Bildung 2.0 Das Klassenzimmer der Zukunft

Notebooks, iPads und 3-D-Brillen erobern die Klassenräume. Noch hat Deutschland einiges nachzuholen. Aber erste vielversprechende Projekte gibt es bereits. Wird der Lehrer damit bald überflüssig?

Am Thomas-Strittmatter-Gymnasium im baden-württembergischen St. Georgen ist die Science-Fiction-Illusion längst Realität geworden. Hier sitzen die Schüler mit 3D-Brillen im Unterricht und lassen sich technisch veranschaulichen, wo das eigene Vorstellungsvermögen sie im Stich lässt. Ob eine virtuelle Tour durch das menschliche Ohr, der Querschnitt eines Kegels, Magnetismus oder Michelangelos David-Statue: Im Cyber Classroom wird schwer verständliches Wissen anschaulich vermittelt.

Bildungsmesse Didacta: Technik ist kein Allheilmittel
Video: zij/news.de/Unitec

Die Technik dazu kommt von der Stuttgarter Visenso GmbH. «Cyber Classrooms sind eine ganz neue Methode, um komplexe Inhalte besser an Schüler heranzutragen», sagt Geschäftsführer Martin Zimmermann im Gespräch mit news.de. 14 Pilotschulen sind bereits mit der Technologie ausgestattet. An 23 weiteren außerschulischen Lernorten wie Universitäten und Forschungseinrichtungen können alle anderen Bildungsinteressierten die neue Methode der Wissensvermittlung testen.

Zusammen mit Lehrern und Hochschulen entwickeln Zimmermann und sein Team immer neue Lerninhalte. «Begonnen haben wir mit 3-D-Lernmodulen aus den Bereichen Mathematik, Physik, Biologie und Chemie. Aber in der Diskussion mit den Lehrern sind ganz neue Anwendungsgebiete entstanden», sagt Zimmermann weiter. So seien heute auch digitale Rundgänge durch Moscheen und Synagogen möglich oder Simulationen, was im Körper bei einem Weitsprung passiere.

Tablet, Notebook und 3D: Cyberspace im Klassenraum

Deutschland hinkt bei der Digitalisierung

Und das zeigt Wirkung: Laut einer Studie des amerikanischen Technologieunternehmens Texas Instruments wirkt sich der Einsatz von 3-D-Inhalten im Schulunterricht positiv auf das Lernverhalten der Schüler aus. 740 Schüler und 47 Lehrer aus 15 Schulen in Europa nahmen an der Untersuchung teil. Durch den 3-D-Unterricht verbesserten sich bei 86 Prozent der Schüler die Lernergebnisse im Gegensatz zur Vergleichsgruppe, die mit Büchern, Filmen und anderen zweidimensionalen Lernmethoden büffelte.

Technik schlägt Tafel und Kreide. Zu diesem Ergebnis kommt auch eine Umfrage des Computerherstellers Acer. In einem Pilotprojekt testeten 8000 Schüler und Lehrer in sechs europäischen Ländern Netbooks im Unterricht, mehr als 70 Prozent zogen im Anschluss ein positives Fazit.

Doch bei aller Euphorie: Fakt ist auch, dass die Digitalisierung hierzulande nur schleppend voranschreitet. «Deutschland steht ungefähr auf Platz 17 im internationalen Vergleich bei der Einbeziehung digitaler Medien im gesamten Bildungsprozess, das heißt in Schulen, Hochschulen und im Bereich Weiterbildung», sagt Frank Siepmann, Herausgeber des eLearning Journals.

Der Overheadprojektor ist out

Gründe dafür gibt es mehrere. Zum einen fehlt an vielen Stellen das Geld für derartige Anschaffungen. So liegt die Standardvariante des Cyber Classrooms - bestehend aus einem Stereofernseher, der Nintendo Wii als Interaktionsgerät, einem Rechner und der Software - etwa bei 15.000 Euro, das günstigere Einstiegsmodell mit Beamer bei 10.000 Euro.

Zimmermanns Firma führt bereits intensive Gespräche mit den Kultusministerien der Länder und dem Bildungsministerium, um die Technologie an weitere Schulen und Hochschulen tragen zu können. Denn er weiß: «Lehrer mögen noch so motiviert sein, aber wenn sie den Schülern im Unterricht mit einem Overheadprojektor kommen, während diese zu Hause die neueste Technik haben, dann entsteht ein riesiger Medienbruch.» Die neue Technik sei also unabdingbar.

Doch der finanzielle Aspekt ist nicht die einzige Hürde. «Gerade Lehrer haben sich bis vor wenigen Jahren sehr lange als Bedenkenträger zum Thema E-Learning aufgestellt», sagt E-Learning-Experte Siepmann. Durch digitale Medien eröffnen sich ihnen im Unterricht neue Möglichkeiten. Und die müssen erst erlernt werden - zusätzlich zu den bisherigen Aufgaben des Pädagogen. Siepmann glaubt jedoch, dass das eine Generationenfrage sei. Die nächste Lehrergeneration werde genauso vertraut mit Internet und Computer sein wie die Schüler.

Mathe und Musik mit dem iPad

André Spang von der Kaiserin-Augusta-Schule in Köln hat das neue Konzept bereits verinnerlicht. Der Lehrer setzte sich dafür ein, einen Klassensatz iPads für seine Schüler zu besorgen. Seit Anfang Februar 2011 arbeiten sie mit dem Tablet-Computer, komponieren darauf Stücke im Musikunterricht, recherchieren Fragestellungen und stellen ihre Ergebnisse für jedermann sichtbar in das schuleigene Wiki. «Unser Ziel ist es, die Schüler zu mündigen Internetnutzern zu erziehen, denn diese Fähigkeiten werden sie auch später in ihrem Beruf brauchen», sagt er im Gespräch mit news.de. Die Erfahrungen mit dem neuen Konzept hält Spang auf dem Schulblog fest.

45 der 75 Kollegen an dem Kölner Gymnasium nutzen die iPads bereits, Spangs Bilanz ist durchweg positiv: «Ich merke, dass die Schüler viel mehr bei der Sache sind, motivierter arbeiten und Spaß haben.» Aus dem frontalen Unterricht sei projektorientiertes, vernetztes Arbeiten geworden. Die Schüler arbeiten selbstständiger und können individuell gefördert werden. Überflüssig macht das den Lehrer aber nicht. Er wird künftig vor allem den Input geben und koordinieren.

Spang ist sich sicher, dass in den kommenden Jahren auch andere Schulen die Möglichkeit bekommen, digitale Medien für den Unterricht anzuschaffen. «Und durch diesen Leitmedienwechsel wird sicher auch bald das traditionelle Schulbuch verschwinden.» In Ländern wie den USA bringen die Schüler bereits ihre eigenen Laptops und Tablets mit und arbeiten mit ersten digitalen Schulbüchern. Deutschland hat also tatsächlich noch einiges aufzuholen. Doch der Anfang ist getan.

som/rzf/news.de/dapd

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Leserkommentare (1) Jetzt Artikel kommentieren
  • DerMixer
  • Kommentar 1
  • 31.01.2012 12:26

Also Technik zur Belebung des Unterrichts ist sicherlich ab und zu mal eine lustige Sache. Aber dochauf keinen Fall ein MUSS. Werte werden anders vermittelt. Die Schule zum Medienspektakel umzubauen? Na wir sehen ja wohin uns unsere Bildungsminister hinsteuern. Hurra wir verblöden.

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