat das durchaus seinen Reiz. Sie trotz nicht nur Wind und Wetter, sondern auch der latenten Gefahr, die von der skurrilen Besatzung ausgeht. Besonders Michael Gwisdek als knurriger, dem Alkohol zugetaner Kapitän kann überzeugen. Nicht wenig plastisch geriet den Drehbuchautoren Wilfried Huismann und Philip LaZebnik (beide übrigens «Tatort»-Novizen) der von allen Seiten gedemütigte Schiffsingenieur Onno Sibum (Gustav Peter Wöhler).
Dennoch muss der von Florian Baxmeyer inszenierte Film durch so manches Wellental. Anders als die Schiffsbesatzung ist die Geschichte nämlich reichlich schlicht geraten und für den Zuschauer um einiges leichter zu lösen als ein normaler Seemannsknoten. Ein wenig unglaubwürdig ist zudem, wie einfach Inga Lürsen die Männerwirtschaft auf dem Frachter in den Griff bekommt - und das trotz eines Mordanschlags und einer versuchten Vergewaltigung, die erst in letzter Sekunde durch einen Zufall verhindert wird. Vor diesem Hintergrund wirken die markigen Funksprüche der Kommissarin («Die versuchen mich umzubringen, aber holt mich nicht runter!») dann auch allzu schnoddrig.
Sympathiepunkte gibt’s letztendlich aber sowohl für Lürsen als auch für Stedefreund. «Schiffe versenken» mag trotz des ungewöhnlichen Schauplatzes ein recht gewöhnlicher Krimi sein - das Bremer Duo hinterlässt jedoch auch in einem eher schwachen Fall den gewohnt starken Eindruck. Bleibt nur zu wünschen, dass Inga Lürsen beim nächsten Mal ihre fiesen Rückenschmerzen los ist und wieder auf festem Boden ermitteln darf.
«Tatort: Schiffe versenken», Sonntag, ARD, 20.15 Uhr
tno/news.deWollen Sie wissen, wie es bei dem Thema weitergeht?
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