Fußball-EM 2012 Die Schmiergeld-Meisterschaften

Fußball-EM 2012
Wer kommt weiter, wer fliegt raus?
Fußball-EM 2012: Team Portugal (Foto) Zur Fotostrecke

Juliane ZiegengeistVon news.de-Redakteurin
Fußball ist ein Milliardengeschäft, nicht nur auf dem Transfermarkt, sondern auch und vor allem zu Europa- und Weltmeisterschaften. Die Ukraine hat für die EM 2012 millionenschwere Stadien bauen lassen, einige sind damit reich geworden. Für die meisten wird die EM aber ein Verlustgeschäft sein.

Verlässliche Zahlen zu den Kosten der Fußball-EM in Polen und der Ukraine gibt es nicht. Die Summen, die zum Stadionbau kursieren, lassen jedoch eine ungefähre Ahnung vom Ausmaß an Investitionen zu, die in das sportliche Großereignis gesteckt wurden. So schlägt allein die Renovierung des 90 Jahre alten Olympiastadions in Kiew, Austragungsort des Finalspiels am 1. Juli, mit mehr als einer halben Milliarde Euro zu Buche.

Zum Vergleich: Die Renovierung des Berliner Olympiastadions war nur halb so teuer, die Münchner Allianz Arena kostete 340 Millionen Euro - neugebaut wohlbemerkt.

Dennoch sollen die Vorbereitungen auf die EM die Ukraine im Vergleich zu Polen deutlich weniger gekostet haben. Zumindest wenn man dem ukrainischen Präsidenten Viktor Janukowitsch Glauben schenkt. Dieser hatte vor den Spielen über das Organisationskomitee verlauten lassen, dass die Ausgaben sich auf knapp über vier Milliarden Euro beliefen. Eine Offenlegung der Kosten wurde abgelehnt.

Profit für den Präsidenten und seine Oligarchen-Schar

Beobachter und Analysten glauben: aus gutem Grund. Sie schätzen, dass in der Ukraine mit mindestens den doppelten Kosten als in den Regierungsangaben zu rechnen sei - also etwa der Hälfte von Polens Ausgaben, das 20 Milliarden Euro investiert haben soll.

Das liege zum einen an der Kostenexplosion bei vielen Bauvorhaben. So seien Projekte wie der Umbau verschiedener Flughäfen und die Verschönerung der U-Bahn teurer geworden, als urspünglich veranschlagt. Teilweise sollen Gelder geflossen, Vorhaben aber nur halb fertiggestellt worden sein. Zum anderen habe die Regierung bewusst großzügig kalkuliert und Aufträge nach Gutdünken verteilt - unabhängig vom Preis.

Denn die für einen EM-Gastgeber gültige Verpflichtung öffentlicher und tranparenter Ausschreibungen wurde durch Janukowitsch aufgehoben. In der Folge gingen besonders viele Aufträge an Firmen in der ostukrainischen Heimat des Präsidenten, Donezk. Dorthin, wo jene Oligarchen sitzen, denen Janukowitsch sein Amt verdanken soll. Kritikern zufolge ist fast die Hälfte der Ausgaben für die meist überbezahlten Bau- und Modernisierungsprojekte in deren Taschen geflossen.

Korruption reißt tiefe Haushaltslöcher

Es verwundert daher nicht, dass die Ukraine auf der Korruptionsliste von Transparency International schon 2011 auf Platz 152 weit hinter anderen europäischen Staaten rangierte. Die Bestechungskultur floriert. Staat und Wirtschaft spielen sich - um im Fußballbild zu bleiben - gegenseitig kostspielige Bälle zu. Kostspielig vor allem für das Land selbst. Dessen Auslandsverschuldung liegt bei etwa 100 Milliarden Euro, jüngst bat die Regierung um Aufschub einer in diesem Jahr fälligen IWF-Kreditrate.

Wie groß die Gier tatsächlich ist, spiegelt sich auch in den Hotelpreisen wider. Diese waren, auch im Zuge sogenannter Raider-AttackenRaider-Attacken werden von beauftragten Schlägertrupps verübt, die Firmen oder Hotels überfallen. Ziel ist deren Übernahme durch die Auftraggeber, die sich möglichst hohe Gewinnmargen erhoffen. Vor der EM haben diese Attacken in der Ukraine massiv zugenommen. , kurz vor der EM noch einmal kräftig in die Höhe geschnellt. Selbst bereits gebuchte Zimmer wurden zum Ärger vieler Fans teurer. Das Resultat: Es reisen deutlich weniger Besucher aus dem Westen an, als in der Ukraine erwartet worden ist. Dazu mögen nicht zuletzt Negativschlagzeilen über die politischen Verhältnisse in dem Land beigetragen haben.

ESC, EM und WM
Tolle Unterhaltung in totalitären Regimen
Um die Fußball-Europameisterschaft 2012 in Polen und der Ukraine hat es eine rege Boykottdiskussion gegeben. Die EU-Kommission kündigte an, zu den Spielen nicht zu erscheinen. (Foto) Zur Fotostrecke

In der Konsequenz bleibt der Co-Gastgeber - allen Beteuerungen von Staatschef Janukowitsch zum Trotz - auf einigen Tickets sitzen. Längst nicht alle Spiele sind ausverkauft. Viele wollen ihre Karten sogar wieder loswerden und bieten sie auf Internetplattformen zu Schnäppchenpreisen feil, während sich die Preise und der Absatz in Polen normal entwickeln. Um die günstigen Ukraine-Tickets reißt sich keiner, zumal sich die Kostenersparnis wegen der besagten Hotelpreise schnell wieder relativiert.

Unabhängige Kommission soll Kosten prüfen

Zum Glück sind die Ukrainer gastfreundlicher als ihre Regierung und bieten auf der Website Welcome To Ukraine kostenlose oder preisgünstige Unterkünfte in ihrer Wohnung an. Und das obwohl die meisten von ihnen von den millionenschweren Investitionen unterm Strich gar nichts haben - bis auf die eine oder andere sanierte Straße. Aber selbst das ist fraglich, schließlich wurde hier am meisten gespart. Prestigeobjekte wie Flughäfen und Stadien gingen vor.

Für die ukrainische Regierung könnte die Unklarheit über EM-Kosten noch ein juristisches Nachspiel haben. Experten und Polit-Prominente wie Boxer Vitali Klitschko, der in seiner Heimat seit Jahren als Oppositionspolitiker aktiv ist, fordern eine lückenlose Aufklärung darüber, wo die Milliarden hingeflossen sind. Damit müsse eine unabhängige Kommission beauftragt werden. Ob es angesichts der maroden Rechtsstaatlichkeit im Land aber jemals dazu kommt, ist fraglich.

Wie viel Gewinn für Polen und die Ukraine am Ende der EM herausspringt - darüber wird auch danach nur spekuliert werden können. Prognosen verheißen für das östliche der beiden Gastgeberländer allerdings nichts Gutes. Bis zu sechs Milliarden Euro Miese gelten für die Ukraine als wahrscheinlich.

Fußball-EM 2012
Das Euro-Getöse nervt
Video: news.de

wam/news.de/dpa

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